ATLANTIK

Atlantik
Atlantik | Großbritannien | 1929
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Ein Passagierkreuzschiff namens Atlantic ist auf dem Weg von Europa nach Amerika und versucht sich an einer möglichst schnellen Atlantiküberquerung. Doch als das Schiff dabei einen Eisberg rammt, erweist sich sein Untergang als unabwendbar. Der Kapitän versucht diesem Umstand möglichst lange geheim zu halten, damit die Evakuierung reibungslos gelingt, doch als sich das Gerücht an Bord verbreitet, bricht Panik aus.

17 Jahre sollten nach Mime Misus in Deutschland produziertem Stummfilm IN NACHT UND EIS (1912) ins Land gehen, bevor das bekannteste Schiffsunglück der Weltgeschichte seinen zweiten Leinwandauftritt (den verschollenen SAVED FROM THE TITANIC (1912) an dieser Stelle ignorierend) erfahren sollte. Das Filmwesen hatte sich in dieser Zeit bekanntlich rasant weiterentwickelt und mittlerweile versuchte sich das neue Medium vom Theater auch inszenatorisch zu emanzipieren. Die größte Neuerung jener Tage war aber sicherlich der aufkommende Tonfilm; so wird der in Großbritannien produzierte ATLANTIK, der seine Uraufführung in Deutschland erlebte, heute als erster deutscher Tonfilm angenommen. Es wurden übrigens parallel eine deutsche und eine englische Sprachversion gedreht, welche die gleiche Geschichte mit jeweils unterschiedlichen Schauspieler_Innen erzählen. Nach dem Erfolg der Filme wurde noch eine französische Version angefertigt, die jedoch auch inhaltlich leichte Abweichungen zeigt. Obendrein gibt es noch eine Stummfilmfassung, welche die noch nicht umgerüsteten Lichtspielhäuser bedienen sollte.

Kapitän: And now, gentlemen, you know the situation. All hands on deck, every man to his station, sound the emergency alarm! Man the lifeboats, women and children first!

Sowohl bei der britischen als auch bei der deutschen Fassung führte der Deutsche Ewald André Dupont Regie. Der für seine durchaus als gewagt zu bezeichnenden Sujets bekannte Regisseur nutzte für die ebenfalls von ihm getätigte Drehbucharbeit ein Theaterstück des britischen Autoren Ernest Raymond namens The Berg (in jenen Tagen sah es die noch existierende White Star Line nicht gern, wenn man den originalen Namen des Unglücksschiffs nutzte). Dupont erkannte das sensationelle Potential des Stoffs und nutzte dieses für seinen Film konsequent aus. Und ihm war auch klar, dass es neben eindringlichen Bildern auch einer emotionalen Ebene bedurfte, um das Publikum vollends mitzureißen.
So lässt sich der Film dann auch einiges an Zeit, um verschiedene Protagonisten zu etablieren. Feierwütige Junggesellen, verliebte Pärchen, fremdgehende Charmeure oder sinnierende Senioren, die Breite an sympathischen Identifikationsfiguren ist beachtlich. Der Zuschauer wird mittels kurzweiliger Aufnahmen des Schiffslebens geradezu dazu gezwungen, sich mit den Menschen zu identifizieren, um dann das über sie hineinbrechende Unglück umso intensiver nachempfinden zu können.

Dandy: Bring me a sloe gin – quick!

Und tatsächlich versteht des Dupont durchaus beachtlich, die Panik an Bord zu verdeutlichen. Die Massenszenen an und unter Deck versprühen einiges an Unruhe, schreiende und rangelnde Menschen erzeugen Bedrängung. Unschöne Szenen, es werden beispielsweise Männer, die sich vor Frauen und Kindern in Rettungsboote drängen, erschossen, dürften in damaliger Zeit für Entsetzensschreie gesorgt haben. Einziges Manko dieser zweiten Filmhälfte ist die etwas zu lahme Art der Parallelmontage. Denn um das Schicksal der Protagonisten einzuflechten, springt der Film immer wieder ins Schiffsinnere. So wird das Geschehenen unnötig gebremst, es entstehen – vor allem technisch bedingte – Stolpersteine.
Dafür gibt es dann aber die volle Bandbreite des auch aus späteren Werken bekannten Trauerspiels zu sehen: Die Band spielt ein letztes Geleit, alte Menschen manchen Arm in Arm ihren letzten Frieden und Liebende finden endlich zueinander. Der Kapitän entlässt mit einem letzten Wort seinen treuen Maat und in den Rettungsbooten wird bereits andächtig gebetet. Dupont versteht es hier meisterlich, Spannung und Immersion zu erzeugen und wenn zum Abspann nur noch die warnende Glocke schlägt, dann dürfte so mancher Gast sich mit einer Gänsehaut aus dem Kinosessel erhoben haben. Kein Wunder also, dass der Film in all seinen Fassungen ein immenser finanzieller Erfolg war.

Erstaunlich ausgereifte erste Tonfilmvariante des berühmten Schiffsunglücks, die neben einigen netten Tricks vor allem die Situation der Passagiere in den Blick nimmt – und es genau deshalb schafft, dem Zuschauer deren Verzweiflung und Panik nahe zu bringen.

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