DIE GEWALT BIN ICH

Die Gewalt bin ich
Il Cinico, l’infame, il violento | Italien | 1977
IMDb, OFDb, Schnittberichte

In Rom entbrennt ein erbitterter Wettstreit zwischen dem Boss der Unterwelt, dem Italoamerikaner Frank Di Maggio (John Saxon), und dem Emporkömmling Luigi Maietto (Tomas Milian), bekannt als „Chinese“. Die Kollateralschäden dieser Auseinandersetzung betreffen dann zufällig auch den Ex-Kommissar Leonardo Tanzi (Maurizio Merli), der sogleich die Ermittlungen aufnimmt.

Umberto Lenzis DER BERSERKER (1974) und DIE VIPER (1976) stellen fraglos Grundsteine des action-orientierten Poliziesco dar. Letzterer schuf mit dem von Maurizio Merli gegebenen Kommissar Tanzi und dem von Tomas Milian verkörperten Vincenzo Moretto, genannt „der Bucklige“, zwei klassische Charaktere. Und da auch in Lenzi, neben all seinen künstlerischen Kompetenzen, ein Mann schlummert, der gerne Geld verdient, sollten diesen beiden Figuren in den nächsten Jahren weitere Auftritte zugestanden werden. Während Vincenzo Moretto in DIE KRÖTE (1978) zurückkehrte, durfte Kommissar Tanzi schon ein Jahr vorher in DIE GEWALT BIN ICH wieder auftauchen. Doch während das Drehbuch zu DIE VIPER noch von Lenzi zusammen mit Autoren-Legende Dardano Sacchetti geschrieben wurde, sollte sich die Drehbucharbeit dieses Mal deutlich komplizierter gestalten; letztendlich wirkten noch Ernesto Gastaldi sowie Sauro Scavolini mit, was nicht nur zu zahlreichen Überarbeitungen des Skripts führte, sondern auch die ein oder andere Ungereimtheit entstehen ließ.

Tanzi: Wie haben Sie mich denn gefunden?
Esposito: Durch Zufall. Ich kam vorhin hier vorbei und hab‘ Sie reingehen sehen, obwohl Sie tot sind. Das kam mit komisch vor.

Denn letztendlich stellt sich die Storyline des Films als relativ unzusammenhängend und mitunter unlogisch heraus. Die Geschehnisse folgen in beinahe beliebiger Reihenfolge aufeinander, einzelne Handlungsfäden hängen teilweise ewig lange in der Luft, manche Szene verkommt zu bloßem Füllmaterial. Es ist somit häufig der immense Unterhaltungswert der einzelnen Sequenzen, der die Zuschauenden bei der Stange hält. Der Hauptgrund für diese Drehbuchschwächen liegt wohl ein weiteres Mal in der Unversöhnlichkeit von Merli und Milian. Während ersterer als erzkonservativ bekannt war, verortete sich letzterer stark in der sozialen Bewegung. Der Wille beider, sich im Film deutlicher zu präsentieren als das Gegenüber, sorgte letztlich für die Entscheidung, die Figuren erst im Finale aufeinandertreffen zu lassen – und somit für so manches inhaltliches Loch.

Doch abseits dieses Ärgers bieten die Schauspielenden wieder mal beste Kost. Merli füllt die Rolle des reaktionären (Ex-)Gesetzeshüters Tanzi erneut im Schlaf aus und darf dieses Mal ein wenig mehr Augenzwinkern in die Rolle einbauen. Im Gegensatz zu brachial-populistischen Werken wie Marino Girolamis VERDAMMTE, HEILIGE STADT (1975) erhält Merli so eine gewisse Distanz zu seinen wieder einmal zahl- und maßlosen Brutalitäten gegenüber (vermeintlichen) Verbrechern. Milian tritt hingegen nicht als Buckliger, sondern als aufsteigender Lebemann Luigi Maietto auf. Auch er erfährt somit eine gewisse Ironisierung und kann mitunter einige Lacher einheimsen. Aber auch hier machen diverse sadistische Momente immer wieder rechtzeitig deutlich, dass man es nach wie vor mit einem brutalen Killer zu tun hat.

Tanzi: Ich hab‘ auf Gangster geschossen und ich werd‘ es auch wieder tun, wenn es sein muss! Willst du mich deswegen verhaften?

Ergänzt wird das Duo durch John Saxon, der bereits in Lenzis CAMORRA – EIN BULLE RÄUMT AUF (1976) oder Marino Girolamis COP HUNTER (1976) Genreerfahrung gesammelt hatte. Sein Frank Di Maggio vervollständigt die Unterwelt als überlebensgroßer Boss. Am deutlichsten charakterisiert wird er sicherlich durch sein Golfspiel, dessen Bälle zielsicher im Gesicht von Verrätern enden. Bekannte Gesichter wie Renzo Palmer als (die Gesetze völlig ignorierender) Kommissar Astalli oder Claudio Undari als schmieriger Handlanger Dario runden einen schönen Cast ab, der natürlich auch wieder ein trauriges Merkmal jener Streifen aufweist: Gabriella Lepori dient als Nadia fast ausschließlich dazu, im Minutentakt Schläge zu kassieren – für die sie sich mitunter auch noch bedankt! Wo der Film also bezüglich reaktionärem Populismus zurückrudert, legt er in Sachen Erniedrigung von Frauen noch mal ein Schüppchen drauf.
Abseits der mitunter hakeligen Story und des Umgangs mit den Frauen weiß Lenzi aber mit seiner ureigen flotten Inszenierung für viel Begeisterung zu sorgen. Die Mixtur als Kloppen, Ballern, Quatschen und Quälen funktioniert weitestgehend einwandfrei und obendrein baut er dieses Mal sogar einen astreinen Heist mit ein. Dabei kommen neben hydraulischen Teleskopstangen auch Infrarotbrillen zum Einsatz sowie Elektronik-manipulierende Sprays – als kleine Abwechslung sicherlich ein sehr netter Einfall und ein tolle Abrundung für einen weiteren sehr soliden Poliziesco aus dem Hause Umberto Lenzi.

Obwohl das Drehbuch einige durchaus große Löcher aufweist, schafft es Lenzi mal wieder für gelungene Unterhaltung zu sorgen, indem er eine tolle Besetzung durch eine Vielzahl an Schießereien, Schlägereien und kürzere Unterhaltungen hetzt. Den allzu reaktionären Ton früherer Werke nimmt er dabei ein wenig zurück, sodass DIE GEWALT BIN ICH zu einem sehr angenehm goutierbaren Vertreter seiner Art wird.

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Eine Antwort zu “DIE GEWALT BIN ICH

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