ICH FOLGTE EINEM ZOMBIE

Ich folgte einem Zombie
I Walked with a Zombie | USA | 1943
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die kanadische Krankenschwester Betsy Connell (Frances Dee) wird auf die westindische Insel Sankt Sebastian gerufen, um dort Jessica Holland (Christine Gordon), die Ehegattin des Plantagenbesitzers Paul Holland (Tom Conway), zu pflegen. Schnell stellt sich heraus, dass es keine herkömmliche Krankheit ist, die Jessica in ihren trancegleichen Zustand versetzt; stattdessen lieg der Verdacht nahe, dass die örtlichen Voodoo-Riten Einfluss auf Pauls Gattin genommen haben.

Waren Universals DRACULA (1931), FRANKENSTEIN (1931), DIE MUMIE (1932) und DER UNSICHTBARE (1933) noch epochemachende Meilenstein des Horrorkinos, so verlor das Konzept zum Ende der 30er Jahre hin an Schwungkraft und das Studio lieferte immer weitere Variationen und Spin-Offs der bekannten Monstren, ohne jedoch neue Impuls im Bereich Horrorfilm setzen zu können. Es schlug die Stunde von Konkurrent RKO Radio Pictures, die ihren ersten großen Horrorhit dem von Val Lewton produzierten und Jacques Tourneur gedrehten KATZENMENSCHEN (1942) landeten. Ein Jahr später setzte ICH FOLGTE EINEM ZOMBIE den Erfolg fort, der vor allem darauf beruhte, dass Horror plötzlich nicht mehr in fernen Landen und alten Zeiten stattfand, sondern – wie im Falle von KATZENMENSCHEN – gleich in New York oder aber auf einer zumindest geographisch noch greifbaren Insel inmitten der kleinen Antillen.

Paul: Hier gibt es keine Schönheit, nur Tod und Verfall.

Aber nicht, dass hier Missverständnisse aufkommen: natürlich ist eine kanadische Krankenschwester, die sich auf einer exotischen Insel mit einem Voodoo-Kult auseinandersetzt, immer noch recht weit von dem entfernt, was Wes Craven oder John Carpenter dreißig Jahre später unter Horror mit Lebensweltbezug verstehen sollten – und trotzdem ist das Setting schon viel greifbarer als alte Grafen, die sich im fernen Osteuropa rumtreiben. Auch, weil Frances Dees Betsy sich von Anfang an damit auseinandersetzen muss, dass ihr nichts eindeutig Böses gegenübersteht. Tom Conway, der schon in KATZENMENSCHEN mitmischte, ist als verschlossener Ehemann Paul Holland von Anfang an undurchsichtig, sein saufender Bruder Wesley gar unsympathisch. Freundlich ist eigentlich nur das Dienstmädchen Alma, welches Betsy auf die Voodoo-Fährte bringt. Besonders deutlich wird die Vagheit der Ereignisse, wenn Betsy das erste Mal auf Jessica Holland stößt. Die nichtansprechbare Dame des Haus schwankt durch ein altes Gemäuer (hier sieht der Film kurzzeitig doch wie ein alter Universal-Reißer aus) und Betsys Rufe tönen von weit her. Nicht das letzte Mal suggeriert Tourneur seinen Zuschauenden hier eine Traumwelt. Auch wenn Betsy Jessica nachher durch ein windgepeitschtes Feld führt und dabei allerlei unheilschwangere Voodoo-Requisiten passiert, wähnt man sich in einer Welt, die nur bedingt deckungsgleich mit der Realität ist.

Schön zu sehen ist dabei, dass es neben Betsy vor allem die erwähnte Alma (in deren Rolle Theresa Harris auch mal Pferde mit Männern vergleicht) und die von Edith Barrett gegebene Mutter Rand sind, die die Handlung maßgeblich bedingen und vorantreiben. Eigentlich sind nur Betsy und Alma an der Aufklärung des Sachverhalts interessiert, der wiederum von Mrs. Rand verursacht wurde. Es ist als augenzwinkernder Hinweis auf diese weibliche Übermacht zu verstehen, dass die Herren Holland, Rand und Maxwell der erschütterten Mrs. Rand während ihrer Beichte einzureden versuchen, dass sie sich sicherlich irre – doch es irren einzig und allein die Herren der Schöpfung.

Betsy: Ich bin einem Zombie gefolgt. Ich weiß, dass muss seltsam klingen.

Ansonsten ist ICH FOLGTE EINEM ZOMBIE vor allem ein Film über Altruismus. Betsy erkennt in Paul dessen (vermeintliche) Liebe zu seiner Frau Jessica, und beschließt deshalb, alles Erdenkliche in die Wege zu leiten, um Jessica zu retten. Sie wird dafür mehr oder minder belohnt, stellt sich doch erst durch ihre Auseinandersetzung mit dem Voodoo-Kult heraus, dass Jessica ein Verhältnis mit Wesley hatte und plante, Paul zu verlassen. Nach deren Tod (der den möglichen Einfluss des Voodoo auch wieder nur andeutet) wäre die Bahn für Paul und Betsy frei, doch Tourneur vergönnt seinen BetrachterInnen ein solches Happy End nicht. Stattdessen dürfen diese dabei zusehen, wie ein Zombie den letzten Toten des Films verursacht.
Und es ist wohl auch nur diese (vor-)letzte Szene und natürlich der von Tourneur und Lewton immer missbilligte Titel, die es heutzutage ermöglichen, den Streifen irgendwie in die Geschichte des Zombiefilms zu pressen. Denn hier wankt Zombie Carrefour tatsächlich mit erhobenen Armen und bedrohlichem Blick auf die Lebenden zu und bedingt (absichtlich und ungewollt) ihren Tod. Trotzdem verkennt man mit dieser kurzsichtigen Genreeinordnung völlig, dass Tourneur hier vor allem einen äußerst stimmungsvollen und vielschichtigen Horrorstreifen geschaffen hat, der das Genre nach Universals Paukenschlägen um subtile und genau deshalb so wirkungsvolle Ideen erweitert.

Starke Frauen, starke Bilder, starke Atmosphäre: Tourneurs zweite Zusammenarbeit mit Val Lewton zeigt, warum das Horror-Zepter zu Beginn der 40er Jahre völlig zurecht von Universal an RKO wanderte.

Eine Antwort zu “ICH FOLGTE EINEM ZOMBIE

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