ROCKY

Rocky
Rocky | USA | 1976
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Es gibt ja tatsächlich einige Parallelen zwischen den Geschichten von Rocky Balboa und Sylvester Stallone (anno 1975). Beide arbeiten in einem Metier, an dessen Spitze sie nicht vordringen können, beide suchen nach der einen großen Chance – und beide finden sie auf ungewöhnliche Weise. Während Rocky mithilfe eines als reines Medienspektakel geplanten Kampfes sein Ziel, sich selbst seines Wertes zu versichern, erreicht, muss der Schauspieler Stallone erst zum Drehbuchautoren werden, um seinen Wert (auch als Schauspieler) zu beweisen. Am Ende der Geschichte gewinnt Rocky zwar nicht den Titel, Stallone aber den Academy Award für das Beste Drehbuch – neben der Besten Regie und dem Besten Schnitt. Eine irre Erfolgsgeschichte, die ihren wahren Ursprung im Kampf des Amateurboxers Chuck Wepner gegen Muhammad Ali hat, den Sly sich in der Glotze ansah, um dann innerhalb weniger Tage ein Drehbuch zu verfassen.

Es ist also mitnichten die originelle Geschichte, die das Skript und den Film so bemerkenswert macht, sondern vielmehr der Realismus, die Detailversessenheit mit der Stallone das Leben eines abgehalfterten Amateurboxers in Philly skizziert und darstellt. Rocky lebt einsam in einer verlotterten Bude, ist pleite, muss sich mit kleinen Kämpfen und Kleinkriminalität über Wasser halten. Aber er ist weich. Der Gangster, für den er Knochen brechen soll, verlacht ihn, die Mädels, die er vor den Halunken aus der Nachbarschaft rettet, verlachen ihn ebenfalls. Trotzdem freut sich die Straßenbande ihn zu sehen und lässt ihn an der Buddel nippen. Interessant auch Rockys Werben um Adrian, für deren Darstellung Talia Shire ebenfalls eine Oscar-Nominierung erhielt. Er begegnet dem überdeutlichen Mauerblümchen mit Respekt und Rücksicht, Paulies rücksichtslose Versuche, ein Date zu arrangieren, beschämen ihn. Rocky setzt stattdessen auf Charme, Witz und Beharrlichkeit und zeichnet sich auch während der Beziehung durch Verständnis und Höflichkeit aus; und das, obwohl er augenscheinlich selber in tiefer Krise steckt. Der Druck, den er durch den großen Kampf gegen Apollo Creed verspürt, nagt sichtbar an ihm, lässt ihn Mickeys Trainerangebot zunächst brüllend ausschlagen – und kurz darauf Reue zeigen. Unter Tränen gesteht er, dass der Kampf für ihn die Möglichkeit ist, zu beweisen, „dass er kein niemand ist“.

Selbst eine der bekanntesten Trainings-Montagen der Kinogeschichte sorgt nicht dafür, dass Rocky danach vor Selbstbewusstsein strotzt. Auch nachdem er die Hände ihn Phillys grauen Himmel reckt, bleibt er demütig und selbstkritisch. Es ist die Haltung eines Mannes, der sein Schicksal akzeptiert hat. Als Rechtsausleger findet er im Boxer-Business eben keinen Platz, kann gegen niemanden vernünftig kämpfen. Der Spiegel dieser Bereitschaft, das Gegebene anzuerkennen, ist Kameramann James Crabes Bild von Philadelphia. Rocky lebt in einer grauen, hoffnungslosen Welt. Crabe zeigt uns verwahrloste Straßenzüge, der Horizont ist stets durch den nächsten Block versperrt. Überall ist Müll, alles ist dreckig. Paulie arbeitet zwischen Rinderhälften, während das Blut an Rockys Händen das einzige ist, was ihn in seiner schmutziggrauen Kleidung vom Hintergrund der Stadt abhebt. Hier gibt es keine Hoffnung, außer man erschafft sie selbst.

Und Rocky erschafft sie selbst, indem er sich realistische Ziele steckt – und diese dann erreicht. Es ist zu keinem Zeitpunkt vorstellbar, dass er Apollo besiegt, aber das ist auch nicht wichtig. Als der seinen Arm im Ring emporhebt, konzentriert sich die Kamera nun auf Balboa, der sein höheres Ziel erreicht hat. Er weiß das, genauso wie er quasi erblindend weiß, dass Adrian in der Nähe ist. Und was wissen die Zuschauenden? Sie wissen, dass hinter dem Menschen, der nach dem Erfolg dieses Films zu einem der größten Action-Helden der 70er und 80er Jahre avancierte, der zum Inbegriff des vordergründigen Geballers wurde, jemand steckt, der unglaublich einfühl- und aufmerksame Drehbücher schreiben und diese dann auch mit einer perfekt getroffenen Hauptfigur ausstatten kann. Eine tolle Erkenntnis nach einem grandiosen Filmgenuss.

4 Antworten zu “ROCKY

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