BRUST ODER KEULE

Brust oder Keule
L’aile ou la cuisse | Frankreich | 1976
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Charles Duchemin (Louis de Funès) hat ein Problem: sein Sohnemann Gérard (Coluche) zeigt kein Interesse daran, den väterlichen Verlag, der die berühmtesten Restaurantkritiken Frankreichs veröffentlicht, fortzuführen, sondern widmet sich lieber dem Leben als Clown in einem kleinen Zirkus. Und als wäre die Sorge um seine Nachfolge nicht schon belastend genug, wird der Feinschmecker mit Hang zu Verkleidungen auch noch von dem großindustriellen Lebensmittelhersteller Jacques Tricatel (Julien Guiomar) unter Druck gesetzt.

Mittels DER LANGE BLONDE MIT DEN ROTEN HAAREN (1974) und DER TOLPATSCH MIT DEM SECHSTEN SINN (1975), beide mit Blödelfachmensch Pierre Richard in der Hauptrolle, hatte der französische Filmemacher Claude Zidi bewiesen, dass er das für eine gute Komödie so nötige Gespür für Timing und Pointen besaß. Also beauftragte ihn, der er schon bei Claude Chaubrols Aushängeschildern DAS BIEST MUSS STERBEN (1969) und DER SCHLACHTER (1970) als Kameraassistent mitgewirkt hatte, das Haus Les Films Christian Fechner sogleich damit, zusammen mit seinem etatmäßigen Drehbuchgehilfen Michel Fabre ein Konzept für eine weitere Komödie zu entwerfen. Und wie es der Zufall so wollte, hatte sich Frankreichs Filmkomiker Nr. 1, Louis de Funès, in jenen Tagen so langsam von seinen 1974 erlittenen Herzinfarkten erholt und konnte unter Aufbringung großer Überzeugungsarbeit für den Film gewonnen werden.

Charles: Meine Uhr! Die hab ich zu Weihnachten meiner Schwiegermutter geklaut.

Und obwohl er bei den Dreharbeiten von einem Kardiologen begleitet wurde, der ständig darauf Acht gab, dass de Funès keine allzu intensiven Darbietungen vollführte, merkt man dem spürbar dünner gewordenen Komiker seine Zwangspause nicht an. Er blödelt und grimassiert sich in gewohnter Form durch den Streifen, lediglich Anzahl und Intensität der Wutausbrüche wurden ein wenig abgesenkt. Die Rolle des herrschsüchtigen und selbstverliebten Feinschmeckers Charles Duchemin ist ihm auf den Leib geschneidert, die Rückkehr auf die Leinwand somit vollends gelungen. Aber auch der Komiker Coluche, mit dem Zidi bereits bei DIE TOLLEN CHARLOTS – WO DIE GRÜNEN NUDELN FLIEGEN (1973) zusammenarbeitet hatte, überzeugt in der Rolle des Sohnemanns Gérard vorbehaltlos. Seine wundervolle Mischung aus Eigensinn und Hilfslosigkeit wird mehrfach zum geheimen Höhepunkt des Films, insbesondere, wenn Coluche zusammen mit der Schwedin Ann Zacharias auftritt. Julien Guiomar schließlich darf als Unsympath Jacques Tricatel sämtlichen Abscheu der Zuschauenden auf sich vereinen.

Neben der äußerst gelungenen Besetzung ist es aber das gewählte Thema, welche das so außerordentliche Funktionieren dieser Komödie ermöglicht. Die Welt der Feinschmeckerküche wird hier derart überzeichnet zur Schau gestellt, dass selbst gänzlich an Kulinarik Uninteressierte nicht anders können, als sich davon unterhalten zu lassen. Sowohl die krampfhaften Bemühungen der Kochenden (oder die überdeutliche Abwesenheit von derlei Anstrengungen) als auch der weltfremde Übereifer der Kritiker bedienen das nach Überzeichnung gierende Publikum geschickt. Egal ob man über die Küchen oder die Konsumenten lachen möchte, der Film ermöglicht einem beides. Darüber hinaus erlaubt sich Zidi dann auch noch einen schwungvollen Rundumschlag gegen die zunehmende Industrialisierung der Nahrungsmittelherstellung, was in Anbetracht heutiger Entwicklungen schon beinahe prophetisch erscheinen muss.

Charles: Where is the toilet, please?
Ober: Zunächst mal dem Geruch nach bis zur Küchentür und dann da wo die meisten Fliegen sind.

Aber auch formal beweisen Zidi und Kameramann Claude Renoir, der seinem Handwerk seit den 30er Jahren nachging und der schon Roger Vadims BARBARELLA (1968) fotografierte hatte und selbiges unter anderem noch bei Lewis Gilberts DER SPION, DER MICH LIEBTE (1977) tun sollte, immer wieder ihr Geschick. Die Enttarnung von Gérards Zweitleben als Clown funktioniert ganz prächtig und die Szene, in der Gérard, Charles und Marguerite ihre Koffer verwechseln, könnte auch als reine Slapstick-Nummer angeboten werden. Dazu gibt es noch einen ebenso gelungenen wie eingängigen Soundtrack von Vladimir Cosma und natürlich die superben, retrofuturistischen Bauten für das Finale in Tricatels Fabrik. Klasse!

Louis de Funès‘ Rückkehr auf die Leinwand gelingt unter der Regie Claude Zidis außerordentlich gut. Und dem schön getimten und schwungvoll gespielten Grundgerüst wird mittels der intelligenten Vorführung sowohl der Haute Cuisine als auch der Lebensmittelindustrie die Sahnehaube aufgesetzt.

Advertisements

Eine Antwort zu “BRUST ODER KEULE

  1. Pingback: DER TOLPATSCH MIT DEM SECHSTEN SINN | SPLATTERTRASH·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s