NUMMER SIEBZEHN

Nummer siebzehn
Number Seventeen | Großbritannien | 1932
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Mit DER MANN VON DER INSEL MANN (1929) und ERPRESSUNG (1929) hatte Alfred Hitchcock zwei überaus erfolgreiche Streifen für die British International Pictures gedreht, doch der über zehn Filme gehende Vertrag bei selbiger Produktionsfirma schützt doch vor widerwilligen Auftragsarbeiten nicht. Und da Hitchcock mit seinen eigenen Filmen nicht zimperlich ins Gericht zu gehen pflegte, äußerste er sich im Nachgang stets abfällig über den vom den Studiobossen in Auftrag gegebenen NUMMER SIEBZEHN; und auch die damalige und aktuelle Kritikerschar stimmt überwiegend mit ein und ließ/lässt kaum ein gutes Haar an diesem grotesk-albernen Krimi-Thriller. Doch bei näherem Hinsehen gibt es eine ganze Reihe an charmanten Ideen und Einfällen, die den Streifen deutlich besser abschneiden lassen. Eine Aufzählung:

Schon die Eröffnung liefert ein weiteres schönes Beipsiel für Hitchcocks bereits früh ausgeprägtes Verständnis von Inszenierung. Der vom Wind gepeitschte Hut lotst John Stuarts Detektiv Barton wie zufällig an den Ort des Geschehens, wo er dann durch Schatten schleicht, die Geländer werfen und allerlei skurrile Persönlichkeiten trifft. Es folgt ein grotesk überhöhtes Verwirrspiel aus Dialogen, aus denen Leon M. Lion in der Rolle des gutmütig-feigen Ben heraussticht. Hitchcock nimmt hier sämtliche Mechanismen eines Krimis auf die Schüppe, indem er sie innerhalb von zehn Minuten abspult. Die Zuschauenden können kaum folgen, so schnell treten neue Figuren auf, kommen neue Indizen hinzu und wechseln die Twists sich ab. Hitchcock macht sich hier einen Spaß daraus, die in seinen Augen ungeeignete Theaterstück-Vorlage von Joseph Jefferson Farjean zu parodieren.

Und als wäre es ihm nach der Hälfte dann doch wieder zu langweilig (der Film nimmt ohnehin nur gut eine Stunde der Zeit seiner Rezipienten in Anspruch), verlässt Hitchcock das titelgebende Haus mitsamt aller Protagonisten und wechselt auf einen dahinrasenden Zug. Hier inszeniert er dann vor allem eine rassante Verfolgungsjagd, die neben den Gleisen noch vom einem Linienbus begleitet wird. In einer tollen Mischung aus Miniaturarbeiten und realen Aufnahmen sausen die beiden Vehikel durch die Nacht, während im Bauch des Zuges das Verwirrspiel ebenso ungebremst weitergeht, wie sich der Zug auf eine Fähre zubewegt. Und während Taubstumme plötzlich doch sprechen, angebliche Detektive doch keine sind und macguffin’eske Halsketten die Besitzer wechseln, entpuppt sich der Zug als große Metapher: er knallt nämlich ungebremst in die Fähre, genauso wie der Film ungebremst in sein konsequentes Finale knallt.

Einem Regisseur wie Alfred Hitchcock sei es erlaubt, dieses Frühwerk ein wenig abzukanzeln, aber alle anderen sollten sich einen Ruck und diesem Film eine Chance geben.

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