IN NACHT UND EIS

In Nacht und Eis
In Nacht und Eis | Deutschland | 1912
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Zahllose Menschen besteigen in freudiger Erwartung einen neuen Luxusliner namens Titanic. Auf dem Weg nach New York rammt das Schiff jedoch einen Eisberg und versinkt im Atlantik. Der Kapitän versucht bis zur letzten Sekunde, so viele Menschen wie möglich zu retten, bevor er selbst mit seinem Schiff in den Fluten versinkt.

In den Morgenstunden des 15. April 1912 versank die Titanic. Nur 29 Tage später wurde in den USA der erste Film veröffentlicht, der sich mit der Katastrophe beschäftigte. Die Schauspielerin Dorothy Gibson hatte den Untergang miterlebt und leierte nach ihrer Rückkehr nach New York innerhalb weniger Tage eine Produktion namens SAVED FROM THE TITANIC (1912) an. Der Film verschrieb sich einer überwiegend dokumentarischen Darstellung der Ereignisse, wurde ein immenser finanzieller Erfolg und verbrannte 1914 bei einem Großbrand gänzlich; er gilt heute als verschollener Film. Doch auch in Deutschland erkannte ein junger Mann das „Potenzial“ des Unglücks: der Rumäne Mime Misu hatte sich mittels einer erfundenen amerikanischen Biographie bei der deutschen Produktionsfirma Continental-Kunstfilm eingeschlichen und mit DAS MARIENWUNDER (1912) einen durchaus veritablen Erfolg abgeliefert. Also vertraute man ihm seitens des Studios auch, als Misu mit einem Drehbuch vorstellig wurde, welches einen für damalige Verhältnisse spektakulären Katastrophenfilm vorsah.
Und tatsächlich verlegt sich ein nicht unerheblicher Anteil des gut halbstündigen Stummfilms darauf, dem Zuschauenden das Unglück mittels Spezialeffekten näherzubringen. Diverse Außenansichten der Titanic und sowie deren Untergang wurde in Hamburg und Cuxhaven mittels eines acht Meter langen Modells realisiert. Was aus heutiger Sicht simpel wirken mag, stellte seinerzeit eine überzeugende tricktechnische Täuschung dar. Schöner noch sind allerdings die beweglichen Bodenelemente, auf denen sich die Heizer im Film halten müssen. Simpelste Kipptechniken suggerieren die Bewegung des Kahns und lassen erahnen, wie aufwändig die Dreharbeiten abgelaufen sein müssen.

Kapitän: Dort ist mein Schiff, mit ihm gehe ich unter.

Zwischen diesen Sequenzen treten diverse – heute nicht mehr namentlich zu ermittelnde – Schauspieler_innen auf, die allesamt deutlich zeigen, dass Schauspielerei damals noch hauptsächlich Theater (inklusive großer räumlicher Distanzen) meinte. Neben dem ständigen Blick in die Kamera (das vermeintliche Publikum) fällt vor allem das maßlose Overacting auf. Insbesondere wenn der Kapitän und sein Maat den Eisberg entdecken, gibt es minutenlang unfassbarste Übertreibungen zu sehen. Interessanter ist hingegen der Umstand, dass die Szene, in der der Ausguck den Eisberg entdeckt, im Schuss-Gegenschuss-Verfahren umgesetzt wurde; eines der wenigen bereits originär filmischen Stilmittel, die der Streifen einsetzt. Ansonsten bleibt die Kamera durchweg statisch, einzig einige minimale Schwenks lassen sich ausmachen.
Sicherlich nicht zuletzt aufgrund seines spekulativen Charakters wurde Misus Film zu einem großen Erfolg, der die Massen in die Kinos locken und die Kritiker in höchstem Maße verzücken konnte. Aufgrund der Zerstörung von SAVED FROM THE TITANIC wird ihm zudem heute zumeist die Anerkennung zuteil, der erste Film gewesen zu sein, der sich mit der Katastrophe beschäftigt.

Spekulative, aber nichtsdestotrotz interessante (erste) Filmadaption der berühmten Katastrophe. Vor allem die damals bahnbrechende, heute eher amüsante Tricktechnik sorgt für Unterhaltungswert.

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Eine Antwort zu “IN NACHT UND EIS

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