DER HERR DER RINGE: DIE GEFÄHRTEN

Der Herr der Ringe: Die Gefährten
The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring | Neuseeland/USA | 2001
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Ohne, dass er etwas dafür kann, wird dem Hobbit Frodo Beutlin (Elijah Wood) eine große Aufgabe zugedacht: Er ist es, der den Einen Ring, der alle Völker des Reiches Mittelerde zu unterjochen vermag, ins finstere Reich Mordor tragen soll, um ihn dort zu vernichten. Neben dem Zauberer Gandalf (Ian McKellen) steht Frodo dabei eine bunt gemischte Truppe an Mitstreitern – darunter Halbling-Freund Sam (Sean Astin), Königserbe Aragorn (Viggo Mortensen), der Elb Legolas (Orlando Bloom) oder der Zwerg Gimli (John Rhys-Davies) – auf seinem beschwerlich Weg zur Seite.

Spätestens seit BRAINDEAD (1992) stand das außerordentliche Talent des Neuseeländers Peter Jackson bezüglich der Herstellung von fantasievollen Spielfilmen außer Frage. Doch der Mann, der schon zuvor mit den Werken BAD TASTE (1987) und MEET THE FEEBLES (1989) sein Können angedeutet hatte, sollte erst 1996 mit THE FRIGHTENERS ein hinreichendes Maß an Aufmerksamkeit generieren. Ausreichend, um seinen seit dem Beginn der 90er Jahre zunehmend ernsthafter verfolgten Plan, den berühmtesten Fantasy-Roman aller Zeiten endlich auf die Kinoleinwand zu hieven, in die Tat umzusetzen. Denn schon vor der Veröffentlichung von BRAINDEAD hatte sich Jackson zusammen mit seiner Frau und ständigen Drehbuchautorin Fran Walsh daran gemacht, erste Konzept für eine Filmadaption zu entwerfen. Und obwohl Miramax sich recht früh bereit erklärte, das Projekt umzusetzen, bekam man doch im Zuge der immer ausschweifenderen Drehbucharbeit irgendwann kalte Füße und stieß die Rechte ab.

Erzählerin: Ein Ring sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und Ewig zu binden!

Glücklicherweise hatte aber New Line Cinema just mit Streifen wie AUSTIN POWERS – DAS SCHÄRFSTE, WAS IHRE MAJESTÄT ZU BIETEN HAT (1997), AUSTIN POWERS – SPION IN GEHEIMER MISSIONARSSTELLUNG (1999) oder FINAL DESTINATION (2000) genügend Einnahmen generiert, um ein Wagnis einzugehen, und erklärt sich bereit, die Produktion zu übernehmen. Und während man bei Miramax schon vor einem Zweiteiler zurückschreckte, sagte New Line Cinema sogar gleich die Gelder für drei Filme zu. Jackson und Walsh waren jetzt zusammen mit der mittlerweile hinzugestoßenen Autorin Philippa Boyens so richtig in Fahrt und formten John Ronald Reuel Tolkiens epische High Fantasy-Blaupause Der Herr der Ringe zu ebenso epochalen cineastischen Ausmaßen. Von Anfang an war klar, dass die drei Filme in einem Mammutakt von Dreharbeiten am Stück würden gefilmt werden. Rund 300 Millionen US-Dollar wurden dafür bereitgestellt, weit über ein Jahr lang wurde gedreht, es gab monatelange Nachdrehs und bereits Jahre vor dem Drehbeginn wurde mit der Erstellung der zahllosen Requisiten begonnen.

Und genau das ist es dann auch, was den ersten Teil der entstandenen DER HERR DER RINGE-Trilogie zu einem derartig beeindruckenden Erlebnis macht: Wo Tolkien die High Fantasy auf dem Papier geschaffen hat, hat Jackson diese auf das Zelluloid überführt. DER HERR DER RINGE: DIE GEFÄHRTEN nimmt seine Welt und seine Charaktere vollends ernst und gibt sich keiner Naivität hin. Die hier dargestellte Welt atmet, sie hat eine Geschichte und existiert spürbar auch abseits dieses Films. Unzählige Orte, Namen und Ereignisse finden Erwähnung, die Zuschauenden haben jederzeit das Gefühl, nur einen kleinen Ausschnitt zu beobachten. Dieser Realismus, diese Ernsthaftigkeit, unterscheidet den Film von so vielen seiner geistigen Vorfahren.
Und das spiegelt sich auch in der Optik des Streifens wider. Das Effekt-Team rund um Jacksons Weta Digital trägt die Bürde, dass sie diesen Film exakt zu jenem Zeitpunkt umsetzen sollten, an dem die Filmwelt vollends von praktischen Effekten zu computergenerierten überwechselte, mit nahezu unglaublichem Geschick. So sind fast alle im Film auftauchenden Städte und Gegenden entweder reale Sets oder Miniaturen (vereinzelt auch Matte Paintings). Bruchtal oder Isengard wurden tatsächlich als riesige Modelle angefertigt, abgefilmt und im Film verwendet. Natürlich findet hier auch digitale Technik Verwendung, wenn es um das Einfügen ins Bild oder das Color Grading geht, aber nichtsdestotrotz wurde fast alles, was es im Film zu sehen gibt, per Hand hergestellt – und das sieht man dem Film auch an. Es ist kein Zufall, dass das im neuseeländischen Hinterland real existierende Hobbingen noch heute ein Ziel zahlreicher touristischer Ausflüge darstellt. Aber auch die zahllosen Rüstungen, Waffen sowie Kleidungs- und Ausstattungsstücke zeugen davon, dass das Team hier tatsächlich eine Welt schaffen wollte – und nicht nur schnellmögliche, digitale Umsetzung im Sinn hatte. So wird DER HERR DER RINGE: DIE GEFÄHRTEN zu einem optischen Genuss, der im Fantasy-Genre seitdem als Maßstab gelten muss.

