BRÜGGE SEHEN… UND STERBEN?

Brügge sehen… und sterben?
In Bruges | Großbritannien/USA | 2008
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem ein Auftragsmord misslungen ist, werden die Killer Ray (Colin Farrell) und Ken (Brendan Gleeson) von ihrem Boss Harry (Ralph Fiennes) dazu verdonnert, im belgischen Brügge unterzutauchen. Während sich Ken an den Sehenswürdigkeiten der Stadt gütlich tut, sucht Ray Zerstreuung und trifft auf die hübsche Chloe (Clémence Poésy). Dumm nur, dass Harrys neue Anweisung diese fragile Ruhe nachhaltig erschüttert …

2006 erhielt der irische Regisseur Martin McDonagh einen Academy Award für seinen Kurzfilm SIX SHOOTER. Schon dieser war ein schwarzhumoriger, bisweilen grotesker Blick auf den Umgang mit dem Tod und die Auseinandersetzung verschiedener Figuren mit verschiedenen Ansichten. Und im Kern behält McDonagh dieses Konzept für seinen ersten Spielfilm bei, fußt doch auch BRÜGGE SEHEN… UND STERBEN? vor allem auf seinen fantastischen Figuren, welche sich miteinander auseinandersetzen müssen. Dass der Streifen darüber hinaus auch noch Klischees britischer Krimineller kunstvoll in seine Geschichte verwebt, darf getrost als erfreulicher Bonus angesehen werden.

Ken: Kommst du mit rauf?
Ray: Was gibt’s denn da?
Ken: Da gibt’s die Aussicht.
Ray: Aussicht auf was? Aussicht auf hier unten? Das sehe ich von hier unten genauso gut.

Im Kern geht es aber um Ray und Ken. Colin Farrell gibt als Ray den proletarischen Teil des Duos, der unzählige Monologe darauf verwendet, sich über die Verpflichtung, in Brügge zu verweilen, zu mokieren. Nur das Bier vermag seine Laune zu erheitern – und Chloe, die er an einem höchst surreal anmutenden Filmset kennenlernt. Brendan Gleesons Ken hingegen unterscheidet sich von Ray nicht nur durch das Alter, sondern auch durch seine Ergebenheit in der Situation. Er kauft einen Reiseführer und widmet sich all den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Das Warten macht ihm nichts aus, er ist der ruhende Kontrast zu Rays ewigem Gezappel. McDonagh schreibt dazu eine Reihe wundervoller Dialoge, in denen sich Ken und Ray ihre Anschauungen um die Ohren hauen – während eigentlich nichts passiert. Tatsächlich nimmt sich McDonagh beinahe 30 Minuten Zeit, die Situation und die Figuren zu skizzieren.

Wenn die Handlung dann fahrt aufnimmt, erlaubt sich der Film – der bis dahin einer Charakterstudie gleicht – einiges an skurrilen Zwischentönen. Ray trifft die von Clémence Poésy sehr charmant gespielte Chloe am Set eines nicht näher erläuterten, aber überaus abwegig anmutenden Filmsets; dessen Star, der kleinwüchsige Jimmy, sich zudem als verkappter Rassist herausstellt (was die Skurrilität der Situation mehr als nur unterstreicht). Die wiederum überfällt zusammen mit ihrem Freund gewohnheitsmäßig Touristen, was an Ray jedoch misslingt und in einem Augenverlust mittels Platzpatrone endet. Dass Ken Ray dann noch vom fast vollendeten Suizid abhält, obwohl er soeben von Harry den Auftrag erhalten hat, ebenjenen umzubringen, würfelt die Verhältnisse vollends durcheinander.

Ray: Vielleicht ist genau das die Hölle – den Rest der Ewigkeit im beschissenen Brügge zu verbringen.

Ralph Fiennes‘ Auftritt (auch wenn seine Figur im Vergleich zu alle den wundervollen Figuren doch etwas holzschnittartig daherkommt) als Gangsterboss in Brügge sorgt dann vor allem dafür, dass die Figuren sich noch intensiver mit sich selbst und miteinander auseinandersetzen müssen. Auf dem Großen Markt kommt es zu einem denkwürdigen Finale, welches alle Figuren noch mal zu Höchstform auflaufen lässt. Nicht nur (aber auch) in diesen Szenen überzeugt der Film übrigens auch mit einer zauberhaften Fotografie. Der dänische Kameramann Eigil Bryld setzt Brügge teils surrealistisch, teils neorealistisch in Szene und gibt der Stadt neben der Langeweile, die Ray sieht, und der bloßen historischen Ebene, die Kens touristisches Auge schätzt, noch ein drittes, mysteriöses Gesicht. Diese Vielschichtigkeit – bezüglich der Figuren, der Genres, der Stimmung, der Interpretation – ist letztlich die ganz große Stärke des Streifens.

Martin McDonaghs erster Spielfilm ist ein Ausbund der Freude: wundervoll vielschichtige Figuren dürfen ihre Ansichten hier nach Herzenslust kundtun und abgleichen. Groteske bis surreale Geschehnisse fordern diese tollen Charaktere dabei immer wieder heraus und sorgen für hervorragende Unterhaltung bei den Zuschauenden.

Eine Antwort zu “BRÜGGE SEHEN… UND STERBEN?

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