TRUE ROMANCE

True Romance
True Romance | USA | 1993
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der gammlige Comicbuch-Händler Clarence Worley (Christian Slater) und die seit Kurzem als Callgirl tätige Alabama Whitman (Patricia Arquette) verfallen bei ihrer ersten Begegnung in tiefe Liebe, heiraten, geraten an eine riesige Menge Kokain und fahren, in der Hoffnung, das Zeug schnell verticken zu können, nach Los Angeles. Was sie nicht ahnen: eine Horde Mafiosi, denen das Koks eigentlich gehört, ist ihnen schon auf den Fersen.

Wenn man den Frühwerken Quentin Tarantinos nachspüren möchte, dann hat man es nicht einfach. Sein Debüt MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY (1987) ist zum überwiegenden Teil zerstört und heute nur noch in Fragmenten begutachtbar. Sein zweites Skript mit dem Namen THE OPEN ROAD wurde aufgrund seines Umfangs immer wieder abgelehnt, bis Tarantino schließlich das Interesse verlor und von einer Verfilmung absah – zu der es später jedoch trotzdem kommen sollte, wenn auch aufgeteilt in zwei Werke: TRUE ROMANCE von Tony Scott und NATURAL BORN KILLERS (1994) von Oliver Stone. Während Tarantino lange Zeit an einen nicht-chronologischen Ablauf der Geschehnisse dachte (PULP FICTION (1994) lässt grüßen), wurde die Geschichte der (un?)gewöhnlichen Liebe letztlich doch in strikter zeitlicher Abfolge erzählt; ein Aspekt, der sich als maßgeblich für das Funktionieren des Streifens herausstellen sollte.
Denn TRUE ROMANCE ist reines Erzählkino, bei dem man einfach fasziniert den Geschehnissen folgt, ohne auf Winkelzügen und Hinterlistigkeit achten zu wollen. Die klar aus Tarantinos Feder stammenden Figuren treffen im niedergehenden Detroit aufeinander und stürzen sich in eine Liebe, die in ihrer Impulsivität und Selbstverständlichkeit so überzeichnet wirkt, wie es die Bezugnahme des Titels auf billige Romantic Pulp-Literatur erahnen lässt. Das hübsche, auf dem Weg in die Prostitution befindliche Landei Alabama und der nerdige Hallodri Clarence finden ihr Glück derart unvermittelt ineinander, dass all der folgende Wahnwitz plötzlich plausibel wirkt. In einer Welt, in der sich diese beiden kennen und lieben lernen, kann Clarence auch mal eben Dealer und Zuhälter erschießen oder einen Koksdeal auf der Achterbahn verhandeln.

Mädel: Du willst mit mir in einen Kung-Fu-Film gehen?
Clarence: In drei Kung-Fu-Filme!

In erster Linie ist es aber weniger wichtig, was tatsächlich passiert, sondern das Augenmerk liegt viel mehr auf der Art und Weise, wie das Pärchen seinen Weg bestreitet. Patricia Arquette und Christian Slater taumeln in völliger Glückseligkeit vor sich hin und sind dabei durch nichts beirren. Selbst nachdem Alabama im Motel brutal überfallen, fast getötet und letztlich selbst zur Killerin wird, behalten die beiden das Positive im Auge und setzten ihren Plan gleichsam traumwandlerisch fort. Das Glück darüber, sich getroffen zu haben, hat in den beiden Figuren etwas ausgelöst: wo so viel Glück existiert, kann scheinbar nichts wirklich Schlechtes passieren. Tony Scotts Entscheidung, das von Tarantino eigentlich mit dem Tode Clarence‘ versehene Ende zu verändern, untermauert diese Ansicht. Mit dem kleinen Elvis am Strand zu tollen wirkt wie die absolute Bestätigung der These: wer liebt, ist unsterblich.

Um sich nicht nur auf diesen (wahrscheinlich auch allein funktionieren) Zauber zu verlassen, besetzt Scott den Streifen aber auch noch mit einer riesigen Menge an beachtenswerten Mimen, die den skurrilen Weg von Alabama und Clarence nicht minder verrückt begleiten. Gary Oldman, gerade noch als Graf in BRAM STOKER’S DRACULA (1992) mit von der Partie gewesen, gibt einen wundervoll verrückten Gangster Drexl, Christopher Walken den kaltblütigen Klischee-Mafiosi Vincenzo. Dennis Hopper darf als Clarence‘ Papa die Herzen erobern und Brad Pitt wünscht man als Kiffer Floyd glatt noch etwas mehr Spielzeit. Michael Rapaport als erfolgloser Schauspieler Dick, Saul Rubinek als exzentrischer Produzent Lee Donowitz und Bronson Pinchot als dessen Lakai Elliot spiegeln zu dritt alle Facetten des vermeintlichen Film-Mekkas L. A. wider – und Val Kilmer darf als Badezimmer-Elvis natürlich auch nicht unerwähnt bleiben.

Drexl: Wo ist denn das dreckige Miststück?
Clarence: Sie ist bei mir.
Drexl: Wer bist Du, Wichser?
Clarence: Ich bin Alabamas Mann.
Drexl: Nein, weißt du, dann sind wir ja praktisch verwandt.

Und da Tony Scott mit Werken wie TOP GUN (1986), BEVERLY HILLS COP II (1987), TAGE DES DONNERS – DAYS OF THUNDER (1990) oder LAST BOY SCOUT – DAS ZIEL IST ÜBERLEBEN (1991) eigentlich eher aus der Popcorn-Action-Ecke kommt, mangelt es dem Film auch nicht an flott inszenierten Actionszenen. Der erwähnte Kampf Alabamas überzeugt genauso, wie das grandiose Shootout im Finale. Dazwischen versteht es Scott aber auch, dass am Zusammenbruch der Autoindustrie leidende Detroit stimmig einzufangen oder Los Angeles zu Randy Newmans Klassiker I Love L.A. in Szene zu setzen. Über alle dem schwebt dabei immer eine Variation des orff’schen Schulwerks, welches die bereits erwähnte Leichtigkeit des Films auf unnachahmliche Weise einfängt.

Tony Scott inszeniert hier wundervolles Erzählkino, dass es den Zuschauenden ermöglicht, in einer Welt voller Gewalt und Kriminalität an die wahre, aufrichtige Liebe zu glauben. Und diese Liebe ist so allumfassend und weltverändernd, dass all das Lustige, Verrückte und Brutale um sie herum ihr nichts anhaben kann. Ihr Liebenden dieser Welt, schaut auf diesen Film!

2 Antworten zu “TRUE ROMANCE

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