DAS HAUS DER LACHENDEN FENSTER

Das Haus der lachenden Fenster
La casa dalle finestre che ridono | Italien | 1976
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Restaurator Stefano (Lino Capolicchio) wird in ein beschauliches Dörfchen in der Emilia-Romagna gerufen, um dort ein altes Wandbild in einer Kirche zu restaurieren. In dem skurrilen, irgendwie aus der Zeit gefallenen Dörfchen spielen sich allerdings allerlei komische Begebenheiten ab und je weiter Stefano das Gemälde freilegt, desto mehr vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart …

Der italienische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Pupi Avati stammt aus der Region Emilia-Romagna und ist eng mit dieser verbunden. Schon sein sich mit den Thema Religion und Prostitution auseinandersetzender MAZURKA DEL BARONE, DELLA SANTA E DEL FICO FIORONE (1975) zeigt deutlich, dass Avati zahlreiche Eindrücke seiner Jugend in dieser norditalienischen Gegend in seinen Filmen verarbeitet. Und auch bei DAS HAUS DER LACHENDEN FENSTER scheint es überdeutlich, dass er diese Gegend und ihre Menschen sowie dieses allenthalben präsente Gefühl der Abgeschiedenheit, der Andersartigkeit, ja der Skurrilität, nicht nur beschreibt, sondern selber kennengelernt hat.
Und so entwirft Pupi zusammen mit seinem an Produktion und Drehbuch beteiligten Bruder Antonio das Bild einer Emilia-Romagna, welches zu jeder Sekunde weit weg von jeder Normalität zu sein scheint. Schon als Hauptrolle Stefano von der ihn anliefernden Fähre steigt, wird das deutlich: ihn erwartet der kleinwüchsige Bob Tonelli, der gleichsam wie ein Gangster gekleidet ist, mit einer roten Limousine inklusive Chauffeur – ein beeindruckender Empfang für den Restaurator eines Wandgemäldes. Aber auch der folgend auftretende Priester, der Kirchenjunge und die Kammerzofe bestärken den Eindruck, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht, drastisch. Immer weiter und weiter – analog zu seiner Arbeit am Gemälde – sinkt Stefano dann in diese abseitige Welt hinein, und das, ohne dass es ihm zunächst bewusst wird.

Priester: Das hat mir gerade noch gefehlt – ein blasphemischer Restaurator!

Und das gleiche gilt auch für die Zuschauenden, denn es ist eigentlich nur der explizit brutale Vorspann, der diesem Eindruck zunächst eine Grundlage gibt. Avati gelingt es nämlich zusammen mit Kameramann Pasquale Rachini geradezu meisterhaft, eigentlich nichts zu zeigen, und trotzdem eine ständige Bedrohung (oder manchmal nur ein diffuses Unwohlsein) zu erzeugen. Einzelne Szenen wie der Tod von Stefanos altem Freund Antonio oder die Auftritte der alleine in einem Bett ruhenden Schwester des Malers geben diesem Eindruck neues Futter, die große Kunst des Films bleibt es aber, ganz ohne großes Tamtam für eine äußerst bedrückende Stimmung zu sorgen. Erkauft wird das freilich mit einem überaus ruhigen Verlauf des Gebotenen; die Zuschauenden sind hier aufgefordert, dem Horror selbst nachzuspüren, ihn finden zu wollen – wer bedient werden will, ist hier definitiv falsch.

Lino Capolicchio, 1968 mit einem großen Spielfilmdebüt in Roberto Faenzas ESCALATION, dient dabei als vortrefflicher Verstärker. Er gibt einen Eindringling in diese Welt, der sich aber – auch dank zweier Damenbekanntschaften – schnell in den Trott einordnet. Er hilft dem Rezipienten so dabei, die Welt zu akzeptieren, sich ihren Regeln zu beugen. Seine gemeinsamen Szenen mit Francesca Marciano dienen als Ruhepole, die gemeinsame Fluchtplanung ist ein letzter Versuch, doch noch den Weg Richtung Realität einzuschlagen. Denn sowohl um Stefano herum als auch in seinem Geist hat sich die Geschichte um den Maler Legnani mittlerweile verselbstständigt. Mit jedem freigelegten Quadratzentimeter Kirchenwand kriecht die grausame Geschichte des Dörfchen weiter in die Gegenwart.

Zimmermädchen: Was reden Sie denn da? Die letzten Touristen, die wir hier hatten, waren diese vermaledeiten Deutschen in den 40ern.

Das alles kulminiert schließlich in einem überaus verstörenden Finale. Die zwei Schwestern Legnanis liefern immer noch (wie schon vor Jahrzehnten) neue Opfer, auch wenn ihr als „Maler der Schmerzen“ bekannter Bruder gar nicht mehr dazu in der Lage ist, diese zu malen. Die Offenbarung des Priesters als intersexuelle Person ist dabei nicht klar in der Realität verhaftet, vielmehr ist auch eine Interpretation als delirierende Folge von Stefanos Verletzung möglich. So oder so ist die Inszenierung dieses Finales atemberaubend und auch hier tut Avanti das, was schon den gesamten Film zu einem echten Meisterwerk macht: er lässt den Zuschauenden genügend Leerstellen, die diese dann mit ihren eigenen Ideen, Interpretationen und Ängsten füllen können/müssen – genauso, wie es Avati mit DAS HAUS DER LACHENDEN FENSTER selber gemacht hat.

Wer sich auf Avatis ruhigen und unaufgeregten Stil einlässt, erfährt einen in dieser Art selten erlebten Horrortrip: die subtilen Abwegigkeiten, die letztlich zu einer omnipräsenten Atmosphäre der Bedrohung führen, sind unglaublich wirkungsvoll. Und die Leerstellen, die die Zuschauenden dann selber füllen, machen den Interpretationsspielraum extrem weit auf – was nicht minder für Gänsehaut zu sorgen vermag.

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