FULL METAL JACKET

Full Metal Jacket
Full Metal Jacket | Großbritannien/USA | 1987
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die Ausbildung von Gunnery Sergeant Hartman (R. Lee Ermey) im US-Marines-Ausbildungslager in Parris Island ist gnadenlos. Die Rekruten Joker (Matthew Modine) und Cowboy (Arliss Howard) durchstehen sie trotzdem, während Private Paula (Vincent D’Onofrio) an den andauernden Schikanen zerbricht und sich selbst sowie Hartman umbringt. Kurz darauf findet sich Joker zusammen mit seinem Kameraden Rafterman (Kevyn Major Howard) als Kriegsberichterstatter in Vietnam wider, wo er zum ersten Mal mit alle Schrecken des Kriegs konfrontiert wird.

1980 gelang dem in seiner beeindruckenden Karriere immer wieder mit Problemen bezüglich der Einspielergebnisse seiner Werke konfrontierten Stanley Kubrick mit SHINING endlich mal wieder ein adäquater Erfolg. Dementsprechend musste er dieses Mal nicht lange um neue Vertragspartner feilschen, sondern Warner Brothers sagte frühzeitig die finanzielle Unterstützung für Kubricks nächstes Projekt zu. Allerdings sollte die Preproduction – insbesondere die Drehbucharbeit – dieses Mal der Grund dafür sein, dass Fans des Meisterregisseurs erneut ganze sieben Jahre auf sein nächstes Werk warten mussten. Denn obwohl Kubrick seine eigentlichen Pläne, das Leben des Napoleon Bonaparte oder aber die Geschehnisse rund um den Holocaust zu verfilmen, auch nach SHINING recht schnell zur Seite legte und sich stattdessen zügig auf das Thema Vietnam einschoss, waren doch zunächst einige Steine aus dem Wege zu räumen.
Der 1979 veröffentlichte Roman Höllenfeuer (Originaltitel: The Short-Timers) des US-amerikanischen Autoren Gustav Hasford, der als Kriegsberichterstatter in Vietnam gewesen war, beeindruckte Kubrick gleich nach seiner Veröffentlichung, doch eine engere Zusammenarbeit der beiden scheiterte an unüberbrückbaren persönlichen Differenzen. Glücklicherweise traf Kubrick in diesen Tagen auch auf Michael Herr, der, zuvor ebenfalls als Kriegsberichterstatter in Vietnam tätig, 1977 den Roman An die Hölle verraten (Originaltitel: Dispatches) veröffentlicht hatte. Zwar wollte Herr zunächst nicht an Kubricks Drehbuch mitarbeiten, doch nachdem dieser ihn drei Jahre lang nicht in Ruhe ließ, fanden die beiden schließlich doch zusammen. Unter sukzessivem Mitwirken Hasfords schufen die drei dann das finale Skript, wobei Michael Herr zu jedem Zeitpunkt die Federführung innehatte.

Joker: Die Toten wissen nur eins: es ist besser, am Leben zu sein.

Das Ergebnis unterscheidet sich dann durchaus stark von den zuvor bereits erschienenen, äußerst erfolgreichen und stilbildenden Vietnamfilmen wie Michael Ciminos DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN (1978), Francis Ford Coppolas APOCALYPSE NOW (1979) und Oliver Stones PLATOON (1986). Denn Kubricks Film legt das Augenmerk vor allem auf seine jungen Figuren, welche dem Krieg und dem Tod unverblümt und locker begegnen und durch diese Einflüsse letztlich eine Veränderung erfahren, die weitestgehend frei von Pathos oder vordergründigen Erkenntnissen ist. Stattdessen lernt Joker – stellvertretend für sämtliche junge Menschen im Film – den Krieg als etwas kennen, mit dem man sich kaum auseinandersetzen kann. Ideale, Meinungen, Erkenntnisse, Überzeugungen, alles prallt an der blanken Gewalt der Situation ab. In einem Krieg ist kein Platz für derlei, stattdessen müssen die jungen Männer erkennen, dass dem Krieg eine zutiefst beeinflussende Natur eigen ist. So wird Joker am Ende – und sei es aus Gnade – auch zum Killer, lernt daraus allerdings nichts und geht ohne abschließende Erkenntnis dem Sonnenuntergang entgegen. Kubrick ist hier so mutig, seinen Film ohne abschließende Befriedigung zu beenden – er hat zuvor bereits alles über die Eigenschaften des Krieges gesagt.

Auffällig ist dabei, dass Kubrick all das ohne nationalistisches oder patriotisches Pathos vorzutragen vermag. Selbst die Szenen in Parris Island bedürfen keiner dümmlichen Floskeln über das Vaterland oder dergleichen. Stattdessen wird schon von Sergeant Hartman klargestellt, dass es ausschließlich ums Töten geht. Nichts anderes zählt, nichts anderes sollen die Rekruten lernen. Demzufolge ist es fast schon unerheblich, in welchen Krieg die Jungs letztlich ziehen, die Konzeption des Films würde allerorten funktionieren. Keine Spur von den Erklärungsansätzen bekannter Vietnamfilme oder den revisionistischen Rundumschlägen der zahllosen kostengünstigen Vietnam-Reißer jener Tage.

