MALASTRANA

Malastrana
La corta notte delle bambole di vetro | Deutschland/Italien/Jugoslawien | 1971
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Gregory Moore (Jean Sorel) hat ein Problem: während seine gesamte Umgebung, insbesondere die Mitarbeiter der Leichenhalle, in der er sich gerade befindet, ihn für tot hält, ist er selber sich seiner noch vorhandenen Lebendigkeit wohl bewusst – allein, er kann es keinem mitteilen. Also beginnt Gregory, in der Hoffnung, den Grund für seine missliche Lage zu erkennen, seine Gedanken zu durchforschen, beginnend mit dem mysteriösen Verschwinden seiner Freundin Mira (Barbara Bach).

Eigentlich pflegen dem Genre des Giallo angehörige Filme die Tradition, einen in der Stadt des Geschehens fremden Menschen, der von Beruf weder Polizist noch Detektiv ist, in einen Mordfall zu verwickeln, dessen Auflösung dann Ziel allen Bestrebens ist. Das Regiedebüt des italienischen Regista Aldo Lado folgt dieser Tugend ganz grundsätzlich, allerdings erlaubt sich das ebenfalls von Lado geschaffene Skript einen Kniff, der diese Systematik bestechend unterläuft: der in die Ermittlungen hineingezogene Protagonist ist hier gleichermaßen das (einzige?) Opfer. Die Zuschauenden folgen seinen Gedanken und begleiten so seinen verzweifelten Versuch, den Grund für die eigene Reglosigkeit zu ermitteln.

Gregory: Ich fange an zu begreifen – wenn ich nicht noch vorher durchdrehe.

So gewinnt der Film ein deutliches Übergewicht in Richtung Whodunit und opfert folglich einige Stilmittel des Giallo. Weder glitzernde Klingen, noch behandschuhte Mörder, deren Perspektive man ein(zu)nehmen (gezwungen werden) kann, gibt es hier zu sehen. Stattdessen stellt sich eine Ermittlungsgeschichte dar, die von Beginn an in sehr trüben Wassern fischt. Wer ist eigentlich diese Mira Svoboda (Barbara Bach, später in DER SPION, DER MICH LIEBTE (1977) mit von der Partie), die so plötzlich auftaucht und so plötzlich verschwindet? Hat sie etwas mit Gregorys Situation zu tun? Ist sie vielleicht nur eine Einbildung? Wo soll Gregory zu suchen beginnen? Hilft ihm sein lautstarker Kollege Jacques, der von Mario Adorf wie immer krachend gegeben wird, oder bremst er ihn gar? Lado liefert quasi keine Antwort, sondern entwirft eine Situation, in der sich Gregory quasi im Rausch durch eine Stadt bewegt, die hinter jeder Ecke nur noch mehr Fragen parat hält. Jean Sorel, der schon zwei Jahre zuvor in Lucio Fulcis NACKT ÜBER LEICHEN (1969) eine tolle Leistung ablieferte, verkörpert den Steller all dieser Fragen dabei höchst trefflich, wirkt er doch beständig ebenso ratlos wie der Zuschauer.

Mitgrund für diese allenthalben präsente Atmosphäre der Unsicherheit ist sicherlich auch der grandiose Drehort Prag. Die tschechische Hauptstadt wird wundervoll in Bilder gefasst und ihr kommt zu jeder Tag- und Nachtzeit die Rolle einer Mitspielerin zu. Viel (buntes) Licht, aber noch viel mehr Schatten tauchen die Gassen und Plätze in Ungewissheit und so scheint die prächtige Kleinseite Gregory quasi zu umschlingen. Passend dazu enthüllt der Film gen Ende dann auch die Bedeutung der „hohen Kreise“ dieser uralten Metropole, die auch in der Gegenwart noch großen Einfluss und bisweilen abwegige Interessen haben.

Jacques: Hier werden auch noch die Suppenhühner zu politischen Selbstmördern gemacht. Was für ein Land!

So kulminiert der spannende Streifen dann in einem unfassbar bedrückenden Doppelfinale. Zunächst stößt Gregory auf jene namenlose und mystische Geheimgesellschaft, die für seinen hilflosen Zustand verantwortlich ist und deren Existenz der Zuschauende schon die ganze Zeit hinter all den Geheimnissen und den mittelalterlichen Mauern geahnt hat. Die Grausamkeit dieses Bundes, den Protagonisten für sein unerlaubtes Eindringen mit dem Quasi-Tod zu bestrafen, wird nur noch von der letzten Einstellung übertrumpft, in der das eventuell doch noch erreichbare Licht am Ende von Gregorys Tunnel mit äußerster Grausamkeit gelöscht wird – wer nach diesem Finale nicht wie gebannt auf die Credits starrt, dem ist einfach nicht mehr zu helfen …

Aldo Lados Regiedebüt sieht fantastisch aus und strotzt nur so vor Spannung. Viel wichtiger ist aber, dass Lado durch sein unorthodoxes und innovatives Herangehen einen Whodunit-Thriller geschaffen hat, der ebenso überraschend wie bitterböse daherkommt und somit sicherlich zu den großen Vertretern seiner Art zu zählen ist.

2 Antworten zu “MALASTRANA

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