ONCE UPON A TIME IN… HOLLYWOOD

Once Upon a Time in… Hollywood
Once Upon a Time in… Hollywood | China/Großbritannien/USA | 2019
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nach RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE (1992) und PULP FICTION (1994) lieferte Quentin Tarantino mit JACKIE BROWN (1997) gezielt ein Werk, welches sich voll auf seine Hauptfigur konzentrierte und nicht auf die Geschichte – und somit die Erwartungen der Zuschauenden ein stückweit unterlief. Ähnliches passierte nach INGLOURIOUS BASTERDS (2009) und DJANGO UNCHAINED (2012) mit THE HATEFUL 8 (2015). Es war also vor dem Erscheinen von ONCE UPON A TIME IN… HOLLYWOOD durchaus eine spannende Frage, welche Richtung der Erfolgsregisseur nun einschlagen würde. Tatsächlich setzt er den Weg style over substance fort – aber da wir Filmfreunde ja wissen, dass style gleichsam substance ist, soll das vorerst keine Wertung darstellen.

Die Geschichte spielt im Hollywood des Jahres 1969. Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) ist ein TV-Western-Star, der jedoch gleichzeitig mit dem Niedergang des klassischen Hollywood seine Karriere vergehen sieht. Mittlerweile ist er gar der Antagonist, ein klares Indiz für seinen Abstieg. Kumpel und Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt) ist jedoch stets an seiner Seite, auch wenn es ihn bisweilen auf eigene Pfade, zum Beispiel auf eine von skurrilen Hippies bewohnte Ranch, treibt. Der Lichtblick in diesem Spiel aus Alkohol und Selbstmitleid: neben Rick ist gerade der hippe junge Regisseur Roman Polański (Rafał Zawierucha) mit seiner Freundin Sharon Tate (Margot Robbie) eingezogen, der das Hollywood-Kino mit seinem europäischen Esprit erneuert.

160 Minuten und die ganze Story findet sich in den paar Zeilen dort oben. Die Hippies sorgen am Ende mehr oder minder dafür, dass Rick auf Polańskis Freundin Tate trifft. Karriere gerettet? Who knows. Eine Geschichte eben. Er war einmal. Bis dahin passiert de facto nichts. Nach 20 Minuten ist bekannt, dass Daltons Karriere den Bach runtergeht (was DiCaprio unvergleichlich neurotisch darstellt, grandios!) und in den folgenden zwei Stunden – Überraschung! – geht sie den Bach runter. Cliff schlägt sich so durch Leben – und das war’s. Der Knaller: Margot Robbie geht in der Rolle der Stilikone Sharon Tate einfach ins Kino, hat Spaß daran und fährt dann nach Hause. Tarantino gönnt diesem „Handlungsstrang“ 20 Minuten. Klar, er etabliert die Figur, erklärt Tates altruistischen Charakter für das Finale, aber er ist gleichzeitig der deutlichste Beleg für Tarantinos beinahe absichtliche Weigerung, seinem Film eine stringente Story zu verpassen. Und kurz nach der Sichtung hat mich das geärgert. Dem gegenüber steht aber die Feststellung, dass der Film trotzdem gut unterhält und einige wirklich tolle Momente besitzt.

Allem voran: DiCaprio und Pitt brillieren. Erster wie gesagt mit seinem Schicksal hadernd, bisweilen fatalistisch, dann wieder (wie nach dem Lob der beeindruckenden Julia Butters) euphorisch. Letzter als Lebemann, der keine Kompromisse eingeht, auch wenn das für ihn ein Leben im Trailer bedeutet. Das macht Spaß. Aber auch daneben ist der Film vollgestopft mit hochkarätigen Mimen, Al Pacino, Kurt Russell und Bruce Dern seien nur exemplarisch erwähnt. Mit Hilfe all dieser Figuren erzeugt Tarantino ein Bild jener Zeit. Sie sind sehr oft toll geschrieben, ja, aber ihr Zusammenspiel lässt das Zeitkolorit vor den Augen der Zuschauer entstehen: Mike Mohs Bruce Lee-Darstellung ist drüber? Ja, aber genau diese exzentrische Art schlug damals ein wie ein Bombe. Pacino erklärt Rick (und den Zuschauenden) als Produzent Schwarz mal eben das Leben eines Schauspielers in Hollywood und Margaret Qualley erweckt als Pussycat die Verlockungen von Charles Mansons Sekte zum Leben. Wie oben bereits erwähnt: style is substance und die Dichte an tollen und toll inszenierten Figuren ist maßgeblich die Substanz, der Inhalt dieses Films.

Weiter: Tarantino geht natürlich seinem ureigenen Handwerk nach, jedwede Szene mit Anspielungen vollzustopfen. Es gibt Filmplakate, Songs, Autos, TV-Serien, Kinofilm, Sänger/innen, Schauspieler/innen, Filmschaffende, Orte, Straßen, Gebäude, Zitate und Unzähliges mehr, was das Hollywood des Jahres 1969 vor den Augen der Rezipienten auferstehen lässt. Diese Mischung aus Referenzen und schlichter Ausstattung ist eine Augen- und Ohrenweide und belegen noch einmal: style is substance. Am liebsten ist mit freilich jene Sequenz, in der es Rick kurzzeitig nach Italien verschlägt, wo er in typisch eurozentrischen Produktionen mitwirkt, welche per (teils fiktiven, teils realen) Namen, Postern und Genres dargestellt werden. Zucker! Aber auch zahlreiche Durchleuchtungen des US-amerikanischen Kinobetriebs, inklusive seiner Abgründe, zeugen vom wachen Blick Tarantinos.

Letztlich: Ja, es ist eine Geschichte; und eine Geschichte darf wirr verlaufen und in einem absurd konstruierten und absurd brutalen Finale enden. Und ja, style is substance und gerade in der Kunstform Film kommt der äußeren Form natürlich eine besondere Bedeutung zu. Aber: auch die Story ist Teil eines Films und die kommt hier schlicht etwas zu kurz. Es ist beeindruckend, dass der Streifen trotzdem bombig unterhält und nicht hängt, das muss man kritiklos anerkennen. Aber es ist eben auch dieses kleine Manko, dass ONCE UPON A TIME IN… HOLLYWOOD von den ganz großen Würfen Tarantinos unterschiedet.

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