MORD IM ORIENTEXPRESS

Mord im Orientexpress
Murder on the Orient Express | Großbritannien | 1974
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Mehr oder minder zufällig sitzt der berühmte Detektiv Hercule Poirot (Albert Finney) im Orientexpress, in welchem just auf dieser Fahrt ein äußerst undurchsichtiger Mord geschieht. Der reiche Geschäftsmann Samuel Edward Ratchett (Richard Widmark), der Poirot kurz zuvor noch um Hilfe bat, ist scheinbar einem der Mitreisenden zum Opfer gefallen – Poirot begibt sich an die Untersuchungen, während der Orientexpress in einer jugoslawischen Schneewehe feststeckt.

Bereits in der ausgehenden Stummfilmzeit erkannten diverse Filmschaffende, dass sich mit den Stoffen der britischen Schriftstellerin Agatha Christie gutes Geld verdienen ließ, waren diese doch mit ihren oft winkelzügigen Strukturen wie gemacht für das aufflammende Whodunit-Kino. Und anscheinend war auch dem US-amerikanischen Regisseur Sidney Lumet nach ein wenig Täter-Suche zumute, nachdem er sich in DER ANDERSON-CLAN (1971) und SERPICO (1973) vollends den Tätern gewidmet hatte. Die Drehbucharbeit fiel dabei an Paul Dehn, der neben GOLDFINGER (1964) auch die vier klassischen PLANET DER AFFEN-Fortsetzungen geschrieben hatte, bevor er 1976 im Alter von nur 64 Jahren unter unklaren Umständen verstarb.

Poirot: Passen Sie jetzt gut auf, Sie sind meine einzigen Zeugen.

Zwei Jahre zuvor bemühte er sich aber noch um die Übersetzung von Christies sehr komplexen Mordkomplott in ein Drehbuch und behielt dabei jene Grundstimmung geschickt bei, die die Romanvorlage mutmaßlich zu einem so großen Erfolg machte. Poirots Ermittlungen führen ihn nämlich auch im Film durch eine Phalanx an skurrilen, überzeichneten Figuren, die allesamt ein stückweit abseits der Glaubwürdigkeit angelegt sind. Jede Person ist ein bewusstes Abziehbild, welches seine ein, maximal zwei Eigenschaften in teils grotesker Weise hervorkehrt. Im Film wird das besonders spaßig, da sämtliche Rollen an namhafte Mimen vergeben worden sind. Da eine Aufzählung an dieser Stelle zweifelsohne ausufern oder aber im Falle einer Reduktion verdiente Darsteller unterschlagenden würde, bleibt sie aus. Albert Finneys trefflicher – da ebenfalls durchaus augenzwinkernd abgelegter – Poirot sei aber doch erwähnt.

Daneben ist es vor allem der erstaunlich altmodische Stil des Films, der den Zuschauenden entgegenschlägt. In einer Zeit, in der sich das Kino von klassischen Genremotiven entfernte, in der der Vietnamkrieg junge Filmemacher geradezu dazu zwang, sich neue Arbeitsweisen, neue Härten, neue Ausdrucksweisen anzueignen, wirkt Lumets Film wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Zwanzig Jahre zuvor hätte der Streifen wahrscheinlich genauso ausgesehen. Ein Grund dafür ist sicherlich die enge Begrenzung der Geschehnisse auf einige Zugwaggons, aber deren gleichförmiges Inneres und Geoffrey Unsworths stoisch ruhige Kamera (vielleicht war er im Geiste noch bei Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (1968)) sorgen bewusst für ein sehr gemächliche Gangart.

Poirot: Ist Ihnen schon aufgefallen, dass zu viele Spuren in diesem Raum vorhanden sind?

Letztlich ist aber genau das wohl auch nötig, um den aberwitzigen Verbindungen, Täuschungen und Hinweisen doch noch folgen zu können. Und letztlicher sorgt auch das für eine Krimi-Wohlfühlatmosphäre, die man zu diesem Zeitpunkt in Kino kaum noch finden konnte. Und am letztlichsten ist es wohl nur so möglich, den Zuschauenden die abwitzige Auflösung irgendwie zu verkaufen: indem man sie herum einen Film konstruiert, der so zeitlos ist, dass der Rezipient ihn kaum in seine eigene Realität einsortieren kann.

Lumets berühmte Christies-Verfilmung entführt die Zuschauer in eine ebenso zeitlose wie aberwitzige Kriminal-Situation und drückt die grotesken Figuren dabei einem außerordentlich namhaften Cast in die Hände – wer sich darauf einlässt, wird großartig unterhalten.

Eine Antwort zu “MORD IM ORIENTEXPRESS

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