EASY RIDER

Easy Rider
Easy Ride | USA | 1969
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die Mutter aller Bikerfilme? Sicherlich nicht. Im engeren Sinne ist das wohl Roger Cormans DIE WILDEN ENGEL (1966), im weiteren Lászlo Benedeks Brando-Vehikel DER WILDE (1953). Und doch weist EASY RIDER, zu dem sich Peter Fonda und Dennis Hopper berufen fühlten, nachdem sie in Cormans THE TRIP (1967) mitgewirkt hatten, einige Eigenarten auf, die ihn klar von der zwischen 1966 und 1971 produzierten Schwemme an einschlägigen Werken abheben – und die ihn wirklich zu einem der großen Vertreter seiner Zunft machen.

Am auffälligsten ist sicherlich, dass Peter Fonda und Dennis Hopper als Wyatt und Billy keine Rocker im herkömmlichen Sinne sind: sie treten nicht laut und rücksichtslos auf, prügeln sich nicht und tragen keine Nazi-Insignien. Sie loben das Leben des Farmers als eines von großer Freiheit und lassen auf ihrem Weg gen Südosten andere grundsätzlich in Frieden. Berauscht von Alkohol und überwiegend weichen Drogen ziehen sie umher und wollen am Ende noch nicht einmal mit den bereits bezahlten Prostituierten schlafen. Lieber begeben sie sich zusammen (nach einigen stimmigen 16mm-Nachtaufnahmen des Mardi Gras) mit den Damen auf einem Friedhof (wo sie gesellschaftlich und räumlich außer halb der Gesellschaft stehen) auf einen LSD-Trip, der – wenn er dann auch zu Sex führt – tiefere Ziele hat. Erneut steht hier die diffuse Suche nach der Freiheit im Fokus. Wie diese Freiheit aber genau aussieht – das wird in den immer wiederkehrenden Lagerfeuerdialogen deutlich – wissen sie selber nicht. Irgendwas mit Motorrad fahren und draußen schlafen.

Viel gewichtiger ist allerdings, dass die beiden auch nicht wissen, was ihnen auf dieser Suche entgegensteht. Erst der von Jack Nicholson ganz vortrefflich gegebene George Hanson vermag das zu erklären: die Gesellschaft lehnt diejenigen ab, in denen sie das immer und immer wieder heruntergeleierte Mantra der großen Freiheit tatsächlich erkennt. Ist die Verhaftung auf der Parade eventuell noch als Folge von irgendeiner Respektlosigkeit vor nationalen Traditionen nachvollziehbar (natürlich nur im entsprechenden lokalen und zeitlich Kontext), verdeutlicht spätestens der Restaurantbesuch, womit die drei Protagonisten tatsächlich konfrontiert sind: Beleidigungen und Herabwürdigungen, ein Schuss Rassismus und letztlich gar blanke, mit dem Tode endende Gewalt. Und das, obwohl die drei sich weder über die ausbleibende Bedienung beschweren, noch die rolligen Dorfmädels abschleppen. Der Film gibt hier einen zeitlosen Kommentar zu Thema Hass ab; er bedarf keines (rationalen) Auslösers und verstärkt sich selbst. Heute so aktuell wie damals – und im niederschmetternden Finale auf sie Spitze getrieben.

Ähnlichkeiten zu den Genrekollegen existieren vor allem dann, wenn Hopper und Kameramann László Kovács Sequenzen inszenieren, in denen die Motorräder durch die Weiten rollen. Zeitgenössischer (Psychedelic-)Rock untermalt die sehnsüchtige Fahrt ohne echtes Ziel, die hier jedoch irgendwie bedeutsamer wirkt. Ich vermute, dass der Film durch den erwähnten Betrachtungswinkel einfach eine wehmütigere Grundstimmung etabliert, als wenn da 15 betrunkene Rüpel durch die Gegend kurven. Ich jedenfalls kann mit den Herren Wyatt und Billy deutlich besser mitfühlen. Und das Mitfühlen ermöglicht der Film seinen Zuschauenden auch dann, wenn er im Zuge des LSD-Rauschs der Protagonisten selber Bild und Ton wild durcheinanderwürfelt, Zeit und Zusammenhang vergisst und wilde Farbspiele und Verzerrungen nutzt. Was vorher wohldosiert vorkommt (Todesvorahnungen von Wyatt, wechselnde Bilder beim Schnitt), bricht sich hier vollends Bahn.

Und was ist nun mit der Freiheit? Viele neigen dazu, in dem Film einen Abgesang darauf, eine böse Offenlegung des Tatsächlichen, des Hässlichen zu sehen. Das ist Quatsch. Die beiden suchen ihre Freiheit nicht, sie leben sie bereits. Das gefällt nur vielen nicht, sodass Freiheit allzu häufig auch die Ablehnung derer mit sich bringt, die sich diese Freiheit nicht zu ergreifen trauen. Dass diese Ablehnung sich dann letztlich in zwei tödlichen Schüssen manifestiert, ist eigentlich kaum noch schlimm, denn Billy und Wyatt haben die Freiheit längst gefunden – auch, wenn die nicht so bedingungslos positiv ist, wie sie vielleicht gehofft haben.

11 Antworten zu “EASY RIDER

  1. Pingback: REBEL RIDERS | SPLATTERTRASH·

  2. Pingback: LAILA – VAMPIR DER LUST | SPLATTERTRASH·

  3. Pingback: DR. SELTSAM ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN | SPLATTERTRASH·

  4. Pingback: FUTUREWORLD – DAS LAND VON ÜBERMORGEN | SPLATTERTRASH·

  5. Pingback: DIE ROCKER VON DER BOSTON-STREET | SPLATTERTRASH·

  6. Pingback: CHINATOWN | SPLATTERTRASH·

  7. Pingback: HELL’S ANGELS ‘70 | SPLATTERTRASH·

  8. Pingback: BARBARELLA | SPLATTERTRASH·

  9. Pingback: FLUCHTPUNKT SAN FRANCISCO | SPLATTERTRASH·

  10. Pingback: ANGKOR – DAS TOR ZUR HÖLLE | SPLATTERTRASH·

  11. Pingback: DIE WILDEN SCHLÄGER VON SAN FRANCISCO | SPLATTERTRASH·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.