BLADE RUNNER 2049

Blade Runner 2049
Blade Runner 2049 | Großbritannien/Kanada/USA/Ungarn | 2017
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Los Angeles im Jahr 2049: Menschen, Replikanten und holographische Darstellungen leben mehr oder minder friedlich in einer gänzlich anthropogenen Umgebung. Pflanzen und Tiere sind vergangen. Zufällig findet der Replikanten-Jäger Officer K (Ryan Gosling) die Überreste einer Replikantin, die ein Kind gezeugt hat. Der Unternehmer Niander Wallace (Jared Leto) möchte dieses Modell ebenso in seine Hände bekommen, wie Lieutenant Joshi (Robin Wright), die Chefin des LAPD. Joshi ist es auch, die Officer K mit der Suche nach dem Kind der Replikantin beauftragt.

Sehgewohnheiten. Fast alle modernen Neuauflagen alter Klassiker, fast alle Sequels, Requels, Prequels beugen sich ihrem Druck. Die technischen Möglichkeiten des modernen Kinos und die daraus resultierenden Gewohnheiten aktueller Kinogänger lassen es quasi notwendig erscheinen, alte Welten nicht nur aufzupolieren, sondern vor allem schneller und actionreicher zu gestalten. Der Vergleich von Ridley Scotts ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT (1979) mit ALIEN: CONVENANT (2017) zeigt exemplarisch, dass für Action, Schocks und flotte Unterhaltung viel zu häufig Stimmung, Stil und Aussage der Originale geopfert werden. Dementsprechend besorgt wurden auch die ersten Statements bezüglich einer Fortsetzung zu Scotts DER BLADE RUNNER (1982) aufgenommen, handelt es sich doch bei dem Neo-Noir-Thriller ohne Zweifel um ein Werk, dass nach aktuellen marktstrategischen Betrachtungen ein wenig mehr Schwung vertragen könnte. Aber mit dem Kanadier Denis Villeneuve entschied man sich für einen Regisseur, der mit PRISONERS (2013), ENEMY (2013), SICARIO (2015) und zuletzt ARRIVAL (2016) gezeigt hat, dass er Filme ruhig und konzentriert zu erzählen versteht.
Und was soll man sagen? BLADE RUNNR 2049 hat keine einzige große Actionszene. Allenfalls ein paar Kampfszenen unterbrechen die stoische Ruhe des Films. Selbst im Finale, wenn sich eine Spinner-Verfolgungsjagd anzubahnen scheint, reicht ein Schuss und die Flugshow ist beendet. Villeneuve erzählt seine Geschichte über gute zweieinhalb Stunden hinweg mit einer Gelassenheit, die einem im zeitgenössischen Kinobetrieb kaum noch unterkommt. Kameramann Roger Deakins (der natürlich der Academy Award für die Beste Kamera einsackte) arbeitet dabei perfekt mit seinem Regisseur zusammen und gemeinsam umschließen die beiden ihre Zuschauenden quasi mit der erschaffenen Welt. Diese bekommen so Zeit, sich die großartig designten und detailverliebt ausgestatteten Sets und Kulissen in Ruhe anzusehen, ihre Stimmung zu spüren. Es herrscht nie Unruhe, der Fokus liegt immer auf den Figuren und ihrer Entwicklung.

Niander Wallace: Jede Zivilisation wurde auf dem Rücken entbehrlicher Arbeitskräfte erbaut.

Im Zentrum steht dabei Ryan Goslings K/Joe, der im Gegensatz zur Fords Deckard aus dem Jahre 1982 weiß, was er ist. Ein Replikant. Den Zuschauenden wird dieser Umstand auch schnell offenbart und so erleben diese die Gefühlswallungen von K wundervoll mit, wenn sich diesem plötzlich die Möglichkeit, doch menschlich zu sein, offenbart. Ganz grundsätzlich konfrontiert die Figur K die Rezipienten ständig mit der fehlenden Distanz zwischen Mensch und Replikant. Er ist erschüttert über seine möglicherweise reale Erinnerung, er empfindet Glück und Trauer in Bezug auf seine digitale Freundin Joi und im Gegensatz dazu muss er nach Einsätzen Proben absolvieren, die ihn klar als artifizielles Wesen markieren.

