HERZKLOPFEN

Herzklopfen
La Chamade | Frankreich/Italien | 1968
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Charles (Michel Piccoli), ein gutsituierter Herr mittleren Alters, und Lucile (Catherine Deneuve), eine deutlich jüngere Schönheit, führen eine recht offene und genau deshalb funktionierende Beziehung. Luciles diverse Eskapaden werden von Charles in der Hoffnung, sie an seiner Seite halten zu können, wohlwollend übersehen. Doch als eines Tages der attraktive Journalist Antoine (Roger Van Hool) auf den Plan, tritt, gerät Luciles Welt aus den Fugen.

Der französische Drehbuchautor und Regisseur Alain Cavalier konnte mit dem Heist-Movie DER MILLIONEN-COUP DER ZWÖLF (1967) seinen ersten größeren Erfolg verbuchen. Das rief neben den französischen Produktionsfirmen Les Films Ariane und Les Productions Artistes Associés auch die erfolgreiche italienische Schmiede Produzioni Europee Associati auf den Plan, die vor allem im Bereich des Italowestern äußerst umtriebig war. Cavalier schnappte sich indes einen Roman der erfolgreichen französischen Bestseller-Autorin Françoise Sagan und fertige daraus zusammen mit der Schöpferin ein Drehbuch für sein nächstes Werk; welches entgegen der Erwartungen ein Romantikdrama mit einem Schuss Sozialkritik werden sollte.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die von der berühmten Catherine Deneuve gegebene Lucile, die ein Leben voller Annehmlichkeiten genießt. Ermöglicht wird ihr das durch das Geld ihres deutlich älteren Liebhabers Charles, der mit Michel Piccoli ebenfalls sehr prominent besetzt ist. Deneuve und Piccoli traten bereits in Agnès Vardas DIE GESCHÖPFE (1966) oder Luis Buñuels BELLE DE JOUR – SCHÖNE DES TAGES (1967) gemeinsam auf und wirken in Cavaliers Werk dementsprechend vertraut (miteinander). Ihre Beziehung zeichnet sich nicht durch Liebe, sondern vielmehr durch eine starke Abhängigkeit voneinander aus. Charles braucht die junge Schönheit an seiner Seite, ihr Fernbleiben lässt ihn vielleicht sogar erkranken, Lucile braucht indes seine Sicherheit und Versorgung. Beide können in der daraus entstehenden offenen Beziehung gut leben, bis der junge Journalist Antoine diese Symbiose zerstört.

Roger Van Hool, der durch die Rolle des Oscar im Louis de Funès-Streifen OSCAR (1967) Bekanntheit erlangte, ist als Antoine allerdings nur vordergründig der romantische Gegenentwurf zu Charles‘ äußerlicher Bourgeoisie. Während er zunächst noch wie der belesene, antiautoritäre Rebell wirkt, der Lucile ein Leben außerhalb der Salons und Restaurants zeigen kann, entpuppt er sich doch zunehmend als recht durchschnittlicher Typ, der Lucile obendrein zügig zu seiner Hausfrau machen möchte. Und als wäre die nun zu verrichtende Hauswirtschaft nicht schon schlimm genug, muss Lucile nach ihrer Trennung von Charles – welche diese voller Ruhe und Verständnis aufnimmt – auch noch Lohnarbeit verrichten. Letztlich ist es das auf den Schriften William Faulkners fußende Ausscheiden aus dieser Arbeit, welches die Risse in der Beziehung von Antoine und Lucile vollends aufdeckt. Mitnichten ist Antoines Leben das romantische, das ungezwungene, sondern das bodenständige, das profane. In Verbindung mit den immer flüchtigeren romantischen Exkursen wird Lucile zunehmend klar, dass die tatsächliche Romantik und die wirkliche Freiheit nach wie vor bei Charles auf sie warten.

Lucile: Ich bin nicht für die Arbeit geschaffen. Ich bin krank geworden – und hässlich.

Denn der größte Kniff von Cavaliers Film besteht tatsächlich darin, den reichen Charles gleichzeitig zum respekt- und liebevollen Anker werden zu lassen. Er nimmt Lucile fraglos wieder auf, er unterstützt ihre kranke Mutter während ihrer Abwesenheit und bezahlt ihre Abtreibung. Antoine hingegen bittet sie darum, den Ofen nachts abzudrehen und quittiert Luciles Ausscheiden aus ihrem Beruf mit einer Ohrfeige. Cavalier hebt hier die stereotypen Rollenverteilungen des reichen Ekel und des armen Romantikers auf, er verkehrt sie geradezu. Das alles wird dazu noch äußerst ansprechend in Szene gesetzt – Kameramann Pierre Lhomme sollte ein Jahr später auch Melvilles ARMEE IM SCHATTEN (1969) fotografieren – und am Ende geht Lucile durch die frühmorgendlichen Straßen Paris‘ ihren Weg in unbekannte Richtung weiter – toller Film.

Gefühlvolle Auseinandersetzung mit stereotypen Rollenbildern, in deren Zentrum sich Catherine Deneuve damit auseinandersetzen muss, wie – und ob – man Romantik, Freiheit, Liebe und Sicherheit unter einen Hut bringen kann.

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