UHRWERK ORANGE

Uhrwerk Orange
A Clockwork Orange | Großbritannien | 1971
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Alex (Malcolm McDowell) und seine Droogs verbringen ihre Abende mit Drogen, Sex und Gewalt. Die letzteren beiden Beschäftigungen geschehen dabei stets ohne Einvernehmen und als Alex ein Opfer im Zuge der Misshandlungen tötet, überlassen seine Kumpels ihn der Polizei. Nach zwei Jahren im Knast nimmt Alex schließlich an einem Projekt teil, das ihm seine Boshaftigkeit – und gleichzeitig seinen freien Willen – für immer austreiben soll.

1968 hatte Stanley Kubrick mit 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM einen formalen und finanziellen Welterfolg hingelegt, der bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Er war seitdem vollends als Regisseur von Weltrang etabliert, was sich jedoch nicht zwingend in den Budgets seiner Filme widerspiegeln sollte. Hatte Kubrick 1968 noch rund zwölf Millionen US-Dollar zur Verfügung gehabt, musste er 1971 mit knappen zwei Millionen auskommen. Das Projekt um einen Roman des britischen Autoren Anthony Burgess weckte eben nicht das Interesse der großen Geldgeber. Kubrick hatte den Roman bereits Mitte der 60er Jahre bei den Dreharbeiten zu DR. SELTSAM ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN (1964) von Drehbuchautor Terry Southern erhalten. Nachdem Kubrick zunächst allerdings keine Filmadaption des Zukunftsromans plante, konnte ihn die plötzlich aufkommende Akzeptanz von Sex und Gewalt im Mainstreamkino der späten 60er und frühen 70er Jahre von einer Umsetzung überzeugen. Plötzlich waren derart explizite Darstellungen durchaus gangbar und somit war eine adäquate Verfilmung von Burgess‘ Klassiker möglich.

Alex: Es war ein wunderbarer Abend, und was er noch brauchte, um wahrhaftig großartig zu enden, war ein wenig vom alten Ludwig van …

Und obwohl Kubrick schon früh in seiner Karriere festgestellt hatte, dass seine Fähigkeiten im Bereich des Verfassens von Drehbüchern recht überschaubar waren, entschied er sich dazu, das Skript zu UHRWERK ORANGE selber zu verfassen. Er hielt sich dabei jedoch äußerst eng an die (US-amerikanische Auflage der) Vorlage, die erste halbe Stunde wurde fast wortwörtlich umgesetzt. Alles ist dabei auf Hauptdarsteller Malcolm McDowell zugeschnitten, den Kubrick in Lindsay Andersons Drama IF … (1968) bemerkt hatte. Seine Figur Alex DeLarge ist zentrale Figur und Erzähler gleichermaßen, er ist der distanzlose Vermittler zwischen der Welt des Films und der Realität. Unweigerlich wird der Zuschauer zum Droogie, wenn er den Machenschaften von Alex und seiner Bande folgt. Vor allem, wenn Alex prügelnd und vergewaltigend Singin‘ in the Rain intoniert, fällt es dem Rezipienten spürbar schwer, nicht in Schmunzeln oder Lachen zu verfallen. Die stattfindenden Gewalttaten werden aus einer Perspektive dargestellt, die die Einnahme kritischer Distanz fast verunmöglicht. Aber auch die kurzen Szenen, in denen der Zuschauer Einblick in Alex‘ Gedankenwelt erfährt, sind dazu angetan, Distanz zu verringern. Zu Beethovens Neunter sausen Bilder von Explosionen, Vergewaltigungen und Tod über den Bildschirm und entführen den Zuschauer in die gedanklichen Strukturen des gewalttätigen Jugendlichen.

Der Wandel, den der brillant facettenreich spielende McDowell dann durchmachen muss, wird schließlich zur zentralen Leitfrage des Films: Inwieweit darf man einen Menschen seines freien Willen berauben, wenn daraus Vorteile für ihn und/oder die Gesellschaft entstehen? Alex ist nach Anwendung der Ludovico-Methode ein geistiges Wrack, welches mitnichten einen Platz in der Gesellschaft erhalten hat, sondern von dieser gebrochen wurde. Er wird zum Spielball politischer und gesellschaftlicher Kräfte und erfährt Unmengen körperlicher und psychischer Gewalt. An dieser Stelle muss auch das Romanende Burgess‘ Erwähnung finden, welches in seiner britischen Fassung ein zusätzliches Kapitel aufweist, in welchem Alex aus freien Stücken zu einem „ordentlichen“ Teil der Gesellschaft wird. Von den US-Verlegern eigenmächtig gestrichen, verweist dieses Ende auf die Eigenständigkeit, mit der junge Menschen irgendwann – nach einiger Zeit der Ausbrüche und Rebellionen – in die Gesellschaft zurückkehren. Von Burgess als klares Statement gegen die Konditionierung verstanden, muss der Film diesen Standpunkt auf andere Weise deutlich machen.

