BLUTIGER FREITAG

Blutiger Freitag
Blutiger Freitag | Deutschland/Italien | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Heinz Klett (Raimund Harmstorf) ist ein rüder Gewohnheitsverbrecher, der nach seiner Befreiung aus den Klauen der Justiz sofort zur nächsten Schandtat aufbricht. Von seinem Kumpel Luigi Belloni (Gianni Macchia) unterstützt, bereitet er einen Banküberfall vor, an dem auch der sich gerade auf der Flucht vor der Bundeswehr befindliche Christian (Amadeus August), der Bruder von Luigis Freundin Heidi (Christine Böhm), teilnimmt.

Es ist doch irgend erstaunlich, dass Rolf Olsens BLUTIGER FREITAG in seiner Natur als bundesdeutscher Action-Film exploitativer Natur eine solch einsame Rolle zu spielen hat. Obwohl sich nämlich das deutsche Kino mit dem Beginn der 70er Jahre – analog zum europäischen Filmwesen – durchaus deutlich in Richtung vordergründiger Unterhaltung entwickeln sollte, blieben Geballer und Explosionen dabei oftmals außen vor. Vielmehr war es nackte Tatsachen oder eskapistische Abenteuer, die die niederen Gelüste der Kinogänger befriedigen sollten. Ein düsterer-desillusionierter, urban-brutaler Actionfilm, wie in Italien der Poliziesco, entstand in der Bundesrepublik jedoch nicht – und das, obwohl die ersten Amtshandlungen der RAF ja durchaus in Analogie zur italienischen Epoche des Bleis gesehen werden können.

Marion: Ich habe Hunger …
Heinz Klett: … auf Liebe?

Rolf Olsens Drehbuch zu BLUTIGER FREITAG lässt dann auch zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel daran, dass die antikapitalistische Grundhaltung der roten Fraktion für seine Figuren Pate stand. Und Olsen, der dem deutschen Kino bereits zahlreiche Werke aus den Bereichen Komödie, Heimatfilm oder auch Milieufilm geschenkt hatte, bediente sich ebenso freizügig am berühmten Banküberfall in der Münchener Prinzregentenstraße am 4. August 1971. So verleiht er seinem Film einen sehr realistischen und aktuellen Hintergrund, der maßgeblich zu jener düsteren Stimmung beiträgt, die über sämtlichen Charakteren zu liegen scheint. Das Trio Klett/Belloni/Hofbauer ist eine Sammlung von entweder flüchtenden oder zukunftslosen Menschen. Klett versucht der Justiz zu entrinnen, Hofbauer dem Militär. Belloni – bis zum Banküberfall ohne Schuld – sehnt sich nach einem glücklichen Leben, das gleichwohl unerreichbar scheint, mit Heidi; die ihrerseits enttäuscht und desillusioniert durch ihren Bürojob taumelt.

Es passt gut zu dieser Ansammlung von Scheiternden, dass Raimund Harmstorf (kurz zuvor noch markiges Hauptgesicht der TV-Serie DER SEEWOLF) als Hauptfigur über alle Maßen abstoßend auftritt. Laut, rau und rücksichtlos pöbelt er sich durch den Film. Männer, Freunde, Frauen, Bullen; keiner ist vor seinem Zorn sicher. Er tötet, er droht, er vergewaltigt. Er spuckt pseudo-revolutionäre Sprüche umher und sucht dennoch nur Geld und Frauen. Dagegen ist Amadeus Augusts Christian im ständigen Ringen mit seiner Moral gefangen und Gianni Macchias Luigi in der hilflosen Träumerei von einer besseren Zukunft. Bemerkenswert übrigens, dass Olsen mit Gila von Weitershausen als reicher Unternehmertochter Marion und Daniela Giordano als selbstbewusster Homosexuelle Dagmar gleich zwei starke Frauenrollen installiert, die dem Trio in der Bankfiliale die Stirn bieten.

Heinz Klett: Keine Angst, wenn wir die erste verstümmelte Leiche auf die Straße werfen, dann werden die weich.

Angenehm konsequent kommt Olsens Entscheidung daher, diesem rauen Konzept auch ein raues Antlitz zu verleihen. Schon in der Exposition fließt das Blut in Strömen, später sorgen Handgranaten und die erwähnte Vergewaltigung für bedrückende Eindrücke. Das alles fotografiert Olsens Stamm-Kameramann Franz Xaver Lederle überaus nüchtern und trocken, mit einem Höhepunkt während der quasi-dokumentarischen Befragung der Schaulustigen vor der Bank. Hier wird kurz einmal die ganze Bandbreite der plakativen Meinungen zum Überfall aufgezeigt, vom die Todesstrafe fordernden Altnazi bis zum jubelnden Revoluzzer – in diese Kerbe schlägt übrigens auch jene wundervoll Geisel, die die Überfallenden nach dem Genuss einiger Züge Schnaps in Tränen darum bitte, sich ihnen anschließen zu dürfen.
Und die Haltung dieser Nebenrolle, die Bereitschaft, die Fesseln bürgerlichen Anstandes auch auf Kosten von Tod oder Knast zu sprengen, da man das Grau-in-Grau schlicht nicht mehr erträgt, spiegelt den Tenor des Films wunderbar wieder. Heinz Klett (und mit Abstrichen auch seine Konsorten) erwartet von seinen Handlungen nicht, dass sie ihn zwingend zu Reichtum und Glückseligkeit führen, er weiß, dass es auch genauso enden kann, wie es dann eben endet – in Blut und Dreck. Aber er geht diesen Weg trotzdem, weil es eben der einzige direkte Weg raus aus dem Grau und der Gleichförmigkeit ist. Schön, dass Rolf Olsen diesen Weg für uns begleitet hat.

Olsen zeichnet ein düsteres und desillusioniertes Bild vom Leben in der BRD zu Beginn der 70er Jahre und lässt seine Hauptfigur Klett dann einen Weg hinaus aus diesem Leben wählen, der vor Blut, Dreck und Schweiß nur so trieft. Wunderbar!

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