EYES WIDE SHUT

Eyes Wide Shut
Eyes Wide Shut | USA/Großbritannien | 1999
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der New Yorker Arzt Dr. William „Bill“ Harford (Tom Cruise) und seine Ehefrau Alice (Nicole Kidman) führen eine augenscheinlich heile Beziehung. Doch unter der Oberfläche brodeln verschiedene unerfüllte Sehnsüchte. Als Alice Bill eines Tages von einem gedanklichen Seitensprung mit einer Seemann erzählt, wirft das Tom aus der Bahn und er entflieht in die Nacht.

Bereits nach der Fertigstellung von 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (1968) machte sich Stanley Kubrick erste Gedanken um eine Filmadaption der Traumnovelle, einer Novelle des österreichischen Autoren Arthur Schnitzler aus dem Jahre 1925. Doch tatsächlich sollte es noch gute 30 Jahre dauern, bis dieses Vorhaben tatsächlich in die Tat umgesetzt werden sollte. So begann Kubrick schließlich nach FULL METAL JACKET (1987) damit, erste Konzeptionen für eine Verfilmung zu erarbeiten. Unterstützung erfuhr er dabei durch Frederic Raphael, der sich jedoch im Nachhinein häufig darüber beklagen sollte, dass Kubrick ihm zu keinem Zeitpunkt wirkliche künstlerische Freiheit einräumte. Selbiges tat man im Hause Warner Brothers allerdings sehr wohl, stattete man den berühmten Regisseur doch mit einem Budget von 65 Millionen US-Dollar und einem nicht eingegrenzten Produktionszeitraum aus.

Fremde: Sie sind in großer Gefahr! Sie müssen verschwinden, solange es noch geht.

Nach ewiglanger Drehbucharbeit begann Kubrick dann mit erneut sehr aufwendigen und langwierigen Dreharbeiten. Im Fokus standen dabei Nicole Kidman und Tom Cruise, die aufgrund ihrer bereits fünfjährigen Ehe für die Hauptrollen auserwählt wurden. Und tatsächlich funktioniert deren Darbietung einer heilen Welt, unter deren Glanz es zwickt und zwackt, ausgesprochen gut. Nicole Kidman lässt als Alice eine tiefe Unzufriedenheit deutlich werden, ihre zwei großen Monologe gehören sicherlich zu den eindringlichsten Momenten des Films. Tom Cruise gibt dem gegenüber einen ruhigen und zurückgenommenen Bill, dessen Ausbrüchen aus seinem konventionellen Eheleben die Zuschauenden die meiste Zeit über folgen. Seine anfängliche Wut, die dann in Hilfslosigkeit und schließlich Angst umschlägt, überträgt sich allenthalben auf den Rezipienten. Ebenfalls gelungen fällt die Darbietung von Sydney Pollacks als undurchsichtiger Victor Ziegler auf, der die beiden Welten, in denen sich Bill bewegt, miteinander verbindet.

Denn ansonsten macht es Kubrick seinen Zuschauern nicht leicht, die unterschiedlichen Räume, die heile Ehe und die verführerisch-düstere Welt des Hintergehens, auseinanderzuhalten. Er inszeniert Bills Weg durch die Nacht geradezu traumgleich und lässt so häufig offen, was nun Realität und was nun Traum ist. Die Frage, die zwischen den Eheleuten steht, inwieweit sich tatsächliches Fremdgehen von der Vorstellung des Fremdgehens unterscheidet, wird so äußerst schwierig beantwortbar. Unterstützt wird dieses surreale Moment noch von diversen, letztlich nicht beantworteten Fragen. Was ist mit Nick passiert? Woran in Mandy wirklich gestorben? Diese offenen Handlungsfäden lassen den Film selbst nach seinem erstaunlich knappen Finale noch Rätsel hinterlassen.

Bill: Nur so sicher, wie ich etwas anderes weiß; die Wirklichkeit einer verwirrenden Nacht, sogar die Wirklichkeit unseres gesamten Lebens, kann niemals die volle Wahrheit sein.

Das alles inszeniert Kubrick dann stimmig ruhig und abwartend. Es gibt kaum Geschwindigkeit im Film, der Rhythmus hat also ebenfalls etwas Traumgleiches. Bill flaniert durch die Nacht, alles was passiert, scheint wie vorbestimmt. Die Beleuchtung ist stets zurückgenommen, eine deutliche Farbcodierung nimmt ihren Platz ein. Optischer Höhepunkt ist sicherlich der Maskenball, der so auch gleich zum zentralen Geschehnis des Films wird. Auch hier bleiben wieder unzählige Fragen offen, letztlich liegen Betrug und Treue, Wahrheit und Lüge nur allzu nah beieinander.

Abgerundet wird das traumhafte Setting dann durch Jocelyn Pooks Musikzusammenstellung. Dmitri Schostakowitschs Walzer Nr. 2 dient als perfektes Eröffnungs- und Schlussstück, während György Ligetis äußerst reduziertes Klavierstück Musica Ricercata II: Mesto, Rigido e Cerimoniale Gefahr und Unsicherheit wundervoll auf den (musikalischen) Punkt bringt. Leider konnte Kubrick das finale Sounddesign nicht mehr persönlich vornehmen, da er nur wenige Tage nach einem erfolgreichen Testscreening überraschend an einem Herzinfarkt verstarb.

Alice: Du willst mir also sagen, wenn du an irgendwelchen Titten rumknetest, dass du nur an deinen Job denkst?

So erlebte er auch leider nicht den großen finanziellen Erfolg, den EYES WIDE SHUT – auch dank einer äußerst geschickten Werbekampagne seitens Warner Brothers – erfahren sollte. 160 Millionen US-Dollar an Einspielergebnis standen dann gespaltenen Kritikermeinungen gegenüber, die Kubricks letztes Werk äußerst ambivalent beurteilten. Zwischen Jubel und Verachtung wurde alles geboten und bis heute zählt EYES WIDE SHUT zu den am unterschiedlichsten aufgefassten Filmen des Meisterregisseurs. Ob einem der Streifen gefällt, hängt letztlich sicherlich am stärksten davon ab, inwieweit man als Zuschauer in der Lage und willens ist, sich selber mit der kaum zu beantwortenden Frage nach Treue und Betrug (in Realität und Vorstellung) auseinanderzusetzen.

Kein einfacher, kein zugänglicher, aber doch ein äußerst intelligenter und zu Überlegungen anregender Film – und somit ein gelungener Abschluss eines weltberühmten Portfolios.

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