BARRY LYNDON

Barry Lyndon
Barry Lyndon | Großbritannien | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Ire Redmond Barry (Ryan O’Neal) muss nach einem gewonnenen Duell seine Heimat verlassen und stromert in den nächsten Jahren durch Europa. Er steht im Dienste verschiedener Armeen und verdingt sich als Spieler und Betrüger. Schließlich heiratet er die wohlsituierte Lady Lyndon (Marisa Berenson) und verprasst ihr Geld. Doch ihr Sohn Lord Bullingdon (Leon Vitali) entschließt sich eines Tages dazu, Barrys Treiben ein Ende zu setzen.

UHRWERK ORANGE (1971) war ein finanzieller und künstlerischer Meilenstein in Stanley Kubricks Karriere. Schon während der Dreharbeiten zum diesem Klassiker hatte Kubrick die Gedanken an sein lange geplantes Herzensprojekt, die Verfilmung des Lebens von Napoléon Bonaparte, konkretisiert. Doch in all den Vorbereitungen, Recherchen und Konzeptionen bemerkte er, dass Sergei Bondartschuks WATERLOO (1970) ihm diese Option quasi raubte. Es wäre unmöglich gewesen, wenige Jahre nach diesem Historienepos erneut Geldgeber und Zuschauer für einen sehr ähnlich gelagerten Film aufzutreiben. Da Kurbick nichtsdestotrotz vom 18. Jahrhundert und dessen barocker Pracht fasziniert war, nutzte er den Roman Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon aus dem Jahre 1844 des britischer Schriftstellers William Makepeace Thackeray als alternative Grundlage für die Produktion. Er folgte damit seiner etablierten Arbeitsweise, sich bei der Drehbucharbeit auf literarische Vorlagen zu verlassen.

Sekundant: Redmond, es ist schön und gut, wenn du Bauernjungen verprügelst, aber es ist etwas anderes, gegen einen Engländer anzutreten.

Die Geschichte stellt dem Zuschauer mittels eines ironisch-distanzierten Erzählers den unangepassten Iren Redmond Barry vor, dessen Weg durch das kriegsgeschüttelte Europa des 18. Jahrhunderts allerlei Wendungen und Zufälle erfährt. Es ist somit ein/das Schicksal, welches hier zum eigentlichen Hauptdarsteller wird. Immer wieder kommen Zufall, Glück und Entscheidung zusammen und bestimmen den weiteren Lebensweg der ambivalenten Hauptrolle. Barry ist teils hinterlistig, teils naiv, manchmal berechnend und manchmal hilflos. Es bleibt somit den Zuschauenden überlassen, einen Zugang zu dieser Person zu finden. Ryan O’Neal gibt die Rolle gekonnt nüchtern, überzeugt jedoch in den finalen Szenen überaus. Sowohl das Duell gegen Lord Bullingdon als auch die Unterredung am Sterbebett Brians geraten so äußerst eindringlich.
Leider sorgt diese Konzeption aber gleichsam dafür, dass dem Rezipienten über lange Strecken des Films hinweg eine unmittelbare Einfühlung sehr schwierig gemacht wird. Allzu häufig verfolgt man das Geschehen überblickend und distanziert. Einzelnen Sequenzen mangelt es folglich an emotionaler und inhaltlicher Bedeutung. Als pure Konzeption von Aufstieg und Fall bleibt der Film an vielen Stellen zu unnahbar.

Stattdessen tobt sich Kubrick bezüglich der Gestaltung der Bilder vollends aus. In Anlehnung an unzählige Maler und Künstler jener Epoche konzipiert er geradezu gemäldegleiche Mise en Scènes, welche für sich genommen zu Kunstwerken werden. Prächtige Aufnahmen von Natur, Architektur und Innenräumen wechseln sich stetig ab und insbesondere letztere sorgen mit einer einmaligen Lichtstimmung für bleibenden Eindruck. Des Realismus halber nutzt Kubrick für die Innenaufnahmen ausschließlich Kerzenlicht und höchstempfindliche Objektive. Das Ergebnis betont die an Gemälde erinnernde Optik des Films in besonderem Maße.

Nora: Ich habe das Band von meinem Hals gelöst und es irgendwo an mir versteckt. Wenn du es findest, dann gehört es dir. Du kannst überall suchen, wo du willst. Ich werde sehr wenig von dir halten, wenn du es nicht findest.

Innerhalb dieser Pracht geben neben O’Neal Marisa Berenson als Lady Lyndon oder Patrick Magee, der vier Jahre zuvor den Schriftsteller Alexander in UHRWERK ORANGE mimte, als Spieler Chevalier tolle Figuren ab. Hardy Krüger überzeugt als preußischer Hauptmann Potzdorf und Leon Vitali trumpft als ebenso gebrochener wie niederträchtiger Lord Bullingdon im letzten Viertel auf. Kubrick zeichnet all diese Figuren dabei nur rudimentär, ihre Charakterzüge werden vor allem im Zusammenspiel deutlich.
Eingefasst wird das alles von passenden Klängen, für die Kubrick unter anderem Stücke von Bach, Mozart, Paisiello, Schubert und Vivaldi nutze. Über allem schwebt natürlich Händels Sarabande, welche alle Duelle grandios intensiviert. Folgerichtig erhielt der Streifen Academy Awards in den Kategorien Beste Ausstattung, Beste Kamera, Bestes Kostümdesign und Beste Musikadaption. An den Kinokassen spiegelte sich das – trotz weithin positiver Resonanz der Kritik – nicht wieder; und in Anbetracht der teilweise spürbaren Längen innerhalb der optischen Pracht erscheint das auch nachvollziehbar.

Während der Film in seiner formalen Konzeption und Umsetzung durchweg zu beeindrucken vermag, bleibt er inhaltlich und dramaturgisch leider hinter Kubricks übrigen Arbeiten zurück; zu distanziert und unnahbar werden Aufstieg und Fall Lyndons erzählt.

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4 Antworten zu “BARRY LYNDON

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