DIE MÖRDERPUPPE

Die Mörderpuppe
Child’s Play | USA | 1988
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Serienkiller Charles Lee Ray (Brad Dourif) wird von Bulle Mike Norris (Chris Sarandon) in einem Spielzeugladen erschossen. Just in diesem Augenblick trifft ein Blitz den Laden und die Flammen verschlingen Leiche und Spielzeuge. Kurz darauf kauft die alleinerziehende Mutter Karen Barclay (Catherine Hicks) ihrem Sohn Andy (Alex Vincent) eine Puppe von einem herumstreunenden Händler. Bis dahin ahnt noch niemand, dass der Geist des verstorbenen Charles Lee Ray nun in diesem unschuldigen Kinderspielzeug steckt.

Bereit mit seinem Debüt, FRIGHT NIGHT – DIE RABENSCHWARZE NACHT (1985), hatte der vorher lange als Schauspieler tätige US-Amerikaner Tom Holland gezeigt, dass er sich geschickt und mit einem Augenzwinkern dem Horrorfilm anzunehmen vermag. Es folgt der Actionkrimi FATAL BEAUTY (1987) mit Whoopi Goldberg, bevor sich Holland erneut einer Auseinandersetzung mit dem Horrorkino jener Tage widmen sollte. Diverse namhafte Slasherreihen wie HALLOWEEN, FREITAG DER 13. oder NIGHTMARE ON ELM STREET hatten eine Schwemme von Epigonen, Nachahmern und Neuinterpretationen nach sich gezogen. Und wie bereits 1985, wo Holland klassische Strukturen des Vampirfilms in eine moderne Vorstadtidylle übertrug, wollte er drei Jahre später erneut ein Genre mittels einer Verschiebung erfrischen; nur sollte es sich weniger um eine zeitlich-räumliche Verschiebung handeln als vielmehr um eine personelle: die Rolle des Mörders, der zentralen und stilbildenden Figur dieses Genres, sollte nun an ein Kinderspielzeug gehen, an eine Puppe.

John: Je mehr Zeit du in dieser Puppe verbringst umso menschlicher wirst du!

Dazu schrieb Holland zusammen mit Don Mancini und John Lafia ein Drehbuch, welches gleich zu Beginn den eigentlichen Killer einführt. Denn natürlich ist es mitnichten die Puppe als solche, die zum Mörder wird, sondern der verwirrte Geist eines Serienkillers findet in dem Spielzeug einen Aufenthaltsplatz nach dem Tod seines Körpers. Durch diesen Kniff legitimieren die Autoren die Handlungen der Puppe und machen sie so quasi zu einem Werkzeug des wahren Killers. Der Effekt ist jedoch, dass sich die Protagonisten allesamt einer 50 Zentimeter großen Plastikpuppe erwehren müssen – was als ersten Schritt den Glauben daran voraussetzt, dass diese Puppe überhaupt Leben in sich hat.

Und diese zwei Zugänge nutzt Holland dann, um seinen Film geschickt und spannend zu inszenieren. Wie jeder Mensch und jeder Zuschauende glauben natürlich auch die Protagonisten zunächst nicht an die Fähigkeit der Puppe, zu denken und zu sprechen. Dahingehende Behauptungen werden als Lüge und Hirngespinst abgetan, was dem Übeltäter anfangs große Freiräume verschafft. Selbst nach dem Finale sind die Charaktere sich noch im Klaren darüber, dass niemand ihnen die Geschehnisse abkaufen wird. Diese Verhaftung in der Realität wird durch Hollands durch und durch ernste Inszenierungsweise bestens unterstützt. Holland nimmt seine Pro- und seinen Antagonisten zu jeder Zeit ernst und lässt den Film nicht zu einem kleinen Trashkommentar verkommen. Chucky stellt eine ernsthafte Bedrohung dar und seine Opfer schweben in tatsächlicher Gefahr. Zwar gönnt sich Holland hier und da ein Augenzwinkern – meist in Form von Reminiszenzen auf bekannte Genrekollegen – aber grundsätzlich haben es die Zuschauenden eher mit einem ernsten Horrorfilm als mit einer humorvollen Parodie zu tun.

Chucky: Mein Name ist Chucky. Wollen wir spielen?

Und diese ernste Konzeption stellt auch große Anforderungen an die mimende Belegschaft. Allen vor ist dabei der 7-jährige Alex Vincent gefordert, der in ständiger Interaktion mit der Puppe steht. Seine Darstellung des verwirrten und verängstigten Jungen bieten dem Rezipienten immersiven Anschluss, es ist schade, dass er sich in seiner Karriere bis heute kaum vom Franchise lösen konnte. Auch Catherine Hicks, kurz zuvor in ZURÜCK IN DIE GEGENWART – STAR TREK IV (1986) mit von der Partie, überzeugt als Karen quasi vorbehaltlos. Sowohl ihr Unverständnis als auch ihre Sorge Andy gegenüber wirken durchweg glaubhaft. Auf Seiten der Gesetzeshüter fällt Chris Sarandon, drei Jahre zuvor noch toller Antagonist in FRIGHT NIGHT – DIE RABENSCHWARZE NACHT, als Mike leider etwas ab und bleibt sowohl schauspielerisch als auch bezüglich der Charakterzeichnung blass; im Vergleich zum von Tommy Swerdlow gegebenen Kollegen Jack, der in seiner Rolle als Bulle nicht nur wegen seines schludrigen Auftretens völlig unglaubwürdig wirkt, ist Sarandons Darbietung allerdings noch zu ertragen.

Und wenn schon regelmäßig vom angestrebten Ernst die Rede ist, dann muss natürlich auch die Darstellung der namensgebenden Puppe diesem Ziel entsprechen. Und tatsächlich ist die Ausarbeitung Chuckys wohl der größte Pluspunkt des Films. Bis etwa zur Filmmitte kaum in Aktion zu sehen, entfaltet die tolle Tricktechnik danach einiges an Faszination. Die Abteilung Spezialeffekte hat sich große Mühe gegeben, die Entwicklung Chuckys hin zu einem menschlichen Wesen auch optisch einzufangen. Es gibt verschiedene Puppen und Kostüme zu sehen, ebenso finden Animatronics Anwendung. Im Finale wird dann noch einmal die ganze Bandbreite aufgefahren, Freunden charmanter Tricktechnik wird also einiges geboten.

Jack: Hast du irgendeine Ahnung, warum deine Tante Maggie aus dem Fenster gefallen ist?
Andy: Ja.
Jack: Und sagst du mir warum?
Andy: Sie hat Chucky gesehen; und da hat sie einen Schreck gekriegt und ist rausgefallen.

Und der durch die Tricktechnik so beeindruckend umgesetzt Chucky ist es dann auch, der das Potenzial mit sich brachte, aus einem gelungenen Horrorstreifen den Grundstein einer ganzen Reihe von CHUCKY-Filmen zu machen. Diese schwanken zwar in Qualität und Ausrichtung deutlich, belegen aber nichtsdestoweniger die Qualitäten des Antagonisten als Kopf einer eigenständiger Slasherfilmreihe: und zwar einer mit einem rundum gelungenen Auftakt.

Fieser kleiner Slasherstreifen, der sich gerade dank der ernsthaften Inszenierung seiner ungewöhnlichen Hauptfigur vom Gros der Genrekollegen abzuheben vermag.

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Eine Antwort zu “DIE MÖRDERPUPPE

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