DER MIETER

Der Mieter
The Lodger | Großbritannien | 1927
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Jeden Dienstag wird in London ein junges Mädchen mit blonden Locken ermordet. Es herrscht Angst und Schrecken – auch bei Familie Bunting, deren Tochter Daisy (June Tripp) perfekt ins Schema passt und die sich wegen ihres Jobs als Model des Öfteren durch dunkle Gassen nach Hause begibt. Als dann auch noch ein mysteriöser Mieter (Ivor Novello), auf den die Beschreibungen des Mörders genau zutreffen, bei Familie Bunting einzieht, scheint die Sachlage für Detective Joe (Malcolm Keen) klar.

In einem Interview mit François Truffaut und Helen Scott gab Alfred Hitchcock 1966 zu Protokoll, dass DER MIETER sein erster echter Film sei. Und auch wenn er vorher bereits drei (teils unvollendete) Werke geschaffen hatte, so erscheint diese Behauptung in Anbetracht der Thematik und des Aufbaus dieses Films doch mehr als nachvollziehbar. Denn während sowohl der unvollendete NUMBER 13 respektive MRS. PEABODY (1922) als auch IRRGARTEN DER LEIDENSCHAFT (1925) und DER BERGADLER (1926) noch erste Gehversuche auf den Gebieten Romanze und Komödie darstellten, begibt sich Hitchcock mit DER MIETER erstmalig in jene suspensen Thrillergefilde, die auch in den folgenden Jahrzehnten sein Metier bleiben sollten.

Mrs. Bunting: Sie sollten das Geld wegschließen, Sir. Es könnten sonst jemanden verführen.
Der Mieter: Verführung geht nur von wichtigeren Sachen als Geld aus, Mrs. Bunting.

Hitchcock und sein Autor Eliot Stannard verstehen es dabei bereits zu diesem frühen Zeitpunkt, sich von Marie Belloc Lowndes‘ Romanvorlage nur jene Aspekt zu borgen, die ihnen nützlich erscheinen. Es mag zwar vor allem am Starstatus der Hauptrolle Ivor Novello gelegen haben, dass der Mieter nun – anders als im Roman – nicht der Mörder ist, aber es erscheint genauso plausibel, dass Hitchcock hier schon erste Fingerübungen in Sachen Zuschaumanipulation durchexerziert hat. Denn lange Zeit lässt er seine Zuschauenden weniger an der Frage knabbern, ob der Mieter der Mörder ist, als viel mehr daran, ob Daisy ihn wird bekehren können. Der erste halbmaskierte Auftritt Novellos, seine Nervosität (wundervoll auf den Punkt gebracht in der Szene, in der Familie Bunting den Mieter durch die gläserne Decke dabei beobachtet, wie er in seinem Zimmer umhertigert und so die Lampe im Raum darunter zum Schwingen bringt) und seine Zurückgezogenheit lassen es mehr als folgerichtig erscheinen, dass er das düstere Geheimnis birgt. So entsteht Spannung, da die Zuschauenden mehr als die Figuren wissen und deren Treiben umso bedrückter verfolgen.

Gleichzeitig liefert Hitchcock mehrere Andeutungen, die das Gegenteil behaupten. Das Kreuz, das per Schatten auf des Mieters Gesicht fällt lässt Redlichkeit vermuten, die Emotionalität, die er im Gespräch mit Daisy immer wieder zeigt, deutet auf ein sehr wohl vorhandenes Herz hin. Trotzdem überwiegt die bedrohliche Seite des Mieters; auch weil Hitchcock ihn in mehreren Parallelmontagen als herannahende Bedrohung inszeniert. Lustig wird es, wenn eine dieser Bedrohungslagen kippt: Daisy im Bad und der Mieter vor der Tür werden im Wechselschnitt von deutlicher Bedrängnis bis zu einer humorvollen Plauderei begleitet. Aber auch das Ehepaar Bunting ist mehrfach Ausgangspunkt spaßiger Einsprengsel; mal gähnen sie um die Wette, mal geben sie das vertrottelte alte Pärchen.

Daisy: Sie zittern ja. Verbergen Sie die Handschellen und wir besorgen Ihnen einen Brandy.

Im letzten Drittel kommt es dann zur großen Wende und der Verdächtigte ist plötzlich ein Ehrenmann. Das rettet ihn aber nicht vor dem Lynchmob; das ist erst dem ihm vorher so übelgesonnenen Detective Joe kurz vor Ultimo erlaubt. Wie um diese Ambivalenz auf die Spitze zu treiben, zeigt Hitchcock den vorher immer düsteren Mieter am Ende noch kurz als schwerreichen Ehrenmann, der Daisy in seinem lichtdurchfluteten Anwesen in die Arme schließt. Grandios dabei der Einfall, im Hintergrund wieder jene Botschaft bezüglich der Nacht und blonder Locken auftauchen zu lassen, die ansonsten stets Begleiter der Morde war. Hitchcock bewahrt hier ein wenig Unsicherheit auf, welche die Zuschauender mit nach Hause nehmen dürfen.
Es erstaunt, dass der britische Verleiher Charles Moss Woolf den Streifen dann als nicht-veröffentlichbar einstufte. Er sei zu düster, zu vertrackt, zu deutsch (Hitchcock hatte die Jahre zuvor in Deutschland sein Handwerk verrichtete/verfeinert). Erst eine Überarbeitung durch den Cutter Ivor Montagu brachte den Film zumindest wieder in den Fokus Woolfs. Und da er 1927 auch endlich Hitchcocks IRRGARTEN DER LEIDENSCHAFT veröffentlichte und dieser sich als Erfolg entpuppte, durfte kurze Zeit später auch endlich DER MIETER das Kinopublikum beglücken. Ob erster, dritter oder vierter Film: ein Auftakt nach Maß.

Es macht schon Sinn, dass Hitchcock diesen Streifen als seinen ersten bezeichnet: DER MIETER ist ein spannendes und einfallsreiches Stück Stummfilmgeschichte, das bereits viele Strukturen aufweist, die Hitchcock später so berühmt machen sollten.

3 Antworten zu “DER MIETER

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