KEOMA – DAS LIED DES TODES

Keoma – Das Lied des Todes
Keoma | Italien | 1976
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Keoma (Franco Nero) wächst nach dem gewaltsamen Tod seiner Mutter in der Obhut seines Ziehvaters William (William Berger) auf, doch liegt er auch in ständigem Clinch mit seinen drei Stiefbrüdern. Als er aus dem Bürgerkrieg heimkehrt, rettet er die schwangere Liza (Olga Karlatos) vor den drei Halunken und deren Chef Caldwell (Donald O’Brien), der Keomas kleines Heimatdorf schrecklich terrorisiert. Es entbrennt eine schreckliche Auseinandersetzung.

Es ist ja gemein bekannt, dass jedes erfolgreiche Genre irgendwann zu seiner eigenen Parodie wird – so auch der Italowestern, der ab dem Anfang der 70er Jahre mit Werken wir DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS (1970), VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA (1971) oder MEIN NAME IST NOBODY (1973) wahrhaftige Kracher der Selbstverballhornung hervorbrachte. Doch wenn ein Genre groß genug ist, dann bietet sich im Windschatten des Erfolgs auch der Platz für anderweitige Genreverquickungen. Im Falle des von Schauspiel-Tausendsassa George Eastman ersonnenen KEOMA – DAS LIED DES TODES finden vor allem Versatzstücke des Endzeitfilms Platz neben den Üblichkeiten des Italowestern. Der renommierte Autor Mino Roli und nicht zuletzt Regisseur Enzo G. Castellari, der sich kurz zuvor mit ZWIEBEL-JACK RÄUMT AUF (1975) noch mit eher mäßigem Erfolg am einer Italowestern-Komödie versucht hatte, überarbeiteten Eastmans ersten Entwurf und sorgten so für die Grundlage eines großen Spät-Italowesterns.

Caldwell: Willst du dich uns anschließen? Ich bezahle gut.
Keoma: Du wirst bezahlen – und mein Preis ist hoch.

In der Hauptrolle tritt (mal wieder) Italowestern-Legende Franco Nero auf, der als Keoma dieses Mal jedoch als Nachkomme eines Siedlers und einer Indianerin eine noch größere Außenseiterrolle bekleidet als sonst schon. Dazu wird er zwar von seinem Ziehvater William (coole, bärtige Rolle: William Berger) geliebt, von seinen drei Stiefbrüdern dafür jedoch umso mehr gehasst. Ansonsten bleibt die Figur eine angenehm vage, Keoma kämpfte im Bürgerkrieg, kehrte heim und sucht nun nach seinem Platz in der Gesellschaft.

Er versucht diesen unter anderem durch die Rettung von Liza zu erringen, die gerade von den Schergen des Antagonisten bedrängt wird. Gespielt von Olga Karlatos, die später noch qua WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES (1979) oder PURPLE RAIN (1984) Bekanntheit erlangen sollte, ist Liza quasi Keomas Verbindung zu realen Welt. Ansonsten schafft der Protagonist es nämlich kaum, aus der quasi formlosen Außenwelt – Hallo, Endzeit! – ins Dorfinnere vorzudringen. Für die strikte Trennung zwischen Drinnen und Draußen zeichnet übrigens Antagonist Caldwell verantwortlich, der allerdings über keinerlei plausiblen Grund dafür verfügt, das arme Dörfchen so zu drangsalieren – dementsprechend blass wirkt der irisch-französische Mime Donald O’Brien dann auch.

Keoma: Bestien erkennt man an ihren Augen, ihr braucht eure Gesichter nicht zu verstecken.

Ganz und gar nicht blass werden die Geschehnisse innerhalb des Dorfes dann in Szene gesetzt. Castellari – der ja später noch zum Fachmann für italienische Endzeit werden sollte – kreiert zusammen mit Kameramann Aiace Parolin eine wundervoll düstere und verkommende Welt. Gezeichnet von einer (angeblichen?) Pockenepidemie rottet das Nest vor sich hin, Häuser verkommen, der metertiefe Schlamm auf der Hautstraße bremst das Leben völlig aus. Häufig in der Nacht gefilmt entsteht so eine tolle Stimmung, die kaum einen Ausweg offenzulassen scheint. US-Legende Woody Strode taucht dann aus der Nacht auf und gibt der quasi greifbaren Stimmung von Depression und Ausweglosigkeit in der Rolle des George ein Gesicht.
Noch metaphorischer kommt die von Gabriella Giacobbe gegebene Hexe daher, die Keoma stets zu begleiten scheint. Auch die – teils ohne Schnitt grandios in die Jetzt-Zeit eingearbeiteten – Rückblenden, die ihm an einigen Stellen doch so etwas wie einen Hintergrund verleihen, öffnen die möglichen Blickwinkel auf den Film noch etwas. Und schließlich sind es auch die so entstehenden Leerstellen, die zu einem guten Endzeitfilm gehören: die Entstehung der düsteren Situation, in der sich Held und Welt befinden, bleibt so immer ein stückweit im Unklaren. Und das passt erstaunlich gut zum Italowestern – schön, dass Eastman, Castellari und Roli das erkannt und bravourös umgesetzt haben.

Endzeit und Italowestern! Was Castellari hier zaubert, lässt die Frage, warum das noch niemand vor ihm gemacht hat, unausweichlich erscheinen. So oder so ist KEOMA ein in Bildgewalt und Stimmung herausragenden Vertreter des späten Italowestern.

2 Antworten zu “KEOMA – DAS LIED DES TODES

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