ES: KAPITEL 2

Es: Kapitel 2
It: Chapter Two | USA | 2019
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Vor zwei Jahren schrieb ich zu Andrés Muschiettis Neuverfilmung ES (2017), es wäre vor allem bezüglich der Horrordarstellungen noch Luft nach oben, während der Cast seine Sache durchaus ordentlich mache. Nach Sichtung des zweiten Teils muss ich nun konstatieren, dass der Argentinier seinem bisherigen Konzept treu geblieben ist – mit seinen Stärken und Schwächen. Da der erste Teil mit rund 700 Millionen US-Dollar (bei einem Mini-Budget von 35 Millionen) ein riesiger Kassenerfolg war und auch die Rezeption überwiegend positiv ausfiel, erstaunt das nicht wirklich. Schade ist es hier und da trotzdem.

Anders als in Tommy Lee Wallace‘ TV-Zweiteiler ES (1990) nutzt Muschietti seine zwei Filme, um relativ deutlich zwischen Jugend- und Erwachsenen-Erlebnissen zu trennen. Zeigte Teil eins ausschließlich die Kids 1989, bedient sich der aktuelle Streifen zumindest teilweise erneut der Jugenddarsteller. Diese Mischung gefällt, da so die enge Verbindung zwischen den Erfahrungen in der Kindheit und dem Leben als Erwachsener (immerhin eines der Kernthemen von Kings Roman) stellenweise deutlich wird. Insgesamt bleiben vor allem die alten Charaktere aber zu blass, ihr aktuelles Dasein wird nur in den ersten 20 Minuten skizziert. Dafür weisen sämtliche Figuren immer noch deutliche kindliche Züge auf, was auf der einen Seite wiederum schöne Verbindungen zeichnet, bezüglich der Inszenierung aber immer wieder auf irritierend Weise dafür sorgt, dass man sich wie in einem Coming-of-Age-Abenteuer-Streifen fühlt, dessen Protagonisten aber allesamt um das vierzigste Lebensjahr kreisen. Lässt man sich darauf ein, wird man mit einem spielfreudigen und trefflichen Cast belohnt. Jessica Chastain setzt Sophia Lillis‘ Leistung als Beverly gekonnt fort, Bill Hader gibt einen tollen Quatschkopp Richie, der sich wie früher toll mit dem nun von James Ransone gegebenen Eddie duelliert – und deren innige Verbindung über die immensen 170 Minuten Spielzeit hinweg toll wächst. Und während James McAvoys zentraler Bill etwas blass daherkommt, darf Jay Ryan als nun hünenhafter Schönling Ben für die größte Überraschung sorgen. Muschietti verliert dabei nie eine der Figuren aus den Augen und verwebt die Beiziehungen vor den Augen der Zuschauenden geschickt. Soweit zur bewahrten Stärke des Vorgängerfilms.

Auf der anderen Seite steht die Eigenschaft des Streifens als Horrorfilm – und Horror bedeutet und Muschietti und seinen Autor Gary Dauberman eben erneut, eine Holzhammer-Szene an die nächste zu hängen. Dabei muss gegenüber dem Vorgänger natürlich eine Schüppe draufgelegt werden und die Eröffnung zeigt sogleich, dass das auch möglich wäre: das homophobe Gewaltverbrechen ist derbe inszeniert und trifft tief in die Magengegend. Danach verlegen sich die beiden allerdings erneut auf das bekannte Konzept: eine Szene wird mit schleichendem Unwohlsein eröffnet und schwenkt dann zügig um in raue, laute Horrorbilder, denen jegliche Subtilität abgeht. Insbesondere während der rund 45-minütigen Suche der Protagonisten nach ihren „Artefakten“ reihen sich Szenen dieser Machart unzählig oft hintereinander, was dem Film einen Hänger in der Mitte beibringt. Und das irritiert vor allem deshalb, weil Muschietti die Auftritte von Bill Skarsgårds Wesen erneut so laut und zappelig darstellt, dass einem nur diese formalen Aspekte Unwohlsein bereiten – nicht aber das Geschehnis. Eine Ausnahme stellt der Besuch Beverlys in ihrer alten Wohnung dar. Mrs. Kershs Verhalten ist gruselig, ihr Gezappel im Hintergrund sorgt für Gänsehaut. Und auch wenn auch diese Sequenz sich am Ende in Krach und Gezappel auflöst, so schafft sie es doch am längsten, eine Atmosphäre von Unwohlsein zu erzeugen.

Was bleibt? Zum Ende hin ergeht sich der Streifen erneut im CGI-Überfluss, Horror wird hier mit dem Holzhammer kredenzt und die Hintergründe der Figuren bleiben vage. Auf der anderen Seite gibt es tolle Charaktere, die man nach den rund 300 Minuten, die die beiden Streifen zusammen auf die Spielzeit-Waage bringen, durchaus ins Herz geschlossen hat und eine Inszenierung, die die durchaus lange Spielzeit unterhaltsam vergehen lässt. Als Fazit bietet sich vielleicht ein Blick auf die letzte Szene des Films an: Isaiah Mustafas Mike Hanlon verlässt Derry endlich als letzter der Bande und lächelt dabei einer sonnigen Zukunft entgegen. Es ist besiegt, alle Freunde sind (trotz einiger Verluste) im Reinen miteinander und können nun ein zufriedenes Leben als Erwachsene leben. Muschietti verzichtet darauf, seinen Film mit irgendeinem fiesen Abschluss-Schrecken zu versehen, alles endet friedlich. Ein Ende, wie es zu einem Coming-of-Age-Streifen gehört. Und als solcher sollte ES: KAPITEL 2 trotz seiner vordergründigen Horror-Bemühungen verstanden werden.

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