TERROR TOWN

Terror Town
Welcome Home Brothers Charles | USA | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Charles Murray (Marlo Monte) landet ihm Knast und kommt erst nach Jahren wieder frei. Leider muss er feststellen, dass seine alte Flamme Twyla (Jackie Ziegler) mit seinem Exkumpel N.D. (Jake Carter), der gleichzeitig die Geschäfte von Murray übernommen hat, zusammen ist. Trost findet dieser bei der Prostituierten Carmen (Reatha Grey), doch das eigentliche Ziel Charles‘ bleibt es, sich an dem korrupten Bullen Harry Freeman (Ben Bigelow) zu rächen.

Der Regisseur Jamaa Fanaka (geboren als Walter Gordon) stellt eine der ambivalentesten Figuren der L. A. Rebellion dar. Während zahlreiche ihrer Mitglieder darin vor allem einen afroamerikanischen Gegenentwurf zum klassischen Hollywoodkino sahen, war Fanaka stets ein großer Anhänger ebenjenes Studiobetriebs. Ob es auch damit zusammenhängt, dass er mit besten Noten abschloss, ist an dieser Stelle sicherlich nicht zu klären, es bleibt aber festzuhalten, dass er keineswegs als einseitiger Blaxploitation-Filmemacher abgetan werden kann. Schon sein Studienwerk A DAY IN THE LIFE OF WILLIE FAUST, OR DEATH ON THE INSTALLMENT PLAN (1972), eine augenscheinliche Adaption von Goethes Klassiker, lässt erahnen, dass Fanaka mehr als (nur) vordergründige Spekulation in seine Werke einbrachte. Nichtsdestotrotz ist der starke Einfluss der frühen Blaxploitation-Erfolge wie SHAFT (1971) oder SWEET SWEETBACKS LIED (1971) nicht abzustreiten.

Christina: Egal wie viele Micky-Maus-Bomben du schon entschärft haben magst, es macht dich genauso wenig zum Mann, wie dieses kümmerliche, schrumpelige Ding, das unten rumbaumelt.

Dementsprechend erwartbar lässt sich das von Fanaka selbst geschriebene und produzierte (sowohl einige öffentliche Gelder als auch einige Groschen seiner Eltern waren Grundlage des Budgets) Spielfilmdebüt dann auch an. Klischeebehaftete Afro-Gangster, korrupte und brutale weiße Cops, eine marode Justiz und nach schwarzer Liebe hungernde Hausfrauen; so weit, so bekannt. Es sind dann aber kleine Details, die den von den deutschen Verleihern etwas ungünstig betitelten TERROR TOWN von den durchschnittlichen Genrekollegen abheben. Fanaka verwendet diverse augenscheinliche Realaufnahmen von Straßenszenen, um das Leben der afroamerikanischen Bevölkerung zu visualisieren; gleiches gilt für den Drogenkonsum. Zusammen mit surrealer Musik und einigen abgefilmten Schwarzweißfotos, die Charles‘ Knastaufenthalt wiedergeben, erfährt der Film so in seiner Mitte eine wohltuende Intensivierung der Stimmung.

Die zweite Filmhälfte verliert dann während der Romanze zwischen Carmen und Charles kurzzeitig etwas an Schwung, mündet jedoch in ein ebenso unerwartetes wie skurriles Finale: Charles rächt sich an den rassistischen Bullen und Richtern, indem er sie mit seinem Riesenglied erwürgt. Selbiges wurde von einem Gesetzeshüter bei der Verhaftung verstümmelt und wuchs dann im Knast auf übernatürliche Länge an. Mit seinem meterlangen Geschlechtsorgan beseitigt er also seine Widersacher, bevor er sich letzten Endes selber das Leben nimmt. Diese Mixtur aus derber Klischeeüberzeichnung und dem Freitod als Ausweg aus einer gesellschaftlichen Sackgasse macht es dem Zuschauer zwar durchaus schwierig, mit dem Film zurechtzukommen, aber gerade darin wohnt auch die Eigenheit des Streifens.

Mama: Es gibt viele Menschen, die sich um dich sorgen.
Charles: Ja, ganz sicher doch, Mama. Deshalb bin ich auch hier und blute deinen Teppich voll. Sie lieben mich zu Tode da draußen. Diese Art von Liebe, weißt du Mutter, erzeugt Hass.

Die Darstellerschaft fällt dem Budget und Renommee Fanakas entsprechend überschaubar aus, Hauptdarsteller Marlo Monte mimt demzufolge äußerst blass vor sich hin. Es ist Fanakas geschickter Inszenierung zu verdanken, dass Montes überdrehtes Gehampele wenigstens einigermaßen erträglich daherkommt. Auch Ben Bigelow als rassistischer Bulle Freeman und seine Frau Tiffany Peters bieten ihre Laienschaft deutlich dar, während Jake Carter als Mobster-Stereotyp N.D. ohnehin jedes nur denkbare Klischee erfüllt. Die einzige, der auch über diesen Film hinaus Erfolg beschert sein sollte, ist Reatha Grey, die hier als Carmen jedoch ebenfalls keine Bäume auszureißen vermag.
Aber wie dargelegt zieht der Film seinen Wert weniger aus der schauspielerischen Leistung seines Casts als viel mehr aus der Mixtur aus humorvoller Überzeichnung, tatsächlicher Sozialkritik und einem Schuss Wahnsinn. Für Jamaa Fanaka stellte er einen soliden Beginn seiner Regiekarriere dar, welche ihn über SCHWARZE REVANCHE (1976) bald zu seinem größten Erfolg, dem Knast-Drama PENITENTIARY – HÖLLE HINTER GITTERN (1979) führen sollte.

Netter Blaxploiter, der neben den üblichen Klischees auch einiges an funktionierender Sozialkritik und letztlich natürlich ein genial verdrehtes Finale zu bieten hat.

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2 Antworten zu “TERROR TOWN

  1. Pingback: PENITENTIARY – HÖLLE HINTER GITTERN | SPLATTERTRASH·

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