THE BIG BIRD CAGE

The Big Bird Cage
The Big Bird Cage | Philippinen/USA | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die reiche Terry (Anitra Ford) landet in einem südostasiatischen Knast. Dieser wird vom sadistischen Zappa (Andres Centenera) mithilfe der Aufseher Rocco (Vic Diaz) und Moreno (Subas Herrero) geführt. Alle Insassinnen, darunter auch die selbstbewusste Bull Jones (Teda Bracci) oder die harte Karen (Karen McKevic), müssen in einer überdimensionalen Zuckerrohrmühle schuften, was die Planung einer möglich Flucht deutlich erschwert. Gut, dass das Revoluzzerpärchen Blossom (Pam Grier) und Django (Sid Haig) bereits an der Befreiung des Lagers arbeitet.

Eine alte Regel des Kinos lautet: Jedes Genre wird, wenn seine Mechanismen zur Genüge durchexerziert wurden, zu seiner eigenen Parodie. Und wenn diese Mechanismen von begrenztem Umfang sind, dauert es nicht lange, bis das passiert. Bei Roger Cormans auf den Philippinen gedrehten Women-In-Prison-Beiträgen sollten ganze zwei Produktionen genügen, um danach Elemente der Parodie einführen. Jack Hills THE BIG DOLL HOUSE (1971) und Gerardo de Leons FRAUEN HINTER ZUCHTHAUSMAUERN (1971) hatten die Abläufe des altbekannten Genres in einem neuen Setting etabliert und – auch aufgrund einer äußerst ähnlichen Besetzung und Ausstattung – schnell erschöpft. Um das einträgliche Konzept aber weiterhin nutzen zu können, musste also eine Neuorientierung her. Also beauftragte Corman Hill damit, ein Skript zu entwerfen, welchen sich mit einem Augenzwinkern mit den üblichen Strukturen des Genres auseinandersetzt.
Und tatsächlich gelingt dieses Vorhaben ausgesprochen gut. Obwohl der Film zwar alle bekannten Elemente dieser Filmsorte vorträgt, versteht er es doch, dies mit einer gehörigen Portion Selbstironie zu tun. So sind die beiden sadistischen Wärter – ansonsten stets Ausgangspunkt sexueller Vergehen an den Gefangenen – hier homosexuell, was bei den Insassinnen schnell zu sexueller Frustration führt. Letztendlich sind es dann sogar die Damen, die die Herren zum Sex zwingen und sie dabei auf einfallsreiche Weise auch noch zum Schweigen bringen. Hill nimmt seine Darstellerinnen dabei durchweg ernst und konzentriert sich wie schon in THE BIG DOLL HOUSE stark auf die Beziehungen zwischen den Mädels.

Django: Tomorrow the revolution, tonight we feast, That‘s my motto, baby!

Auffällig ist des Weiteren, dass die Zahl an selbstbewussten und starken Frauen deutlich überwiegt. Während sonst eine toughe Dame aus einer Meute an ruhigen und eingeschüchterten Geschlechtsgenossinnen heraussticht, gibt es hier eine Vielzahl starker Frauen. Anitra Ford führt die Truppe als Bull Jones lange Zeit an, während die riesige Karen McKevic eine ständige Bedrohung für die Unversehrtheit ihrer Mitgefangenen darstellt. Die spätere Blaxploitation-Fachfrau Carol Speed darf als Mickie mit einer großen Klappe beeindrucken und selbst Candice Roman, der als Blondie in diesem Genre ansonsten fast sicher eine hilflose Opferrolle zukäme, darf als Carla sinnierend und selbstsicher auftreten. Einzig die bekannte philippinische Darstellerin Marissa Delgado kommt zunächst als ängstlich und im Geiste gebrochen daher, wehrt sich am Ende aber doch erfolgreich gegen eine Vergewaltigung.

Neben diesem angenehm unkonventionellen Frauenbild treten dann mit Sid Haig und Pam Grier auch noch die zwei Konstanten der corman’schen Philippinen-Produktionen auf. Dieses Mal sind die beiden Revoluzzer, die natürlich auch eine stürmische (mitunter die Hütten wackeln lassende) Beziehung führen. Alle zusammen kämpfen gegen Oberaufseher Zappa, humorvoll überzeichnet dargestellt vom philippinischen Darsteller Andres Centenera. Er gebietet über die beiden schwulen Aufseher Rocco und Moreno, die von den beiden ebenfalls philippinischen Darstellern Vic Diaz und Subas Herrero gekonnt schmierig dargestellt werden. Vor allem die Antagonisten entbehren dabei nie einer gewissen Überzeichnung, sei es nun Zappas abstruses Gebrülle oder Roccos ständige überdeutliche Ablehnung der weiblichen Annäherungsversuche.

Terry: Besides you can’t rape me, I like sex.
Django: Haha, alright. You’re a hostage, how do you like that?
Terry: I love it!

Aber auch abseits der zahlreichen humoristischen Ansätze (allein Djangos Weg zurück in sein Rebellenlager und der anschließende Kampf mit Blossom inklusive Versöhnung sind schon Gold wert) hat der Film einiges zu bieten. Im Gegensatz zu den beiden geistigen Vorgängern spielt der Streifen fast ausschließlich unter freiem Himmel und die Zellen wurden durch ein luftiges Cottage ersetzt. So kann Hill die attraktive Landschaft deutlich besser in Szene setzen, was die Schauwerte deutlich erhöht. Dazu kommt die beeindruckende und namensgebende Konstruktion, deren Bestimmungen Ausbeutung und Zuckerproduktion gleichermaßen sind. Natürlich sucht Hill auch wieder niedere Schauwerte durch exploitative Zurschaustellungen zu erzielen, aber diese bleiben sowohl im Vergleich zu den deutlich härteren Werken der asiatischen und europäischen Studios als auch in Relation zu den Vorgängerwerken im harmlosen Bereich. Eine an ihrem Zopf aufgehängte Terry ist beinahe schon der Gipfel der dargebotenen Grausamkeiten.
Abgerundet wird das Ganze durch ein Bombardement aus flotten Sprüchen und spekulativen Darstellungen. Natürlich kommt die Körperlichkeit der Damen nicht zu kurz und selbstverständlich wird auch wieder im Schlamm miteinander gerungen. Der Einsturz des brennenden Vogelkäfigs wird mit scheinbar brennendem Zelluloid wunderbar bekloppt dargestellt und am Ende ballern mal wieder leicht bis kaum bekleidete Damen mit Maschinenpistolen durch den Dschungel. Und wenn zwei Überlebende am Ende in den Sonnenuntergang segeln, darf man sich als Betrachter sicher sein, dass man soeben einem wirklich tollen Stück Exploitationgeschichte beigewohnt hat.

Ein in seiner Ironie und Selbstreflexion außerordentlich gelungener WIP-Exploiter. Hill führt hier eine tolle Besetzung durch schöne Sets und kommentiert das Genre dabei gekonnt und augenzwinkernd, ohne sich von dessen sleazigen Qualitäten abzuwenden. So entsteht ein durch und durch frohgemutes Exploitation-Spektakel.

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2 Antworten zu “THE BIG BIRD CAGE

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