MIDSOMMAR

Midsommar
Midsommar | USA | 2019
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem ihre Schwester Suizid begeht und ihr Eltern gleich mit auf die Reise nimmt, ist die Doktorandin Dani (Florence Pugh) fix und fertig. Ihr Freund Christian (Jack Reynor) ist ihr dabei keine große Stütze, im Gegenteil: Er ist mit der Situation überfordert und will mit seinen Kumpels Mark (Will Poulter), Josh (William Jackson Harper) und Pelle (Vilhelm Blomgren) Zerstreuung in der mittelschwedischen Provinz Hälsingland finden. Danis beschließt mitzukommen und so steht die von atmosphärischen Verstimmungen betroffene Gruppe alsbald in der schwedischen Pampa, wo sie von den freundlichen Bewohnern aus Pelles Heimatdorf empfangen werden.

Wie auch schon der erfolgreiche und vielgelobte HEREDITARY – DAS VERMÄCHTNIS (2018) ist auch Ari Asters zweiter Spielfilm ein Werk über zwischenmenschliche Probleme, die die Protagonisten letztlich ins Verderben führen. Erneut steht dabei eine in ihren Grundfesten erschüttert Frau im Zentrum. Dani verliert zu Filmbeginn Schwester, Vater und Mutter und benötigt die Geborgenheit ihres Freundes Christian dringend. Deswegen ordnet sie sich ihm fast bedingungslos unter; sie nimmt seine Schuld auf sich, verzeiht ihm vorschnell Fehler und nimmt gegen ihren Willen Pilze zu sich. Sie hängt von ihm ab – und genau das verträgt er nicht. Christian bemüht sich grundsätzlich um Dani, aber es fehlt die aufrichtige Liebe, die dieses Bemühen glaubwürdig erscheinen ließe. Aster bringt die beiden dann gleich mehrfach in Szenen, in denen sie (und auch die Zuschauenden) bemerken, was los ist, sich aber keiner getraut, die Wahrheit auch auszusprechen.

Stattdessen ist es die ungewöhnliche Umgebung (Robin Hardys THE WICKER MAN (1973) lässt grüßen!), die die Aufmerksamkeit der beiden Hauptfiguren bindet. Das kleine Dorf Hårga wird vor allem für Dani schnell zur heimeligen Umgebung. Die Dorfbewohner begegnen ihr mit familiärer Nähe, eine Gleichaltrige ersetzt die verlorene Schwester und die Wahl zur Königin vollendet den Anschluss, der Irritierendes und Grausames vergessen macht. Und so erklärt sich auch, warum der skurrile Freitod der zwei Dorfältesten zwar die anderen Touris in die (nicht zu vollendende) Flucht treibt, nicht aber Dani und Christian. Während erstere nämlich immer tiefer in die Gesellschaft hineinrutscht, treibt letzteren das beobachtende Interesse des Anthropologen an. Eine Gesellschaft, in der die Alten von Klippen in den Tod segeln (Schleudertag, anyone?) ist einfach zu interessant. Da streitet man auch schon mal mit dem besten Kumpel und ignoriert, dass bei Nichtgelingen des Suizids die übrigen Dorfbewohner per übergroßem Holzhammer nachhelfen.

Aber auch abseits der Klippe verstört das Dörfchen überaus. Komponist Bobby Krlic lässt weite Teile des Films frei von Klängen und verlegt sich ansonsten aus Sphärisches. Die Stille, die Aster und Kameramann Pawel Pogorzelski dann wie schon in HEREDITARY mit zentrierten Bilder, theaterhaften Ebenen und dieses Mal auch einigen Distanz-schaffenden Totalen unterlegen versetzt die Zuschauenden in die Rolle von Teilnehmern der skurrilen Feste. Ein ums andere Mal fühlt man sich in die Rolle des rastlosen Mark hineinversetzt, der von den Darbietungen halbwegs gelangweilt ist. Die Stille, die gleichförmigen Bewegungen der Dörfler, deren forschenden Blickt – all das langweilt und erfüllt einen gleichermaßen mit Unbehagen. Dazwischen gibt es dann immer wieder verstörend explizite Momente, Nacktheit und allerlei Absurdes. Leider aber auch einen nur allzu klaren Ablauf. Der Film steuert schnurgerade auf sein Ende zu und erreicht es auch ohne den kleinsten Schlenker. Ich bin nun wahrlich keiner, der immer an Storylines herumnörgelt oder ständig den nervigen style over substance-Vorwurf hervorkramt, aber hier verlässt sich Aster für meinen Geschmack doch ein wenig zu sehr auf seine inszenatorischen Fähigkeiten. Die sind zwar zweifellos äußerst ausgeprägt, jedoch erneut zu stark auf jene optischen Tricks und unterbewussten Spielerei ausgerichtet, deren Form und Wirkung ich ja schon im Text zu HEREDITARY kritisiert habe.

Sei es wie es sei: MIDSOMMAR ist ein packendes, wenn auch bisweilen etwas simples Horror-Drama, das das einschlägige Publikum erneut aufgrund seiner verstörendes Form erreicht. Es bleibt nun abzuwarten, ob Aster, der ankündigte, die nächsten zehn Drehbücher, von denen jedoch keines dem Horrorfach angehöre, bereits in der Schublade zu haben, auch in anderen Genres wird überzeugen können.

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