DER BLADE RUNNER

Der Blade Runner
Blade Runner | USA | 1982
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Rick Deckard (Harrison Ford) hat seinen Job, die von echten Menschen kaum unterscheidbaren Replikanten in den moloch’schen Gassen des zukünftigen Los Angeles zu jagen, eigentlich an den Nagel gehängt. Doch als vier besonders gefährliche Replikaten auftauchen, darunter Roy Batty (Rutger Hauer) und Pris (Daryl Hannah), die ihren Schöpfer Dr. Eldon Tyrell (Joe Turkel) aufsuchen, wird Deckard gebeten, seine besonderen Jagdfähigkeiten noch einmal zum Einsatz zu bringen.

Hampton Fancher und Brian Kelly, die beide eigentlich vor der Kamera ihr Geld verdienten, zeigten sich von Philip K. Dicks dystopischem Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? aus dem Jahre 1968 derart begeistert, dass die eine Verfilmung auf den Weg bringen wollten. Geldgeber waren alsbald gefunden, Fancher verfasste ein erstes Skript und das landete Anfang der 80er Jahre auf dem Schreibtisch von Ridley Scott, der sich mittels seines epochemachenden Werkes ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT (1979) für die Aufgabe des Regisseurs ins Gespräch gebracht hatte. Dieser erfolgreichen Frühphase folgte dann ein monatelanges Wirrwarr während der Dreharbeiten, welches sowohl für viel Ärger zwischen Produzenten, Darstellern und Regisseur sorgte, welches aber genauso Run Run Shaw, die Hälfte der Shaw Brothers, ins holte, der die Produktion mit frischen Geldmitteln am Leben erhielt. Ob all dieser Druck nötig war, damit am Ende ein Diamant entsteht, sei dahingestellt – so geschehen ist es jedenfalls.
Zunächst fällt dabei das grandiose Setting des Films auf. Schon die erste Einstellung, das nächtliche, von Neonlicht und Feuerfontänen erleuchtete Moloch L.A., reißt den Zuschauer in eine Welt hinein, die fortan in jeder einzelnen Szene weiter ausformuliert werden soll. Die Reise führt in düstere, neonschwangere Gassen, in denen sich allerlei Gestalten tummeln, die in einem Cityspeak genannten Kauderwelsch kommunizieren. Die archaische Tempelkonstruktion der Tyrell-Corporation thront über dieser Szenerie und macht unumwunden deutlich, dass hier Konzerne, nicht Staaten herrschen. Fliegende Vehikel, unüberschaubar große Wohneinheiten, hier befindet man sich wahrlich in einer dystopischen Zukunftsvision.

Roy Batty: Wir wussten nicht, wieviel Zeit uns noch bleibt. Aber egal, wer tut das schon?

Durch diese bewegt sich dann Hauptrolle Rick Deckard. Harrison Ford, der kurz zuvor in JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES (1981) den humorvollen König der Archäologen gegeben hatte, streift diese Rolle problemlos zugunsten des noir’schen Detektivs ab. (Zumindest in Scotts Intention) Wortkarg streift er durch die Gassen und begegnet allen Wesen um sich herum nur mit Zynismus; er ist jener desillusionierte Typus Mensch, der in der Schwarzen Serie allgegenwärtig ist. Dass mit Swan Young, die zuvor mittels Ivan Reitmans ICH GLAUB‘ MICH KNUTSCHT EIN ELCH! (!981) Bekanntheit erlangte, als Rachael auch eine undurchsichtige femme fatale auftritt, unterstreicht die Noir-Anleihen ebenso wie die genial-düstere Optik des Films. In aller Seelenruhe fotografiert Kameramann Jordan Cronenweth die großartig ausgestatteten Sets in harten Hell-Dunkel-Kontrasten und sorgt so für enorm stimmungsvolle Bilder. Im Gegensatz zu den Vorbildern der 30er und 40er Jahre geht es dabei überaus farbintensiv zu, denn die Großstadtgassen des Jahres 2019 scheinen kein weißes Licht zu kennen.

Deckard gegenüber stehen die Replikaten, welche äußerlich nicht von Menschen zu unterscheiden sind und nur per komplizierten Testverfahren entlarvt werden können. Obwohl Daryl Hannah als Pris oder Brion James als Leon diese schwierigen Figuren zwar überaus gekonnt darstellen (James‘ Zucken in der eröffnenden Befragung lässt die Zuschauenden das folgende Unheil unangenehm erahnen), bleibt es doch Rutger Hauer in der Rolle des Roy Batty vorbehalten, die Essenz des Replikaten-Daseins zum Ausdruck zu bringen. Battys Ringen um Bedeutung, um Selbsterkenntnis und nicht zuletzt um mehr als nur vier Jahre Lebenszeit wird zum Kernthema des Films und sorgt mit zunehmender Spielzeit dafür, dass auch die Zuschauenden die Grenze zwischen künstlichem und echtem Leben zu hinterfragen beginnen. All die erlebte Freude, all das durchstandene Leid Battys sowie die Rettung Deckards lassen es unmöglich erscheinen, in ihm nur die Maschine zu sehen. Dass der Film dabei die einzelnen Subthemen dieser Grundsatzfrage auch visuell und inhaltlich weiter ausformuliert (und dabei zum Beispiel sowohl das Auge zu einem zentralen Gestaltungsfaktor macht als auch die Vorstellung von Perspektive anhand der (technischen) Untersuchung eines Fotos durch Deckard hinterfragt) zeigt exemplarisch auf, welche interpretatorische Tiefe in diesem Film zu finden ist. Die vielfachen Verweise auf Kunst und Wissenschaft zahlreicher vorangegangener Dekaden lassen die Interpretierbarkeit schier grenzenlos erscheinen.

Roy Batty: Wenn du mit deinen Augen sehen könntest, was ich gesehen habe, mit deinen Augen.

Begleitet wird dieser inhaltliche und visuelle Rausch von Vangelis‘ stimmigen Synthesizer-Klägen, die die omnipräsente Niedergeschlagenheit der Figuren – ja der ganzen Welt, in der die Wohlhabenden längst auf hübschen Off-Kolonien leben – trefflich umschreibt. Dass es die Verleiher seinerzeit für nötig erachteten, den Film mit einem erläuternden Voice-Over zu versehen, der zwar äußerlich der Noir-Konzeption zu entsprechen scheint, der allerdings (zu) viele Leerstellen für den Rezipienten füllt, darf genauso erstaunen, wie der Umstand, dass die gleichen Typen den Film seines offenen Endes beraubten und ihm stattdessen ein (aus nichtverwendetem Material aus Kubricks SHINING (1980) gebasteltes) Happyend angedeihen ließen. So oder so waren die Kinogänger und Kritiker derart von Spielbergs kurz zuvor veröffentlichtem E.T. – DER AUßERIRDISCHE (1982) begeistert, dass Scott dystopische Science-Fiction – wie schon Carpenters DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (1982) – keinen Erfolg verbuchen konnte. Gut, dass wir es heute besser wissen …

Visuelle Grundlage des Cyberpunk-Kinos, die vor allem aufgrund ihrer inhaltlichen Tiefe und Differenziertheit beeindruckt. Moralische Grundsatzfragen bilden hier das Fundament einer rauschhaften Reise durch eine der detailliertesten Filmdystopien aller Zeiten. Klassiker!

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