DIE ENGEL VON ST. PAULI

Die Engel von St. Pauli
Die Engel von St. Pauli | Deutschland | 1969
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Zum romantischsten St. Pauli-Seemannsgarn gehört sicherlich die immer wieder gerne angeführte Aufrichtigkeit unter den Konkurrenten im Milieu. Irgendwann in den 80er Jahren sei diese zwar im Zuge von Drogengeschäften und zunehmenden Waffeneinsatz abhandengekommen, aber bis dahin hielten die Ehrenmänner auf dem Kiez natürlich immer dicht, wenn die Polente kam, um dumme Fragen zu stellen. So erzählt es uns auch Kiez-Fachmann, da ehemaliger Polizeireporter, Jürgen Roland in seinem Gangsterstreifen DIE ENGEL VON ST. PAULI. Exemplarisch dafür sei die Szene genannt, in der der dreigleisig fahrende Reporter Blinky (Gernot Endemann) den auf der Reeperbahn für Unruhe sorgenden Wiener Zuhälter Holleck (Herbert Fux) ausspioniert und dabei von dessen Konkurrenten, dem eleganten Hamburger Luden Jule Nickels (Horst Frank) ertappt wird. Anstatt den Reporter mit dem belastenden Material über seinen Widersacher zur Polizei hasten zu lassen, belehrt Jule ihn auf brutale Art und Weise über die Verschwiegenheitspflicht im Milieu.

Trotz dieses Abwehrschirms gegen die Staatsmacht, gibt es aber trotzdem Situation, in denen deren Eingreifen durchaus respektiert wird. Nachdem die Prostituierte Lisa (Irmgard Riessen) vom Drogenabhängigen Herbert Priel (Werner Pochath) ermordet wird, steht die Rivalität kurzzeitig hinten an, bis der Täter gefasst ist. Da bowlt man auch schon mal gemeinsam oder steckt sich gegenseitig Informationen zu. Dieses Szene-Wissen im Großen und unzählige Details im Kleinen machen den Film letztlich aus. Jürgen Roland gelingt es hier durchgehend, Milieustudie mit Gangsterfilm-Spannung zu verquicken. Dass das Eindringen von Wiener Zuhältern und Morde an Prostituierten damals tatsächlich gerade die Zeilen der Gazetten füllten, lässt erahnen, dass der Streifen seinerzeit durchaus authentisch gewirkt haben muss. Schöne Aufnahmen der bekannten Kiez-Ecken unterstreichen das.

Eine Besonderheit im Vergleich zu den übrigen Genre-Vertretern ist indes, dass sich Roland nur äußerst wenig auf plakative Tanz- und Bühnenszenen verlässt. Natürlich gibt es einige Szenen mit nackter Haut und schmissiger Musik (welche dem Film 1969 die standesgemäße FSK 18-Einstufung einbrachten), aber überwiegend bestimmt das matte Grau der Reeperbahn bei Tag das Geschehen. Raue, häufig diskriminierende Sprache und zahlreiche Hamburger Stilblüten bestimmen die Dialoge und vor allem um Jule herum scharrt sich eine Horde stereotyper St. Pauli-Charaktere. Kurzum: Roland macht seinem Ruf hier alle Ehre und liefert eine ansprechende Mixtur aus Authentizität und Gangsterfilm, die sich innerhalb des Genres sicherlich im oberen Drittel bewegt.

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