GO TRABI GO

Go Trabi Go
Go Trabi Go | Deutschland | 1991
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Sofort nach der Wende beschließt der Bitterfelder Ossi Udo Struutz (Wolfgang Stumph) mit seiner Frau Rita (Marie Gruber) und Tochter Jacqueline (Claudia Schmutzler) eine Urlaubsreise nach Neapel zu unternehmen – und das im Wahrzeichen der DDR-Straßen, dem Trabant. Als Leitfaden dient der Familie dabei Goethes Italienische Reise.

Noch während am 9. November 1989 die Steine aus der Mauer gekloppt wurden, gingen der Regisseur Peter Timm und der Autor Reinhard Klooss mit der Idee schwanger, die neue deutsche Einigkeit in einem Spielfilm zu verarbeiten. Und da die Weltgewandtheit der Ostdeutschen aufgrund der eingeschränkten Reisefreiheit in der DDR gemeinhin als weniger ausgeprägt galt, reifte schnell die Idee heran, eine Ossi-Familie die neugewonnene Freiheit nutzen zu lassen. Da Flugreisen zu jener Zeit allerdings noch als großer Luxus galten, musste das eigene Gefährte als Grundlage dienen; und was konnte das in der DDR anderes sein als ein Trabant.

Jacqueline: Der hat den Schorsch, der Papa, wie die Schildkröte ihren Panzer.

Die Dreharbeiten begannen im Spätsommer 1990, noch vor der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands. Damit das Aufeinandertreffen von Ost und West trotz der komödiantischen Überhöhung so realistisch wie möglich wirkt, wurden mit den weitgehend unbekannten Wolfgang Stumph als Udo, Marie Gruber als Rita und Claudia Schmutzler als Jacqueline gleich drei ostdeutsche Schauspieler gebucht, denen mit Dieter Hildebrandt, Ottfried Fischer oder Diether Krebs namhafte deutsche Schauspieler gegenübergestellt wurden. So wurde möglichst viel des echten Flairs der Erstbegegnung der unterschiedlichen Deutschen in den Film hinübergerettet. Das ließ Timm jedoch nicht davor zurückschrecken, die Sachsen wie auch die Bayern um Fischer, den Mechaniker Hildebrandt, den Fernfahrer Krebs oder die diversen Italiener einmal tief in das Klischeefass zu tunken. Viele der zahlreichen Gags basieren auch regionalen Eigenheiten und Dialekten.

Ansonsten ist es vor allem die liebenswürdige Verschrobenheit von Udo Struutz, die die Zuschauenden durch den Film geleitet. Seine Leidenschaft für Goethes Italienische Reise hält die ansonsten episodischen Späße dabei stets zusammen, seine Hingabe für den heimlichen Hauptdarsteller Schorsch wärmt das Herz. Es ist eben kein Zufall, dass sowohl Fahrzeug als auch Besitzer in himmelblau gewandet sind und ein weißes Hütchen tragen. Dass Udo mit seinem Wagen spricht, ist einerseits ein vordergründiger Gag, wenn er dann aber morgens zuerst Schorsch und dann erst sich selbst wächst, wenn er seine Schuhe vor dem Einsteigen gegen Hausschuhe tauscht und wenn er nach Schorschs Beinahe-Verschrottung in unverstellter Erschöpfung auf der Motorhaube darniedersinkt, dann wird deutlich, dass diese Kiste für Udo mehr ist als ein bloßes Beförderungsmittel.

Udo: Ein Auto ohne Stoßstange ist wie ein Mensch ohne Nase.

Strukturell erweist sich der Film als Roadmovie ohne große Schlenker. Die Route ist klar abgesteckt und wird mit den üblichen Irrungen und Wirrungen einer deutschen Komödie abgearbeitet. Es sind also mitnichten die kleineren Romanzen und Streitereien, die Familie Struutz zu durchleben hat, die den Film unterhaltsam machen; es ist vielmehr dieses wunderbar nostalgische Gefühl, dass eine Autoreise nach Italien mal etwas Spannendes und Abenteuerliches war. In Zeiten, in denen man mit einer Billigairline mal eben um die halbe Welt jettet, ist die Konservierung der Erkenntnis, dass auch eine kleine Reise etwas Bedeutendes darstellen kann, vielleicht die schönste und beachtenswerteste Aussage in diesem Film.
Das dachten sich wahrscheinlich auch die rund 1,5 Millionen Kinogänger, die den Streifen zu einem der ersten großen Spielfilmerfolge des vereinigten Deutschland werden ließen. Denen flog dabei John Parrs Titelsong Westward Ho um die Ohren, der den zahlreichen Fahrsequenzen ordentlich Schwung verleiht. Autor Reinhard Klooss versuchte ein Jahr später zusammen mit Wolfgang Büld, der 1991 den Kracher MANTA MANTA gedreht hatte, in Form von DAS WAR DER WILDE OSTEN – GO TRABI GO 2 (1992) nachzulegen. Wer allerdings an Timms liebevoller Darstellung deutscher Regionalitäten interessiert ist, der sollte lieber zu dessen ebenfalls 1991 entstandenem MANTA – DER FILM greifen.

Tolle Komödie, die sich zwar bisweilen in platten Gags ergeht, die die Beziehung zwischen Udo und Schorsch allerdings derart liebevoll darstellt, dass man den Streifen einfach mögen muss. Da bekommt man glatt Lust, selber mal auf der Straße gen Neapel zu brettern.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.