SCARFACE

Scarface
Scarface | USA | 1932
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Mit DER KLEINE CAESAR (1931) und DER ÖFFENTLICHE FEIND (1931) belegte Warner Bros. überaus überzeugend, dass das Kinopublikum nach dem Sujet der machthungrigen Gangster lechzte. Was man morgens in der Zeitung las, wollte man abends eben auch auf der Leinwand sehen. Und da wollte sich United Artists nicht lumpen lassen und brachte ebenfalls einen Gangsterfilm auf den Weg. Als Regisseur wählte Produzent Howard Hughes Howard Hawks, der für UA gerade das Gefängnis-Drama DAS STRAFGESETZBUCH (1931) gedreht hatte, und als Drehbuchautor erhielt Ben Hecht den Zuschlag, der neben eigenen Erfahrungen als Journalist auch einen Roman von Armitage Trail in seine Arbeit einfließen ließ. Das Ergebnis unterscheidet sich deutlich von den beiden Warner Bros.-Beiträgen, bildet zusammen mit ihnen jedoch zweifelsfrei die historische Grundlage des Genres Gangsterfilm.

Eine Eigenheit von Hawks Films ist die bewusste Simplizität von Hauptcharakter Tony Camonte. Nicht, dass Schauspieler Paul Muni diesen nicht mit viel Verve und Geschick geben würde – das tut er ganz zweifelsfrei -, aber der Charakter wird einfach nicht erklärt. Während die Zuschauenden in DER ÖFFENTLICHE FEIND das Leben von Tom Powers von der Jugend an begleiten, ist Tony von Filmbeginn an ein abgeschlossener Charakter. Selbst seine Narbe (die die Referenz an den Ober-Gangster Al Capone überdeutlich werden lässt) ist schon da und wird nur kurz beiläufig erwähnt. Tony hat keinen Grund für sein Handeln, Tony erklärt nichts, er will nur – der Werbung vor seinem Haus folgend – die Welt besitzen. Und auch Hechts Drehbuch ist wohl das minimalistischste der drei Filme. Tonys Aufstieg und Fall vollzieht sich wie auf Schienen, bis zum Schluss kann ihn scheinbar nichts stoppen. Er hat keine Hürden zu überwinden, reine Gewalt reicht stets aus, um das nächste Ziel zu erreichen. Exemplarisch dafür steht die Szene, in der Tony, gerade erst einem mit einem Maschinengewehr ausgeführten Mordanschlag entronnen, nicht etwa an Flucht denkt, sondern sich schnell die neue Wunderwaffe schnappt, in der er ungeahnte Möglichkeiten des Verbrechens sieht.

Erst als er mit Hilfe von schierer Waffengewalt alle Feind aus dem Weg geräumt hat, beginnt sein Abstieg – weil er sich an den Menschen an seiner Seite vergreift: Er tötet seinen einzigen Freund, den von George Raft gegebenen Guino, weil der sich mit seiner Schwester Cesca (genial: Ann Dvorak) eingelassen hat. Und hier offenbart sich dann doch noch ein Charakterzug Tonys abseits des kriminellen Antriebs: er liebt seine Schwester. Vielleicht sogar zu sehr. Im grandiosen Finale wird aus Tonys bis dahin eher übergroßen Beschützerinstinkt plötzlich eine Liebe, die über das Platonische von Geschwistern hinausgeht. Doch während die Zuschauenden noch an dieser Erkenntnis knabbern, versucht Tony bereits, das Fenster mit seinen eigens installierten Stahlplatten vor der anrückenden Polizei zu schützen, welche jedoch eine Kugel abfälschen und diese Cesca treffen lassen. Tony hat die einzige Person getötet, die er liebt und nur der Kugelhagel der Cops kann ihm jetzt noch Frieden verschaffen.

Und wenn Tonys letzter Blick dann auf die Leuchtreklame fällt, die ihm sagt, dass die Erde ihm gehört, wird jedem Rezipienten noch einmal ins Gedächtnis gerufen, dass der Streifen gerade ein wahres Feuerwerk an Bildern abgebrannt hat. Denn SCARFACE steht was Bildsprache und Inszenierung anbelangt locker eine Stufe über den beiden Konkurrenten. Schon der Eröffnungsschwenk von der Laterne durch die Gassen verrät jene Dynamik, die die folgenden 95 Minuten bestimmen soll. Hawks inszeniert unglaublich rasante Verfolgungsjagden, zeigt zahlreiche reale Aufnahmen Chicagos, spielt mit Licht und Dunkel und das alles in atemberaubendem Tempo. Der Eröffnungskill an Bis Louie im Schatten, das Einschlagen der Scheibe mit dem Namen des aktuellen Gangleaders oder die Erschießung von sieben Feinden, denen eine Blende auf sieben kreuzförmige Dachträger folgt: Hawks lässt keine Möglichkeit ungenutzt, seine Bilder sprechend zu lassen. Garniert wird das Ganze dann noch mit einer ordentlichen Prise Gewalt. Erschossene purzeln allerorten umher, Leichen werden aus Autos geworfen, Gegenspieler kaltblütig abgeknallt. Hawks Film ist so ungeschönt, dass er in seiner ursprünglichen Fassung zunächst nicht veröffentlicht wurde. Neben einem alternativen Ende, bei dem Tony zum Tode verurteilt wird, und dem Untertitel The Shame of the Nation sind es vor allem die einleitenden Texttafeln, die für kritische Distanz sorgen sollen. Auffällig dabei die explizite und im Film auch noch mal wiederholte Frage an die Zuschauenden: What are you going to do about it? Keine Ahnung, ob sich jemand durch die Frage zum Aufstehen bewogen gefühlt hat, aber sollte es so gewesen sein, dann sicherlich nicht vor Filmende.

5 Antworten zu “SCARFACE

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