DIE NÄCHTE EINER SCHÖNEN FRAU

Die Nächte einer schönen Frau
A Woman of Paris | USA | 1923
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Vier Jahre lang steckte Charles Chaplin noch im Kontrakt mit dem First National Filmverleih, obwohl er bereits 1919 zusammen mit den Hollywood-Größen Douglas Fairbanks, Mary Pickford und David Wark Griffith das Studio United Artists gegründet hatte. Doch 1923 steuert auch Chaplin dann ein Werk zum gemeinsamen Projekt bei – und es sollte ein sehr persönliches Werk werden. Denn wie diverse Kurzfilme bereits in den Jahren zuvor offenbart hatten, war dem als Komiker berühmt gewordenen Chaplin auch durchaus daran gelegen, ernstere Stoffe anzufassen. DIE NÄCHTE EINER SCHÖNEN FRAU, bei dem Chaplin schon (wie auch bei allen folgenden Filmen für UA) sämtliche Fäden in der Hand hielt, sollte dann ein Melodram werden, welches der Erwartungshaltung der Kinobesucher allerdings diametral entgegenstand. So wurde die Tagline des US-Plakats, „The Public will fight to see this“, dann zum großen Irrtum; der Film floppte.

Und das, obwohl die Kritiker durchaus das geschickte Handwerk Chaplins erkannten. Gleich zu Beginn wird das Zerwürfnis von Marie St. Clair (für die Chaplin Edna Purviance besetzte, um ihre Karriere zu pushen) mit ihrem Vater sowie der Streit ihres Geliebten Jean (Carl Miller, der Vater aus DER VAGABUND UND DAS KIND (1921)) mit seinen Eltern in einer flotten Parallelmontage gezeigt, bevor Marie dann allein nach Paris flieht. Der einfahrende Zug wird dabei durch aus von den nicht sichtbaren Fenstern fallendes Licht symbolisiert, dass Marie streift. Obschon die Kamera natürlich noch recht statisch ist – Schwenks gibt es keine –, arbeitet Chaplin doch mit einigen Zomms, zum Beispiel um in das Bauernhaus einzudringen. Zusammen mit den prunkvollen Pariser Clubs und den stimmungsvollen Appartements (sowie einer mehrfach genutzten Straßenszene) entsteht ein runden optischer Eindruck.

Aber es gibt natürlich auch was zu lachen, denn Chaplin vergisst nicht, das Dargebotene stets augenzwinkernd zu begleiten. Da gibt es ein Rezept für Champagnertrüffel, die Menschen ebenso munden sollen wie Schweinen und eine tolle Szene, in der Charmeur Pierre (der mit gerade mal 33 Lenzen schon sehr alt aussehende Adolphe Menjou) in der Küche nicht bemerkt, dass man ihm stinkendes Fleisch offeriert. Es sind immer wieder diese kleinen Sketche, die nicht nur auf den Humor Chaplins, sondern auf seine große Erfahrung bezüglich kurzer, pointierter Gags verweisen. Dass Pierre Maries Wunsch nach Kindern mit einem Fingerzeig in Richtung einer keifenden, entnervten Mutter beantwortet, ist dabei ebenso grandios wie die Szene, in der eine Tänzerin auf einer Party aus einem Laken entwickelt wird, welches sich der Entwickelnde gleich selber umbindet.

Doch bestünde der Film nur aus solchen Späßen, läge das eingangs zitierte Plakat ja richtig. Nein, Chaplin gönnt seinem Film auch mehrere fein gezeichnete Charaktere, die den Film zu einem vollwertigen Drama machen. Schon in den ersten Minuten scheitert die Beziehung von Marie und Jean daran, dass er bei seinem sterbenden Vater bleibt – ohne dass Marie das weiß. Sie reist nach Paris und gerät an Pierre, der sie zwar aushält, aber keine echte Beziehung mit ihr möchte – in der Öffentlichkeit zeigt Pierre sich mit einer Gräfin. Gleichzeitig macht Pierre sich über Jean lustig, der mehr und mehr an der Situation verzweifelt. Das alles kulminiert in einem Suizid, einer Rückkehr Maries aufs Land und einem finalen, unbemerkten Aneinandervorbeifahren der beiden Hauptfiguren. Klasse!

Schade, dass dieser ebenso schöne, wie lustige und dramatische Streifen damals nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit erhielt.

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