Rafterman: Weißt du, dass die Hälfte dieser gelben Nutten tatsächlich Offiziere beim Vietcong sind? Die andere Hälfte hat Tuberkulose? Also pass auf, dass du nur die vögelst, die husten.

Dieser erste Teil des Films wird dabei maßgeblich von Ronald Lee Ermey getragen, der seinerzeit tatsächlich Ausbilder bei den Maries war und dann in APOCALYPSE NOW eine kleine Nebenrolle bekleiden durfte. Kubrick war davon sehr beeindruckt und tatsächlich ist die Darbietung des auch im echten Leben überaus reaktionären NRA-Mitglieds als Ausbilder Hartman sehr stimmig. Sein Gebrüll und seine Beleidigungen prasseln derart auf Rekruten und Zuschauende ein, dass es kaum noch zu ertragen ist. Hartmans Schikanen sind derart unangenehm, dass sich hier die Nachvollziehbarkeit, mit der sich die Rekruten wandeln, und die Kritik an den Ausbildungsmethoden im US-Militär die Klinke in die Hand geben. Es ist dabei diesen außerordentlichen Beleidigungskanonaden zu verdanken, dass dieser Teil des Films mit Sicherheit der bekanntere ist.

Dabei ist der Vietnam-Abschnitt näher betrachtet der interessantere. Erst hier wandeln sich die Figuren wirklich. Ist es in Parris Island vornehmlich Vincent D’Onofrio, der als Private Paula dem Druck nicht standzuhalten vermag, bleibt die Entwicklung der übrigen Charaktere in Parris Island doch stark auf die Ausbildung zum Killer beschränkt. Erst in Vietnam ist dann zu erkennen, was mit Hauptrolle Joker wirklich passiert. Matthew Modine gelingt die Darstellung des Wandels vom gutgelaunten (bisweilen sogar sarkastischen) Berichterstatter zum gebeutelten Kämpfer vortrefflich. Als 18-jähriger konzipiert strahlt er all die Naivität und Sorglosigkeit, mit der damals zahllose Gleichaltrige in den Krieg gezogen sind, aus. Als Träger des Peacezeichens und der Helmaufschrift Born to Kill wird er darüber hinaus zur konzeptionellen Essen des Films. Daneben geben Arliss Howard als Cowboy und Kevyn Major Howard als Rafterman solide Begleiter ab, während Adam Baldwin als Animal Mother sich nicht nur einen legendären Oneliner-Dialog mit Modine liefern darf, sondern als ballernder Draufgänger auch eine Hommage an die stereotypen Heldenfiguren des Vietnamfilms darstellt.

Hartman: Sie sind so hässlich, sie könnten glatt ein modernes Kunstwerk sein.

Und zuletzt ist das Funktionieren des Streifens dann auch den Artdirektoren Keith Pain, Rod Stratfold und Leslie Tomkins zu verdanken, die im Umland von London beeindruckend glaubwürdige Vietnam-Sets schufen. Sie richteten ein altes Industriegebiet nach Gutdünken her und schaffen so ein ungemein stimmiges Schlachtfeld. Aber auch einige englische Feldwege und Straßenzüge werden mittels einiger Palmen und Schilder schnell und glaubwürdig zu einem südostasiatischen Reisfeld oder einer Straße Hues. Kubricks Tochter Vivian stellte dazu noch einige flotte Songs wie Nancy Sinatras These Boots Are Made for Walkin’ oder Wooly Bully von Sam the Sham & the Pharaohs zusammen und fertig sind die durchweg stimmigen Formalia.
Und obwohl in den Jahren zuvor bereits diverse große Vietnamfilme erschienen, schaffte es FULL METAL JACKET doch, sein Budget locker wieder einzuspielen und Warner Brothers einen ordentlichen Gewinn zu bescheren. Der Streifen ist heute unumwundener Bestandteil der Populärkultur und wird immer noch allerorten referenziert. Leider steht dabei allzu oft das Gebrülle Hartmans im Vordergrund, worüber die gemeine Rezeption die wirklichen Qualitäten des Streifen, die langsame und aussichtslose Wandlung der jungen Hauptfiguren, häufig aus dem Auge verliert.

Obwohl als letzter der vier großen Vietnamfilme erschienen, gelingt es Kubricks Beitrag doch, seine ganz eigene Qualität zu entwickeln. Und diese liegt mitnichten in der außerordentlich berühmten Parris Island-Sequenz, sondern vielmehr in der langsamen, in Vietnam stattfindenden ambivalenten Entwicklung der jugendlichen Protagonisten.

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7 Antworten zu “FULL METAL JACKET

  1. Pingback: FEAR AND DESIRE | SPLATTERTRASH·

  2. Pingback: VERGESSENE WELT – JURASSIC PARK | SPLATTERTRASH·

  3. Schade, hab dich vor allem abonniert, um von so Sachen wie Citizen Toxie, Poolboy: Drowning Out the Fury, oder Ebola Syndrom zu lesen, damit ich beim nächsten Trashfilm-Abend glänzen kann.
    .
    Da haste mich mit deinem Namen etwas in die Irre geführt 😉

  4. Pingback: EYES WIDE SHUT | SPLATTERTRASH·

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