GRAND BUDAPEST HOTEL

Grand Budapest Hotel
The Grand Budapest Hotel | Deutschland/USA | 2014
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Wes Andersons GRAND BUDAPEST HOTEL ist ein optischer Leckerbissen sondergleichen. Nicht nur, dass er seine Welt mittels echter Miniaturen, Modellen und Kulissen erschafft, er reichert sie auch noch mit prachtvollen Kostümen und unglaublichen detailreich dekorierten Sets an. Nichts ist zufällig im Bild, alles hat seinen Platz und seinen Sinn – sein Zubrowka ist keine echte Welt, sondern eine freimütige Komposition. Doch selbst die wundervolle Gestaltung wäre nur die Hälfte wert, würde Anderson sie nicht genial-konsequent nur in exakt ausgerichteter Draufsicht zeigen. Kameraschwenks vollziehen sich nur in gleichmäßiger 90°-Bewegung, Seitbewegungen bleiben starr. So entsteht eine theatergleiche, die Welt ab Puppenhaus begreifende Ansicht. Und diese macht es auch möglich, die zwischen den Weltkriegen spielende Handlung so sehr von zeitlichen und geschichtlichen Fixpunkten zu lösen. Gustave und Zero existieren quasi ungebunden und so ist ihre Geschichte frei und ungezwungen. Die multiplen Zeitebenensprünge, die sich bis zum Erreichen der eigentlichen Handlung vollziehen, unterstreichen dies.

Und so ist die Handlung dann ebenfalls frei von Konventionen. Der bisexuelle, wortgewandete, seinem Beruf gänzlich ergebene (ohne dabei aber sein freies Denken abzutreten) M. Gustave (Ralph Fiennes) trifft auf den seinen Platz in der Welt suchenden Geflohenen Zero (Tony Revolori). Gemeinsam rauben sie ein Kunstwerk, dass Gustave laut Testament seiner letzten Affäre, der 84-jährigen Witwe Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis (Tilda Swinton), zusteht. Doch damit brüskieren sie die Verwandtschaft der Madame D., was in Zeiten des aufziehenden Faschismus zusätzliche Probleme bedeutet.

Das Kernelement von Andersons Inszenierung ist neben der eingangs erwähnten Optik die perfekt ineinandergreifende Mechanik. Der Film verfügt über einen Rhythmus, der die Zuschauenden sofort packt. Jede Bewegung, jeder Satz, jeder Blick ist genauesten geplant und bedingt eine sofortige Reaktion. Es entsteht ein artifizielles Gesamtbild, das dazu dient, die absurde Geschichte zweier Gauner (?) zügig voranzutreiben. Auch die Dialoge sind folglich überaus pointiert und greifen vollends ineinander. Lange Schachtelsätze enden so sekundengenau zusammen mit Bewegungen und stimmen auffällig mit Umgebung und Ton überein. Neben dem Theater liegt so unweigerlich auch der Gedanke an die Lyrik nah.

Um sich jedoch nicht gänzlich in Künstlichkeit und Geplantem zu verlieren, bringt Anderson einen wahrlich genialen Kniff zur Anwendung – neben seiner schier unfassbaren Fähigkeit, einen der wohl starbesetztesten Casts aller Zeiten unauffällig und sinnvoll in seinem Film zu nutzen: er macht seine Hauptfiguren und äußerst greifbaren Menschen. Ja, Gustave ist überzeichnet, künstlich und distanziert. Er ist aber auch zutiefst verletzlich und hilflos. Er steht dem Aufkommen des Dritten Reichs resignierend gegenüber, zweifelt am Verstand der Menschheit. Er wirft sich den faschistischen Kontrolleuren, die Zero zu verhaften drohen, mit einem Mute der Verzweiflung entgegen, der seine tiefste Aufrichtigkeit bezeugt. Auch seine aufrichtige Entschuldigung, als er von Zeros Schicksal als Geflohener erfährt, zeugt von menschlicher Größe und Edelmut. Und auch Zero – dessen Part für sich genommen quasi eine Coming-of-Age-Geschichte darstellt – erdet die aberwitzige Inszenierung immer wieder, wenn er sich mit seiner Agatha trifft oder seinem Lehrmeister in Sachen Dichtkunst nacheifert. Und genau diese Augenblicke sind es, die aus einem vordergründig vor allem für ungläubiges Staunen sorgenden Film einen wirklich großen Film machen.

3 Antworten zu “GRAND BUDAPEST HOTEL

      • Hm, derzeit bin ich noch reiner Leser bzw. (frecher) Kommentator. Mein Blog – ja, darin wird es ganz überwiegend um Filme und Serien gehen – ist noch im Kreissaal und wartet auf Entbindung. Leider tue ich mich mit der Technik ein wenig schwer. Aber ich bleibe am Ball 😊👍

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