Alex: Wir hockten in der Korova Milchbar und überlegten uns, was wir an diesem Abend anfangen sollten. In der Korova Milchbar konnte man Milc-Plus kriegen. Milch plus Vellocet oder Synthemesc oder Drencrom. Das heizt einen an und ist genau richtig, wenn man Bock hat auf ein wenig Ultrabrutale.

Da Kubrick allerdings nicht dafür bekannt ist, es seinem Zuschauenden allzu einfach zu machen, lässt er sie eben zwischen zwei Extremen wählen: Auf der einen Seite das unzähmbare, ultra-brutale Monstrum (als erstes Bild des Films übrigens ein wunderbarer Kontrast zum letzten Bild von 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM, dem friedlichen Sternenkind), auf der anderen das gebrochene, seines freien Willens beraubte Wesen. So zwingt Kubrick seine Rezipienten zur Auseinandersetzung mit dem Thema, lässt ihnen keinen Ausweg. Leider war die damalige Presse und Öffentlichkeit mit dieser Herausforderung derart überfordert, dass man den Film allenthalben mit Unwillen und Unverständnis abstrafte. Es sollte viele Jahre dauern (in Großbritannien gar bis 2000; zuvor gab es keine öffentlichen Aufführungen), bis der finanziell durchaus erfolgreiche Film auch inhaltlich seine verdiente Anerkennung erfuhr.

Dabei geholfen hat zweifelsohne die wieder einmal grandiose handwerkliche Arbeit, die Kubrick hier zur Schau stellt. Mit geringen Mitteln erweckt er eine Welt zum Leben, die das dystopische Jahr 1983 erstaunlich konkret werden lässt. Obwohl es kaum nahbare Anhaltspunkte gibt, ist man schon nach wenigen Minuten bereit, diese skurrile Welt zu akzeptieren. Voller Farben und Kontraste, voller Grau und Schwarz entwirft Kubrick eine Umgebung, innerhalb derer die teils absurden Geschehnisse allesamt plausibel sind. Die wundervollen Sets werden von John Alcott gekonnt eingefangen und einzelne Einstellungen haben Weltruhm erlangt. Der kalten Umgebung von Stadt und Knast stehen ikonische Situationen der Jugendkultur gegenüber (die Korova Milchbar oder die Unterführung) und gleichzeitig ist Alex trotzdem in einer bunten Welt (Jugendzimmer, Plattenladen) verhaftet, die die Totalität des herrschenden Systems mit Plüsch und guter Laune übertüncht. Zahlreiche Zeitrafferaufnahmen und Zeitlupen schaffen auch temporale Kontraste und allerlei einfallsreiche Kamerawinkel lassen das schiefe Bild von Mensch und Gesellschaft auch formal spürbar werden.

Alex: Beim verlassenen Spielcasino stießen wir plötzlich auf Billy Boy und seine vier Droogs. Sie wollten gerade mal wieder das alte Rein-Raus-Spiel an einer hysterischen, kreischenden, jungen Dewotschka praktizieren.

Tolle Musik und eine Portion Wahnwitz sorgen schließlich dafür, dass UHRWERK ORANGE sicherlich zu den ganz großen Meisterwerken Kubricks zu zählen ist. Die popkulturelle Bedeutung des Films ist kaum zu überschätzen, bis heute finden sich unzählige Reminiszenzen und Verweise in allen medialen Formen. Alex und seine Droogs wurden zum Aushängeschild zahlreicher Jugendkulturen wie Ultras, Hooligans, Skindheads oder Punks, welche den Gehalt des Streifens offenbar deutlich schneller begriffen als die ihn (und sie) verurteilende Gesellschaft. Und genau das zeigt am deutlichsten auf, warum der Streifen auch heute noch von größer inhaltlicher Relevanz ist!

Ein inhaltliches wie formales Meisterwerk, dessen Bedeutung und Relevanz auch heute noch ungebrochen ist. Eine derart ungeschönte Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Staat und Individuum hat es in filmischer Form selten gegeben.

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8 Antworten zu “UHRWERK ORANGE

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