LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO

La ragazza che sapeva troppo
La ragazza che sapeva troppo | Italien | 1963
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die US-Amerikanerin Nora Davis (Letícia Román) reist nach Rom, um sich dort um eine Angehörige zu kümmern; doch diese stirb kurz nach ihrer Ankunft. Verwirrt irrt Nora durch die Nacht und wird Zeugin eines mysteriösen Mordes. Als sie am nächsten Tag im Krankenhaus zu sich kommt, will ihr niemand glauben, nur der Arzt Marcello Bassi (John Saxon) hilft Nora bei den Nachforschungen, die sie fortan alleine anstellt.

Nach seinem ebenso erfolgreichen wie stilbildenden Gothic-Horror-Streifen DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (1960) verlegte sich Mario Bava zunächst auf diverse Sandalen- und Fantasywerke; DAS SCHWERT VON PERSIEN (1960), VAMPIRE GEGEN HERAKLES (1961) oder ALADINS ABENTEUER (1961) entstammten dieser Zeit. Doch dann sollte sich Bava einem neuen Thema widmen: dem Kriminalfilm. Zusammen mit seinem steten Wegbegleiter Franco Prosperi (und einer Vielzahl weiterer uncreditierter Schreiberlinge, darunter auch dem äußerst umtriebigen Autor Ennio De Concini) entwarf er ein Skript, welches sich stark an den gelb eingebundenen (und meist als reißerisch verschrienen) Kriminalromanen jener Tage orientierte – und natürlich an dem großen Kriminal- und Suspense-Vorbild, Alfred Hitchcock.
Neben dem Titel, der überdeutliche auf Hitchcocks DER MANN, DER ZUVIEL WUßTE (1934) respektive sein eigenes Remake DER MANN DER ZUVIEL WUSSTE (1956) anspielt, sind es insbesondere die Strukturen des Films, die den Großmeister der Spannung als Ideengeber erkennen lassen. Alles in Bavas Film ist darauf ausgelegt, Spannung und Unsicherheit beim Zuschauenden zu erzeugen. Diesem Ziel werden mitunter auch Logik oder Nachvollziehbarkeit geopfert. Stattdessen ist die Möglichkeit, sich als Rezipient im Geiste an den Nachforschungen Noras beteiligen zu können, das höchste Gut. Jeder ist verdächtig, nach und nach fallen einzelne Figuren aus dem Kreis der potenziellen Täter_Innen heraus. Die Beteiligung an diesem Spiel macht den maßgeblich Reiz (ja sogar das Funktionieren) des Streifens aus.

Putzfrau: My dear girl, when I was 20 years old, I could have got rich that way too. Every night, working overtime.

Die Italienerin Letícia Román gibt dabei eine tolle Hauptfigur Nora, die es den Zuschauenden sehr einfach macht sich in ihre Situation einzufühlen, setzt sie doch als Touristin das erste Mal den Fuß in eine fremde Stadt. Ist man so schon gezwungen, ihrer Sicht zu folgen, verstärkt sich dieses Empfinden spätestens mit dem geheimnisvollen Mord noch einmal deutlich; denn der Zuschauer hat diesen ebenfalls beobachtet und ist sich (fast) so sicher wie die Hauptfigur, dass er tatsächlich stattgefunden hat. So ist das Vertrauen eng an die angenehm eigenständige und unabhängige Frauenfigur Nora gebunden, andere Rollen kommen einem sogleich undurchsichtig vor.

Das gilt auch für den jungen John Saxon, der hier ansonsten einen astreinen Strahlemann gibt. Der US-amerikanische Tausendsassa steht Nora über weite Strecken zur Seite und driftet dabei so manches Mal in ebenso plumpe wie humorvoll überzeichnete Annäherungsversuche ab. Die übrigen Darsteller dienen vor allem dazu, ein weites Feld an Verdächtigen zu eröffnen. Valentina Cortese gibt die Anwohnerin Laura, Gustavo De Nardo, der im gleichen Jahr auch in den Bava-Streifen DIE DREI GESICHTER DER FURCHT (1963) und DER DÄMON UND DIE JUNGFRAU (1963) auftreten sollte, den schmierigen und letztlich völlig belanglosen Dr. Facchetti. Der in den USA geborene Dante DiPaolo, ein Jahr später auch in Bavas BLUTIGE SEIDE (1964) zu sehen, wird als Landini im Verlaufe des Films zu einer weiteren wichtigen Figur.

Erzähler: Killers never read mysteries, unfortunately.

Während sich die Geschichte dann einem zwar jederzeit spannenden, aber aufgrund von Ausschlusskriterien nicht allzu überraschen Finale entgegenbewegt, ist es vor allem Bavas großartige Inszenierung, die den Film zu einem Genuss macht. Die Ausleuchtung (hier natürlich noch ohne die später so ausgeprägte Farbnutzung) bedient sich vor allem harter Hell-Dunkel-Kontraste und steuert die Fokussierung des Zuschauers so maßgeblich mit. Dazu kommen allerlei einfallsreiche Kamerafahrten und -winkel, die Angst und Unsicherheit trefflich unterstützen. In Verbindung mit den detaillierten Innenbauten und den weiten Außensets entsteht so ein Look, der sicher deutlich von vergleichbaren Kriminalstücken jener Tage – man denke vor allem an die deutschen EDGAR WALLACE-Filme – abhebt. Auch die Musik von Roberto Nicolosi sorgt für eine ruhigere und atmosphärischere Stimmung als bei der Konkurrenz.
Und dieser Look ist auch ein Grund dafür, dass LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO heute gemeinhin als Grundstein des Giallo behandelt wird. Fast alle Elemente, die Bava im Jahr darauf mittels BLUTIGE SEIDE (1964) ausformulieren und die Dario Argento beginnend mit DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970) fortführen sollte, finden sich bereits in diesem Film. Die Touristin, die in einer fremden Stadt mit einem Mord konfrontiert wird. Die Tatsache, dass nur sie den Fall klären kann oder die augenscheinliche Hilflosigkeit bzw. Hilfsunwilligkeit der Polizei. Morde werden per Messer begangen, Großaufnahmen von Gesichtern/Augen stellen Angst geradezu plastisch dar und in einer Szene begibt sich die Kamera sogar in den Kopf des Verfolgers und zeigt die Welt aus seiner Sicht. Die pathologische Motivation des Killers unterstreicht diesen Umstand in Finale noch einmal überdeutlich. Neben einem tollen Kriminalfilm legt Bava hier somit auch den Grundstein zu seinem kurz darauf folgenden Grundstein: BLUTIGE SEIDE.

Ein spannender Suspense-Krimi, der neben einer wundervollen Fotografie bereits fast alle Zutaten des kurz darauf von Bava begründeten Giallos in sich trägt.

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4 Antworten zu “LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO

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