DRACULA JAGT MINI-MÄDCHEN

Dracula jagt Mini-Mädchen
Dracula A.D. 1972 | Großbritannien | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem der finstere Johnny Alucard (Christopher Neame) den Obervampir Dracula (Christopher Lee) ins London der frühen 70er Jahre geholt hat, plant dieser, sich an den Nachfahren seines Widersachers Van Helsing zu rächen. Neben Professor Lawrence (Peter Cushing) ist das vor allem dessen Enkelin Jessica Van Helsing (Stephanie Beacham), die zusammen mit ihrem Freund Bob (Philip Miller) zur Zielscheibe wird.

Roy Ward Bakers DRACULA – NÄCHTE DES ENTSETZENS (1970) entpuppt sich seinerzeit als großer Flop an den Kinokassen und sorgte dafür, dass die britischen Hammer Films ihr Filmreihe um den blutsaugenden Grafen nicht wie gewohnt fortführen konnten. Eine Frischzellenkur war nötig und so entschied man sich dazu, das Setting gründlich zu überarbeiten. Anstatt viktorianischer Mode in entlegenen Schlössern und Wäldern sollte es ins quirlige London den 70er Jahre gehen: Swingmusik, Schlaghosen und wallende Haare waren einfach erfolg- und gewinnversprechender – wie nicht zuletzt der US-amerikanische Streifen JUNGES BLUT FÜR DRACULA (1970) bewiesen hatte. Trotzdem sollten etablierte Konzepte beibehalten werden und so traten zum ersten Mal seit DRACULA (1958) die beiden britischen Ikonen Christopher Lee und Peter Cushing wieder gemeinsam in der Reihe auf.

Professor Van Helsing: Es gibt einen Satan.
Inspektor: Ja natürlich, sonst bräuchte man ja keine Polizei.

Die Regie übergab man an Alan Gibson, der für Hammer bereits CRESCENDO – DIE HANDSCHRIFT DES SATANS (1970) gedreht hatte. Und mit einem Skript von Don Houghton, der zuvor vor allem durch seine Arbeit für die britische Erfolgsserie DOCTOR WHO zu Bekanntheit gelangt war, in der Hand, liefert Gibson genau das ab, was sich die Produzenten erhofften. Nach einer kurzen Exposition, in der Dracula im 19. Jahrhundert dahingerafft wird, präsentiert Gibson eine schön gefilmte und minutenlange Partysequenz, in der eine Gruppe Teenager eine Feierlichkeit einer gehobenen Gesellschaft stürmt. Fetzige Musik, knappe Kleider und wehende Mähnen machen den Zuschauenden klar, wo man sich hier befindet und was man zu erwarten hat. In der Folge gestaltet Gibson den Film als Mixtur aus ebendieser modernen Fassade (inklusive einem knallbunten Nachtclub) und klassischen Motiven, die sich vor allem in einer verlassenen Kirche abspielen.

Um die Figur des Dracula mit der neuen Umgebung zu verbinden, tritt dann Christopher Neame als Johnny Alucard auf. Er ist der Mittelsmann, der Draculas Wirken in der neuen Welt plausibel macht. Zudem fußt die Figur wohl auf dem Erfolg von Kubricks UHRWERK ORANGE (1971), denn die Ähnlichkeit zum großen Alex ist sowohl in Verhalten als auch Aussehen überdeutlich. Neben den erwähnten Größen Cushing und Lee, die mit ihrem ernsten und erhabenen Spiel maßgeblich dafür verantwortlich zeichnen, dass der Film zu keinem Zeitpunkt Gefahr läuft, in Albernheiten abzudriften, ist es vor allem Stephanie Beacham, die als verängstigte Jessica für Schwung sorgt. Ein Jahr zuvor noch in Michael Winners DAS LOCH IN DER TÜR (1971) zu sehen, nimmt auch Beacham die Rolle der Van Helsing-Nachfahrin vollkommen an und spielt ernsthaft und glaubwürdig. Neben Philip Miller, der Jessicas etwas trüben Freund Bob gibt, darf auch Tausendsassarin Caroline Munro mal wieder eine nette kleine Rolle bekleiden.

Joe: Ich mag dich, Mutter. Du erinnerst mich an meinen Vater.

Sie ist es dann auch, die den ersten Schwall Blut über sich ergehen lassen muss, dem noch einige weitere nette Gewalt- und Spezialeffekte folgen sollen. Zwar sind die Transformationen des toten Dracula nicht allzu überzeugend, aber ansonsten gibt es an der Optik des Films nicht viel zu meckern. Vor allem die schönen Kirchen- und Nachtclub-Sets überzeugen vorbehaltlos und dank der Arbeit des Kameramanns Dick Bush, der für Hammer schon ALS DIE DINOSAURIER DIE ERDE BEHERRSCHTEN (1970) und DRACULAS HEXENJAGD (1971) fotografiert hatte, macht auch so manch unspektakulärere Szene einiges her. Michael Vickers Musikauswahl unterstützt das neue Setting dann trefflich und so ist es wenig verwunderlich, dass DRACULA JAGT MINI-MÄDCHEN sich als durchaus veritabler Erfolg an den Kinokassen entpuppen sollte. Und noch weniger verwunderlich ist es, dass Gibson dieses Konzept ein Jahr später mit DRACULA BRAUCHT FRISCHES BLUT (1973) fortführen sollte, bevor es dann in Form von DIE 7 GOLDENEN VAMPIRE (1974) zur Hammer-Kooperation mit den ebenfalls taumelnden Shaw Brothers kommen sollte.

Gibson liefert hier eine durchweg gelungene Novellierung des klassischen Dracula-Konzepts ab. Dabei bewahrt er aber – Cushing und Lee sei Dank – den Ernst der Vorlage und sorgt so für schicken Grusel im London der 70er.

Advertisements

Eine Antwort zu “DRACULA JAGT MINI-MÄDCHEN

  1. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (16-01-17)·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s