DAS KINDERMÄDCHEN

Das Kindermädchen
The Guardian | USA | 1990
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Ein Mann steht im Wald. Sein Gesicht, gezeichnet von einem beinahe wahnsinnigen Grinsen, ist mit Blut verschmiert; nur die Augen strahlen weiß aus dem Dunkelrot hervor. Sein blaues Hemd ist zerschlissen, in der Hand hält er eine Kettensäge. Während die Kamera ihn in Hüfthöhe umkreist, versucht dieser Mann mittels der Säge in seinen Händen den Dämonen Herr zu werden, die in den Wäldern hausen, die sein Haus umgeben. Das Blut spritzt. Diese Szene stammt aus William Friedkins DAS KINDERMÄDCHEN, erinnert aber frappierend an Sam Raimis TANZ DER TEUFEL (1981); und tatsächlich sollte Raimi auch eigentlich die Regie übernehmen, war dann aber wegen DARKMAN (1989) verhindert.

Friedkin machte aus dem Stoff dann einen erstaunlich abwegigen Fantasy-Horror, der sich im Kern darum dreht, dass die irgendwie druidisch anmutende Camilla (Jenny Seagrove) Babys klauen muss, um einen beseelten Baum im Wald am Leben zu erhalten – und da sie als Wesen mit diesem Baum verbunden ist, auch sich selbst. Beim Versuch, das Kind von Phil (Dwier Brown) und Kate (Carey Lowell) zu stehlen, fliegt sie aber auf und es kommt zur Konfrontation. Das dumme an dieser simplen Geschichte ist nur, dass der Zweck, für den Camilla die Kleinkinder braucht, gänzlich ungenannt bleibt. Warum müssen die Kleinen in diesem Baum gesteckt werden? Warum dürfen sie nur vier Wochen alt sein? Und warum zur Hölle muss sich Camilla erst wochenlang als Kindermädchen verdingen, bevor sie die Schreihälse mit in den Wald nimmt? Die Krönung dieses Unfugs: Camilla kann Blut, Leichen und Sonstiges anscheinend nach Belieben verschwinden lassen.

Da bedarf es schon wirklich großer inszenatorischer Künste, um den Zuschauenden diesen Humbug zu verkaufen – und genau diese besitzt ein William Friedkin. Ab der ersten Minute nimmt er diesen Stoff völlig ernst und schafft so einen visuellen Rahmen, der den Inhalt bei Weitem überstrahlt. Im Zentrum steht der Gegensatz zwischen der modernen Welt der 90er Jahre Westcoast-Yuppies und einem archaischen Waldgebiet. Letzteres liegt ständig in waberndem Nebel, erstere ist aus völlig Glas, Licht und klarer Linien aufgebaut. Hin und wieder stoßen diese Welt zusammen; am eindrucksvollsten ist das, wenn Jenny Seagrove – irgendwo in einer Mensch-Baum-Metamorphose steckend – im Schlafzimmer erscheint. Dass sie aber ausgerechnet als Kindermädchen, einer Metapher für das moderne Leben, welches sich hauptsächlich nach den Bedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung ausrichtete, erscheint, wirkt etwas zu überspitzt. Aber naja.

Überspitzt wirkt übrigens auch die Gewalt, die dem Streifen zwischenzeitlich eine Indizierung einbrachte. Wenn nach den ersten 30 Minuten plötzlich drei Unholde in bester Splatter-Manier von der Bühne gehen, so bricht das schon sehr mit dem zuvor etablierten Mystery-Horror. Glücklicherweise verlegt sich Friedkin danach aber auf die Inszenierung eines astreinen Schockers, der immer wieder schweißtreibende Szenen hervorbringt. Ned Kampf gegen die Kojoten, Camillas willkürliches Auftauchen in der Wohnung und Phil eingangs beschriebener Kampf gegen den knorrigen Antagonisten fesseln ungemein – gerade im Angesicht der erwähnten Mankos. Und in einer Zeit, in der sich der Horrorfilm bekanntlich auf einem sehr absteigenden Ast befand, ist das schon aller Ehren wert.

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