BRAZIL

Brazil
Brazil | Großbritannien | 1985
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Vor zehn, fünfzehn Jahren feierten ein Kumpel und ich BRAZIL für seine verrückten und absurden Einfälle und Darstellungen. Der Film riss uns mit in eine Welt, die so herrlich verdreht war, dass man nur staunend davorsitzen konnte. Dementsprechend entstand vor der aktuellen Sichtung eine gewisse Sorge, der Film könne abseits dieser visuellen Einzigartigkeit nichts Weiteres zu bieten haben. Aber weit gefehlt. Terry Gilliams erste MONTY PYTHON-unabhängige Arbeit – auch wenn JABBYWOCKY (1977) auch schon nur lose Verbindungen aufwies – zeigte auch bei dieser Sichtung wieder, dass sie ganz klar zu den epochemachenden Arbeiten des britischen Sci-Fi-Kinos gehört.

Und das liegt – weiterhin und nicht zuletzt – an der großartigen visuellen Ausarbeitung, die Gilliam und sein Team dieser Welt zuteilwerden lassen. Klar in der Erbschaft von Goerge Orwells Klassiker 1984 (der ja nur ein Jahr zuvor seine ungleich ernstere Verfilmung durch Michael Radford erfuhr) mischen sich hier aber stilistische Elemente der 20er und 30er in das dystopische Zukunftsbild und sorgen so für einen sehr eigenständigen Look. Die vernetzte Welt wird mit uralten Schreibmaschinen bedient, alle Angestellten tragen Trenchcoats und Fedoras, alles riecht nach Film Noir und den Großstadtfilmen der frühen Kinogeschichte. Kameramann Roger Pratt fängt das Ganze mit seiner äußerst flexiblen Kamera ein, die ständig um die Protagonisten herumwuselt. Manchmal guckt man den Figuren aus wenigen Zentimetern in ihre Gesichter und allzu häufig erblickt man dabei verzerrte Fratzen. Darüber hinaus nutzt Pratt häufig eine Kameraposition in Hüfthöhe, welche dem Geschehen einen merkwürdig verzerrten Winkel verleiht. Zusammen mit den häufigen Neigungen der Kamera unterstützt das noch einmal den Eindruck einer aus den Fugen geratenen Welt.

Und an dieser Tatsache lässt Gilliam zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel aufkommen. Seine Hauptfigur Sam nimmt das als hakendes Rädchen im System besonders deutlich wart. An seiner Seite erleben die Zuschauer die vollkommende Absurdität des Lebens in dieser nahen Zukunft. Der bürokratische Apparat ist omnipräsent und -potent und lässt so keinen Freiraum. Gleichzeitig ist Sams Chef völlig hilflos und braucht ständig dessen Hilfe. Die Maschinen in Sams Haus sollen das perfekte Leben organisieren, scheitern aber gänzlich und die Mechaniker, die Sams Klimaanlage reparieren sollen, verwandeln seine Bude in völliges Chaos. Diese – und Dutzende weitere Szenen wie zum Beispiel die antriebgebende falsche Verurteilung Buttles – zeigen deutlich, dass die vermeintlich perfekt organisierte Welt eigentlich nicht funktioniert, sondern nur Terror und Unfreiheit bringt. Dargestellt wird dies in zweierlei Weise: zum einen dringen mehr und mehr schreckliche Wesen in Sams eskapistische Tagträume ein und versuchen ihn zu überwältigen und zum anderen gibt es die Schläuche. Die ganze Welt ist durchzogen von Röhren und Schläuchen, die das mal futuristische, mal gediegen klassische Interieurdesign konterkarieren. Am Anfang als Lebensadern des Systems vorgestellt, brechen diese Leitungen immer weiter in Sams Welt hinein. Seine Wohnung ist am Ende voller Röhren und Kabelstränge, zwischendurch „überbrückt“ er das System und fügt ihn so Schaden zu und letztlich bewegen sich die Schläuche in Form riesigen Staubsaugerkabel sogar um Sam herum. Die Bedrohung ist greifbar und schreitet fort.

Da ist es nur folgerichtig, dass auch die zentrale Liebesgeschichte voller Wahnsinn und Absurdität ist. Sam träumt sich in Idealgestalt einer ebenfalls idealisierten Frau entgegen, die dann tatsächlich in sein Leben tritt. Als rebellischer Charakter bietet Kim Greists Jill ihm dann eine Perspektive: die Flucht aus diesem System, wahre Emotion statt Uniformität! Jill fordert Sam heraus und stellt ihn vor Hürden – genauso wie es das System tut. Es ist schlichtweg genial, dass Gilliam die Auflösung dieser Zwickmühle in eine Mischung aus Traumwelt und Realität verlegt. Nur außerhalb des Grenzen des Realen kann Sam ein glückliches Leben führen. Nur dort kann er dem Wahn von Kontrolle, Information und (gesteuertem?) Terrorismus entkommen. Nur dort kann er mit Jill glücklich leben. Nur dort kann er seiner Mutter, seinen mordenden Kumpels und den übrigen Schergen und Opfern des Systems entkommen – und erreichen kann er diesen Ort nur im Wahnsinn, einem Wahnsinn, den ihm das System, genauer sein vermeintlicher Freund Jack, beibringt. Puh. War die eingangs erwähnte Angst, dass BRAZIL seine optische Brillanz nicht inhaltlich zu unterfüttern vermag, berechtigt? Mitnichten, Optik und Inhalt sind eins und ergeben ein Meisterwerk.

2 Antworten zu “BRAZIL

  1. Pingback: X-TRO – NICHT ALLE AUßERIRDISCHEN SIND FREUNDLICH | SPLATTERTRASH·

  2. Pingback: FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT | SPLATTERTRASH·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.