THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

Three Billboards outside Ebbing, Missouri
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri | Großbritannien/USA | 2017
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Mildred Hayes (Frances McDormand) hat sehr damit zu kämpfen, dass die Polizeistelle des kleinen Örtchens Ebbing keine Erfolge bei der Aufklärung der Vergewaltigung und Ermordung ihrer Tochter hat. Also setzt sie Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson) unter Druck, indem sie die Frage nach der Nichtbearbeitung dieses Falls groß auf drei Werbewände am Stadtrand drucken lässt. Der folgende Streit bringt Mildred auch mit dem sadistisch-rassistischen Officer Jason Dixon (Sam Rockwell) in Konflikt und stürzt das Nest ins Chaos.

In den letzten Jahren ist es immer normaler – da möglicher – geworden, Institutionen nicht nur zu hinterfragen und zu kritisieren, sondern auch direkt anzugehen. Der eine sieht darin ein aus irgendwelchen Gründen nötiges Aufbegehren, die andere die Möglichkeit, sich aktiv an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – etwa, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Das hat auch der Ire Martin McDonagh, der mit BRÜGGE SEHEN… UND STERBEN? (2008) einen echten Knaller ablieferte bevor er mit 7 PSYCHOS (2012) eher durchwachsene Kritiken erntete, erkannt, in seinem Drehbuch dann jedoch die Grundlage der erhöhten Auseinandersetzung ausgespart: digitale Medien. Stattdessen verfrachtet er ein höchst aktuelles Thema in das US-amerikanische Hinterland nach Missouri und lässt den schreienden Vorwurfs Mildreds auf Plakatwänden denn auch Pinnwänden erscheinen.

Dixon: Inzwischen gibt es zwei offizielle Beschwerden wegen dieser Billboards.
Willoughby: Von wem?
Dixon: Einer Lady mit ‘nem komischen Auge und ‘nem fetten Zahnarzt.

Diese haben in der Kleinstadt aber die Funktionsweise sozialer Medien, da jeder sie wahrnimmt und alle darüber diskutieren; nur eben im realen Leben. Schnell entwickelt sich aus Mildreds (von Frances McDormand im Übrigen grandios gegeben, wie nicht zuletzt der Academy Award für die Beste Hauptdarstellerin belegt) Provokation eine harte Auseinandersetzung, die nicht zuletzt die tödliche Erkrankung von Sheriff Willoughby eiskalt übergeht. Dessen scheinbar stets betrunkener und latent aggressiver Officer Dixon (auch wahnsinnig gut gespielt, auch zurecht mit dem Oscar belohnt: Sam Rockwell) mischt sich auch noch ein und bringt dem Film zudem noch eine Auseinandersetzung mit den in den USA stets präsenten Themen Rassismus und Polizeigewalt ein. Die völlig unverhohlene Darstellung eines rassistischen Sadisten in Uniform, der gar keinen Hehl daraus macht, dass er afroamerikanische Gefangene misshandelt, dürfte so manchem sauer aufstoßen, ist letztlich aber erschreckend real.

Im Kern dreht sich der Film dann um die Frage, wie weit eigene Initiative bei der Aufklärung von Verbrechen gehen darf. McDonagh lässt von der ersten Sekunde keinen Zweifel daran, dass Mildred keine Heldin ist. Sie ist rau, ungehobelt und über die meiste Zeit hinweg unsympathisch. Eine Rückblende zeigt, dass sie keine gute Beziehung zu ihrer Tochter pflegte und auch ihr Verhältnis zu ihrem Sohn ist immer wieder von Empathielosigkeit geprägt. Auch ihre zunehmend enthemmten Aktionen machen sie nicht sympathischer und spätestens, wenn sie mit Molotow-Cocktails wirft und Dixon dabei fast (wenn auch unabsichtlich) verbrennt, kippt irgendwas in der Figur – auch wenn Mildreds Wut ständig nachvollziehbar bleibt.

Dixon: Ich glaub‘, wir ham’ da irgendwie ‘nen Problem.

Aber auch Sheriff Willoughby ist nicht klar zu verorten. Zwar ist er auf eine gewisse Art engagiert und gefühlvoll, jedoch lässt er die ihm unterstellten Bullen viel zu oft über die Stränge schlagen und ist so mitverantwortlich für die herrschenden Missstände. Trotzdem kann er im Grunde nichts für die Nichtaufklärung des Mordfalls und dass er sich weigert, Mildreds Verlangen nach Maßnahmen, die den Boden des Rechts verlassen würden, nachzugeben, zeugt von Größe. „Schlimmer“ noch wird diese ambivalente Charakterzeichnung im Falle von Jason Dixon. Wiegt McDonagh seine Zuschauer hier anfangs noch in die Sicherheit, wenigstens eine Figur als absolut böse und schlecht einordnen zu können, so wandelt sich dieser im letzten Drittel zum selbstlosen Helfer Mildreds. Diese Variabilität der Figuren ist die ganz große Stärke des Films.
Aber auch sonst zeugt der Streifen von großem Feingefühl. Die Musikauswahl von Carter Burwell, der auch schon an diversen Coen-Brothers-Werken mitwirkte, gibt dem Geschehen eine ruhige, aber stellenweise doch immer wieder drückende Note, während die ländlichen Gegenden in gelassenen, fast statischen Bildern eingefangen werden – lediglich von einem coolen Oneshot unterbrochen, bei dem Dixon einen Typen aus dem Fenster schmeißt. Und wenn man schon den Komponisten von Coen-Filmen an Bord hat, kann man sich auch gleich ein wenig schwarzen Humor ausleihen, was McDonagh nur zu gerne tut und allzu derbe Momente immer wieder mit Mitteln der Groteske abfedert. Im Finale brechen Mildred und Dixon dann zu einer Selbstjustiz-Tour auf, welche den Zuschauenden einen großen Stein in den Magen zu legen droht, aber das auch versteht Martin McDonagh im letzten Augenblick zu revidieren – großes Kino.

Der völlig zurecht allerorten gelobte Streifen zieht seine Faszination hauptsächlich aus der Tatsache, dass seine Hauptfiguren allesamt überaus facettenreich und ambivalent ausfallen. Es fällt somit schwer, Gut und Böse auch nur zu benennen – und genau deshalb ist das Dargebotene so real und bedrückend.

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