Gimli: Ein Zwerg wird von niemandem geworfen!

Eine große Herausforderung stellte des Weiteren die Besetzung dar. Da Jackson und Walsh den Kreis der Gefährten nicht verringern wollten, galt es, fast ein Dutzend stimmig interagierende Charaktere zu casten. Um den mit diesem Film berühmt gewordenen Elijah Wood, der sein Können kurz zuvor noch in THE FACULTY (1998) und DEEP IMPACT (1998) belegt hatte, schart sich dann eine großartige Truppe: Ian McKellen gibt einen Gandalf, wie man ihn wohl trefflicher nicht darbieten könnte, Viggo Mortensen ist als Aragorn ebenso edel wie düster und Sean Astin steht Frodo als treuer Samweis zur Seite. Dominic Monaghan als Meridaoc und Billy Boyd als Peregrin geben die Comic Reliefs, während Christopher Lee als Saruman mal wieder grenzenlos böse sein darf. Orlando Bloom und John Rhys-Davies liefern als Logolas und Gimli tolle Kontrapunkte, während Sean Bean als Boromir und Liv Tyler als Arwen für emotionale Tiefe sorgen. Die Liste ließe sich noch deutlich fortsetzen, doch die große Leistung Jacksons, diese Vielzahl an starken Charakteren zu einem funktionieren, zu keinem Zeitpunkt überlasteten Ensemble zu formen, wird auch so überdeutlich.

Fast noch beeindruckender ist allerdings das nahezu unglaubliche gute Timing, welches Jackson seinem Film mitgibt. Trotz der drei (Kinofassung) respektive dreieinhalb (Extended Edition) Stunden Laufzeit gibt sich der Streifen bezüglich seines Spannungsbogens keine Blöße und lässt die Zuschauenden nicht eine einzige Länge durchstehen. Immer wieder wechselt der Streifen nahtlos zwischen Action und Ruhe, zwischen espritvollem Dialog und ruhigem Sinnieren. Das Editing ist derart flüssig, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Elementen verschwimmen. Auch der zeitliche Ablauf (der Film spring teilweise Tage und Wochen vor und zurück und bremst manchmal auf Zeitlupe ab) ändert nichts an der großartigen Umsetzung. Zusammen mit Howard Shores umgehend zu einem modernen Score-Klassiker gewordenen Soundtrack entsteht so ein unglaublich rundes Filmerlebnis.

Gandalf: Sag mir, Freund, seit wann gibt Saruman, der Weise, Wahnsinn Vorzug vor Vernunft?

Folgerichtig wurde der Film auch zu einem riesigen Erfolg bei Kinogästen und Kritikern. Er spielte rund 870 Millionen US-Dollar ein und startet einen immensen DER HERR DER RINGE-Boom, der sich auf sämtliche moderne Vermarktungszweige ausweitete. Doch stellte er nur den Auftakt eines jährlichen Veröffentlichungskonzepts dar, welches den Fans in den folgenden zwei Jahren noch DER HERR DER RINGE: DIE ZWEI TÜRME (2002) und DER HERR DER RINGE: DIE RÜCKKEHR DES KÖNIGS (2003) bringen sollte. DER HERR DER RINGE: DIE GEFÄHRTEN wird Tolkien-Fans im Speziellen ebenso wie Fantasy-Freunden im Allgemeinen aber auf ewig als großer Startschuss dieser bahnbrechenden Novellierung des Fantasy-Kinos im Gedächtnis bleiben – und das zu recht.

Jacksons überaus erfolgreiche Adaption von Tolkiens Epos leitete eine neue Ära im Fantasy-Kino ein. Und das liegt mitnichten nur am Umfang der Produktion, sondern insbesondere an der ebenso ernsthaften wie liebevollen Umsetzung, der außerordentlich stimmigen Besetzung und dem nahezu perfekten Timing, welches Jackson seinem Herzensprojekt verliehen hat.

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Eine Antwort zu “DER HERR DER RINGE: DIE GEFÄHRTEN

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