BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE

Beim Sterben ist jeder der Erste
Deliverance | USA | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Vier Freunde mittleren Alters, Ed (Jon Voight), Lewis (Burt Reynolds), Bobby (Ned Beatty) und Drew (Ronny Cox), begeben sich in die Hinterwälder des US-Bundesstaates Georgia, um dort den unbändigen Cahulawassee-Fluss zu befahren. Doch ihre Hochnäsigkeit lässt sie schnell in Konflikt mit örtlichen Anwohnern geraten, die ihren Unmut sogleich auf höchst forsche Weise zu demonstrieren beginnen.

Nach seinem gefeierten Action-Thriller POINT BLANK (1967) und dem nachdenklichen 2-Personen-Kriegsdrama DIE HÖLLE SIND WIR (1968) produzierte und inszenierte der Brite John Boorman 1972 mit BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE einen Film, der – ohne es zu sich zum Ziel gemacht zu haben – zur Blaupause für alle möglichen Backwood-Slasher der folgenden Jahrzehnte werden wollte. Ganz abseits dieser Pionierleistung ist der auf dem Roman Flussfahrt von James Dickey (der auch das Drehbuch verfasste und als Sheriff einen kurzen Auftritt am Filmende absolviert) basierende Thriller aber auch einfach ein Film, der es versteht, seine Zuschauer mittels einer großen Intensität und einem enormen Spannungsniveau mitzureißen.

Lewis: Die Nacht hat sich herabgesenkt und wir können nichts dagegen machen.

Die Intensität des Dargebotenen entwickelt sich dabei aus zwei Grundelementen. Zu einem versteht es Boorman unheimlich gut, die vier Herren als Fremdkörper in der ländlichen Umgebung zu skizzieren. Allen vor Burt Reynolds‘ Lewis, der die Einheimischen beleidigt und deren Expertise in den Wind schlägt, aber auch die übrigen Gruppenmitglieder strahlen jederzeit die Intention aus, dieses abgelegene Fleckchen Erde nur um des Abenteuers Willen aufzusuchen. So zeigt sich dann spätestens bei der ersten Übernachtung im Freien, dass alle vier mit den Bedingungen zu kämpfen haben; selbst Lewis wird von Ed als unfähig deklariert, den Wald zu verstehen.

Zum anderen bedient sich Boorman einer Sequenz, die innerhalb von rund zehn Minuten die Marschrichtung für den gesamten Film vorgibt. Der durch zwei Rednecks verübte Überfall auf Ed und Bobby inklusive Vergewaltigung schneidet sich unheimlich tief ins Gemüt der Zuschauenden und bestätigt die schlechten Vorahnungen aus der Exposition mit äußerster Brutalität. Und als wäre das nicht genug, entwächst aus dieser Szene auch noch der große Konflikt innerhalb der Vierergruppe: der von Lewis und Ronny Cox‘ Drew geführte Streit über das weitere Vorgehen. Die Gemeinschaft verliert über die Frage des Umgehens mit der Leiche ihren Zusammenhalt, Drew vermutlich gar seinen Lebensmut. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich der Film zu einer Hatz über den Fluss, an dessen Ende so oder so keine Erlösung (man bedenke den Originaltitel) auf die Protagonisten wartet.

Lewis: Ich war in meinem ganzen Leben noch nie versichert. Ich glaube nicht an Versicherungen.

Dabei bleibt der Streifen stets eng an seinen Figuren und lässt die Frage der Moral und des richtigen Handelns stets über ihnen schweben. Selbst während sie verletzt im Fluss liegend beschossen werden und auch nach der Rückankunft in Aintry bleibt die Entscheidung vom Anfang das zentrale Thema. So endet der Film auch konsequenterweise höchst pessimistisch mit dem Auseinandergehen der verbliebenen Drei; allerdings nicht ohne zu zeigen, dass auch jetzt noch keine juristische Absolution besteht – und erst recht keine moralische.

Dass Boorman hier die Genreblaupause des Backwood-Slashers liefert, wird neben den eigentlichen Qualitäten dieses Abenteuer-Thrillers zur Nebensache: Der Film, der Reynolds zum Durchbruch verhalf, skizziert den Konflikt zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung ebenso eindringlich wie die moralische Auseinandersetzung innerhalb der Abenteurergruppe – und bietet innerhalb dieser gedanklichen Untiefen enorme Spannung und Intensität.

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