STIRB LANGSAM

Stirb langsam
Die Hard | USA | 1988
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Eigentlich möchte John McClane (Bruce Willis) nur seine Ehefrau Holly (Bonnie Bedelia), mit der er in einer handfesten Ehekrise steckt, in Los Angeles besuchen, wo sie sehr erfolgreich für die Nakatomi-Corporation arbeitet. Doch bevor die beiden während der Weihnachtsfeier im firmeneigenen Hochhaus dazu kommen, ihre Probleme zu besprechen, sprengt eine Gruppe von Terroristen rund um Anführer Hans/Jack Gruber (Alan Rickman) die Veranstaltung und bringt den Skyscraper in ihre Gewalt.

Erst nachdem Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone, Burt Reynolds, Harrison Ford, Mel Gibson und Richard Gere abgelehnt hatten, entschieden sich die Verantwortlichen dazu, dem 33-jährigen und bis dato weitestgehend unbekannten Bruce Willis die Hauptrolle im neuen Werk von John McTiernan anzuvertrauen. Der hatte ein Jahr zuvor mit PREDATOR (1987) seine Tauglichkeit bewiesen, sodass ihm die Erfolgsproduzenten Lawrence Gordon und Joel Silver, die zusammen die Walter Hill-Klassiker DIE WARRIORS (1979), NUR 48 STUNDEN (1982) sowie STRAßEN IN FLAMMEN (1984) oder eben McTiernans PREDATOR angeleiert hatten, volles Vertrauen schenken. Nur die Schwierigkeit, die Hauptrolle mit einem namhaften Action-Gesicht zu besetzen, stellte die Produktion vor einige konzeptionelle Herausforderungen – welche aber letztendlich auf die beste aller denkbaren Weisen gelöst werden sollten.

Argyle: Wenn der Weihnachten immer so feiert, möchte ich mal zur Silvesterparty eingeladen werden.

Denn wenn du die Hauptfigur schon einem „Nobody“ überlässt, dann solltest du sie auch dementsprechend anlegen. Anstatt also den Actionreißern der 80er Jahre zu folgen und einen überlebensgroßen Helden zu präsentieren, der jeder Gefahr mit einem kühlen Lächeln trotzt, liefert das aus der Feder von Steven E. de Souza und Jeb Stuart stammende (und einem Roman von Roderick Thorp folgende) Drehbuch dem Publikum einen Jedermann. Einen Bullen, der Probleme mit seiner Frau hat, seine Kinder nicht mehr sehen darf und der beruflich vor sich hindümpelt, während seine Herzensdame eine große Karriere hinlegt. John scheitert beim Zusammentreffen mit Holly dann sogleich an sich selbst, wird laut und ungehalten und zeigt seinen Zuschauern so deutlich, dass er mitnichten ein obercooler Typ ist, sondern ein gestresster Durchschnittstyp, der obendrein Angst vorm Fliegen (oder vor seiner Frau?) hat. Dass er dann im Laufe des Geschehens über sich hinauswächst und trotzdem zum Helden wird, ist dabei völlig legitim, bleibt er doch stets ein nah- und verletzbarer Held – wie nicht zuletzt seine Füße eindrucksvoll belegen.

Der zweite große Kniff von McTiernans Film ist die Reduktion des Handlungsortes. Anstatt den Heroen um die halbe Welt und durch unterschiedlichstes Terrain zu schicken, muss McClane sich mit einem (teils noch im Bau befindlichen) Wolkenkratzer als Schlachtfeld arrangieren. Das bedeutet keineswegs, dass es optisch oder strategisch eindimensional zur Sache ginge (tatsächlich bietet das Nakatomi Plaza erstaunlich viel Abwechslung), es entsteht vielmehr eine Situation, die bedrückend, teils tatsächlich klaustrophobisch anmutet. Selten sind es mehr als ein paar Stockwerke, die Pro- und Antagonisten trennen, der Umstand, dass sich McClane und Gruber kurz vor Ende noch nicht kennen, unterstreicht diese Gleichzeitigkeit von räumlicher Nähe und Trennung eindrucksvoll. Gleiches gilt übrigens für das Geschick der Drehbuchautoren, die erstaunlich zahlreichen und intelligenten Handlungsstränge und Figuren auf dem begrenzten Gelände unterbringen.
Ansonsten verkörpert das Nakatomi Plaza vor allem den immer rasanter werdenden technischen Fortschritt der späten 80er Jahre. Während John schon Ehrfurcht vor seinem Videorekorder zeigt, verfügt das Gebäude über allerlei technische Spielereien, die im Laufe der Auseinandersetzungen gleichermaßen Segen und Fluch darstellen. Wenn Willis dann nicht gerade gegen Technik kämpft, hat er es mit einer großen Truppe stereotyper Bösewichte zu tun, die in der deutschen Synchronfassung leider ihren bundesdeutschen Hintergrund eingebüßt haben. Aber auch als Jack gelingt es Alan Rickman in der Rolle des smart-genialen Antagonisten Gruber überaus gut, McClane in Schach zu halten. Richtig stark wird der Cast dann aber durch die zahlreichen wichtigen und toll ausgearbeiteten Nebenfiguren wie Bonnie Bedelia als Holly, Reginald VelJohnson als Cop-Buddy Al oder auch William Atherton als Sensationsjournalist Thornburg (die GHOSTBUSTERS – DIE GEISTERJÄGER lassen grüßen!).

John: Ich bin nur die Fliege im Honig, Jack, der Knüppel zwischen deinen Beinen, der Tritt in deinen Arsch.

All diese (das Genre teils novellierenden) Stärken betrachtend wäre es nun aber fatal, STIRB LANGSAM die Grundtugenden des Actionkinos abzusprechen. Es gibt harte (bis brutale) und toll choreographierte Nahkämpfe, es kommt zu schmissigen Schießereien und auch einige Explosionen und Übertreibungen sorgen für optischen Kurzweil. Im Finale hat McClane die Rolle des Jedermann dann quasi verlassen, wenn er barfuß am Feuerlöschschlauch vom durch C4 explodierenden Dach springt – auch wenn er zu den Klängen von Vaughn Monroes Let it snow! zügig wieder in diese zurückzukehren versucht. Der Song nimmt übrigens nur Platz 2 der filmeigenen Charts ein, da Beethovens Ode an die Freude hier einfach zu genial – da variantenreich – eingesetzt wird.

McTiernan gibt dem Genre tatsächlich entscheidende neue Impulse, die in den folgenden Jahren vielfach rezipiert werden sollten – ganz nebenbei liefert er aber auch einfach einen granatenstarken Actionfilm ab.

12 Antworten zu “STIRB LANGSAM

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