War es 1982 noch eine große Leerstelle, die Frage nach Deckards Sein nicht zu beantworten, ist eine solches Fragzeichen 2017 gar nicht mehr nötig. Denn das Zentrum des Films ist die Koexistenz von Menschen, verschiedenen Replikanten und holographischen Intelligenzen. Die Möglichkeit der gebärfähigen Replikanten weicht die ohnehin kaum vorhandenen Grenzen noch weiter auf und lässt es letztlich belanglos erscheinen, ob eine Figur menschlich oder künstlich ist. Alle Lebensformen haben ihre Schwächen (Menschen sind körperlich verletzlich, holographische Wesen sind körperlos, Replikanten kämpfen mit dem Wissen um ihr Dasein), aber letztlich führen allesamt ein Leben miteinander – die Sexszene, in der sich Joi den Körper einer Prosituierten borgt, um die Barriere gegenüber K zumindest kurzfristig niederzureißen, verbindet diese drei Ebene im Übrigen wunderbar miteinander.
Einzig Harrison Fords Rick Deckard, der nach ungefähr 100 Minuten in den Film eingreift, wirkt erstaunlich lebendig und menschlich. Einige flapsige Sprüche und Fords sarkastische Mimik sorgen dafür, dass man an mancher Stelle fast eine Antwort auf die von Scott vor 35 Jahren offengelassene Frage vermutet. Was sich auch gut in die Storyline einfügen würde, bleibt aber natürlich unbeantwortet, stattdessen treibt Villeneuve den Film einem Finale entgegen, welche die Konzeption des Films mit aller Konsequenz zu Ende führt. Dem kurzen, aber brutalen Intermezzo mit Niander Wallace (in dessen Rolle Jared Leto übrigens maßgeblich für den sakralen Unterton des Films verantwortlich ist) folgt eine Auseinandersetzung in der Brandung vor Los Angeles. Die wogenden Wellen sind dabei das letzte bisschen Natur, welches es in der ansonsten toten Welt noch gibt. Und ausgerechnet dieses Wasser entscheidet letztlich mit über das Schicksal der Figuren.

Niander Wallace: Die Zukunft der Arten kommt endlich zum Vorschein.

Und letztlich stellt das Wasser auch einen tollen Kontrast zu der sonstigen Zeichnung der Welt dar. Die Szenenbildner Dennis Gassner und Alessandra Querzola leisten hier unfassbare Arbeit und spiegeln die gesamte, latent endzeitige Stimmung des Films im Design wieder. Die Exposition auf der Protein-Wurm-Farm lässt einen in die tote Welt eintauchen, ebenso wie man später in die natürlich verregneten und von ewiger Nacht verdunkelten Straßen von L.A. eintaucht. Dagegen stehen mit einer stadtgroßen Mülldeponie und einem von nuklearen Bomben verseuchten Las Vegas Orte, die die Trostlosigkeit der Welt eindrücklich demonstrieren. Das ebenfalls mit einem Academy Award ausgezeichnet visuelle Effektteam rundet dieses herausragende (und den Vorgänger ebenso respektierende wie weiterentwickelnde) Design unauffällig aber wirkmächtig ab und sorgt dafür, dass sich Stimmung und Aussage des Films nicht nur in seinen Figuren, sondern auch in seinem Look wiederfinden.

Sowohl für sich betrachtet als auch als Weiterentwicklung des Vorgängers ist Denis Villeneuves noir’scher Sci-Fi-Thriller ein Meisterwerk. Story, Figuren und Design greifen perfekt ineinander und werden mit gerade heutzutage selten gesehener Ruhe und Selbstsicherheit vorgetragen.

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