TENEBRAE

Tenebrae
Tenebre | Italien | 1982
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Während der Schriftsteller Peter Neal (Anthony Franciosa) zu Gast in Rom ist, um sein neuesten Werk zu bewerben, ereignen sich einige Mordfälle in der ewigen Stadt, die allesamt von ebenjenem Buch inspiriert zu sein scheinen. Der Krimi-begeisterte Capitano Germani (Giuliano Gemma) versucht den vertrackten Fall fortan zu lösen, während Peters Agent John Bullmer (Saxon) plötzlich auch in das Visier des Killers gerät.

Entgegen aller Erwartungen setzte Dario Argento nach SUSPIRIA (1977) und FEUERTANZ – HORROR INFERNAL (1980) mitnichten seine MÜTTER-TRILOGIE fort, sondern besann sich seiner filmischen Wurzeln und widmete sich erneut dem Giallo. Der Grund dafür war wohl – unter anderem – ein Zusammentreffen mit einem verrückten Fan, der Argento einem Stalker gleich verfolgte und ihn letztlich sogar mit dem Tode bedrohte. Auf Grundlage dieses Erlebnisses schrieb Argento dann ein Drehbuch, welches mit allerlei Verweisen auf bekannte Werke der Horrorliteratur und des Horrorfilms angereichert ist – neben den persönlichen Einsprengseln stellt dies eine zweite Ebene dar, die die durchaus selbstreflexive Qualität dieses Spät-Giallo belegt.

Anne: Ich würde Ihnen gerne etwas Kräftiges anbieten, aber bei der Arbeit trinken Sie wohl nicht.
Germani: Nur bei der Arbeit trinke ich.

Ansonsten exerziert der Film erst einmal die Üblichkeiten dieses Genres durch. Ein Amerikaner besucht Rom und gerät schnell in Kontakt mit einer Mordserie, die von einem mit schwarzen Handschuhen bewährten Killer aus einem undurchsichtigen Grund gegangen wird. Bei dessen Aktionen findet stets ein Wechsel zur Ego-Perspektive statt und als Mordwaffe dient eine phallische Rasierklinge. Das die erste vier Opfer allesamt schöne, bisweilen freizügige junge Frauen sind, macht TENEBRAE bis zu diesem Punkt zu einem gar prototypischen Vertreter seiner Art. Da der Film im Kanon der Gialli allerdings einen sehr späten Beitrag darstellt, ist es schon erwartbar, dass Argento dieser wohlbekannten Mixtur einige ungewohnt Elemente angedeihen lässt.

Derer drei sollen an dieser Stelle ausgeführt werden: Zum einem bricht Argento mit dem Konzept des die polizeiliche Arbeit übernehmenden Protagonisten. Denn obwohl der von Giuliano Gemma gegebene Capitano Germani schnell konstatiert, dass er bei der Lektüre von Kriminalroman nie in der Lage ist, die Mörder zu erraten (und somit quasi den Weg für alternative Untersuchungen freimacht), fällt Hauptdarsteller Anthony Franciosa als Autor Peter Neal doch mitnichten die Rolle des engagiert Ermittelnden zu. Vielmehr leitet dessen Agieren unmittelbar zur zweiten Abwandlung vom klassischen argento‘schen Gialli über, der veränderten Denkweise, die zum Aufklären des Falls nötig ist. Denn waren es in der TIER-TRILOGIE oder bei ROSSO – DIE FARBE DES TODES stets vorhandene Fakten, die nur nicht im Bereich der Wahrnehmung der Protagonisten und der Zuschauenden lagen, die das Rätsel lösten, so bietet TENEBRAE nun einen wilden Twist in der Filmmitte (oder ggfs. erst am Ende), der die Betrachter zwingt, gänzlich Abstand von den Figuren zu nehmen, anstatt ihnen interessiert über die Schulter zu sehen. Die dritte Neuerung ist dann die beinahe schon ausufernde Gewaltdarstellung, die die ruhigen und von Kameramann Luciano Tovoli stimmig fotografierten Sequenzen (den Höhepunkt stellt wohl eine mehrminütige Kamerafahrt um und über ein Haus dar) immer wieder abrupt unterbricht. Die zahlreich eingesetzte Axt sorgt für allerlei explizite Darstellungen, bis Veronica Lario (die 1990 Silvio Berlusconi ehelichen sollte) aus ihrem Armstumpf heraus eine gesamte Wand besudelt.

Bullmer: Die Klugscheißer wollen dir an die Eier, weil sie selber keine haben.

Neben Franciosa, Gemma und Lario ist natürlich auch Argentos damalige Ehefrau Daria Nicolodi als Peters ergebene Gehilfin Anne mit von der Partie. Tausendsassa und qua seinem Mitwirken im Ur-Giallo LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO (1963) Genrefachmann John Saxon liefert als Bullmer eine ordentliche Show, während John Steiner den verdrehten Christiano Berti gibt. Um diese herum gruppiert sich ein Cast bekannter italienischer Gesichter, die allesamt solide Leistungen darbieten. Abgerundet wird das Ganze von einem Soundtrack aus der Feder Goblins, die hier wunderbar belegen, wie gut ihre Synthie-Klänge in die Filmwelt der 80er Jahre hineinpassen. Altbekannt und innovativ zugleich untermalen sie die Geschehnisse und werden somit zum perfekten Spiegelbild für diesen äußerst gelungenen Spätgiallo aus des Meister Feder.

Argento gelingt es mit TENEBRAE in erstaunlichem Maße, einem beinahe schon erschöpften Genre einfallreiche, neue Impulse hinzuzufügen. Neue Formen der Wirrungen und eine äußerst explizite Gewaltdarstellung verleihen dem Film einen ganz eigenen Drive innerhalb des Gaillo und eine exponierte Position innerhalb von Argentos Gesamtwerk.

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2 Antworten zu “TENEBRAE

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