STRAßEN IN FLAMMEN

Straßen in Flammen
Streets of Fire | USA | 1984
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Tom Cody (Michael Paré) kehrt gerade in die sonnenlosen Untiefen einer nicht näher benannten Großstadt zurück, als seine Ex-Freundin Ellen Aim (Diane Lane) vom Gangleader Raven Shaddock (Willem Dafoe) entführt wird. Ellens Freund und Manager Billy Fish (Rick Moranis) engagiert daraufhin Cody und die unnahbare McCoy (Amy Madigan), um seine Geliebte zurückzuholen. Es beginnt eine nervenaufreibende Jagd durch die nächtlichen Gassen einer verlorenen Stadt.

Filme wie DRIVER (1978), DIE WARRIORS (1979), DIE LETZTEN AMERIKANER (1981) oder NUR 48 STUNDEN (1982) hatten Walter Hill den Ruf eingebracht, einer der solidesten Action-Regisseure der frühen 80er Jahre zu sein. Sein ausgeprägtes Gespür für Atmosphäre und Timing belegen die genannten Werke fast durchweg und da das Eddie-Murphy-Debüt NUR 48 STUNDEN zudem auch ein beachtlicher finanzieller Erfolg gewesen war, standen Hill danach alle Türen offen. Und tatsächlich hatte dieser bereits während der Produktion des Cop-Buddy-Streifens zusammen mit Larry Gross ein neues Drehbuch entwickelt, welches sich einem Thema nähern sollte, welches Hill bis dato kaum in seinen Filmen hatte vorkommen lassen: der Liebe. Und wenn man schon zu neuen Ufern aufbricht, dann kann man das auch mit Vehemenz tun; und so wählte der Herr Regisseur als Verpackung für seine klassische Lovestory eine Mixtur aus Musical, Western, Actionfilm und Fantasystreifen.
Und auch wenn diese Zusammenstellung auf dem Papier zunächst etwas zerfahren anmuten mag, so stellt sich doch ab der ersten Sekunden heraus, dass Hill genau weiß, was er vorhat. Unverzüglich weckt die Optik des Films mit ihren dunklen Nächten, den verrotteten Stadtansichten und den zahllosen Neonspiegelungen Erinnerungen an seine frühen Erfolge DRIVER und DIE WARRIORS. Und da Hill dieses Mal ein neuartiges Filmmaterial vorlag, welches mit enorm erhöhter Lichtempfindlichkeit noch härtere Kontraste und mehr Details in der Dunkelheit ermöglichte, funktioniert dieses Konzept noch mal etwas besser. So entstehen reihenweise wundervolle Aufnahmen von nassen Gassen mit Lichtreflexionen und das bewusst diffuse Bild der namenlosen Großstadt trifft den Zuschauer umso heftiger.

McCoy: Hey Cody, ich brauch ‘nen Drink. Komm wir verziehen uns hier. Vielleicht haben wir wieder Glück und können uns mit dem Barkeeper schlagen.

Denn um die Geschehnisse der Realität zu entheben (und somit in die Bereiche der Phantastik zu überführen) lassen Hill und Gross den Rezipienten über Ort und Zeit im Unklaren. So finden sich Elemente der 30er und 40er Jahre ebenso im Film, wie deutliche Verweise auf die 50er. Die 80er sind ohnehin omnipräsent und so weiß der Betrachter die Geschehnisse zeitlich kaum einzuordnen. Das führt auch dazu, dass die Stadt in einer anderen Welt (oder sonstwo)zu liegen scheint, stellt sie doch quasi die Essenz des Kampfes um Liebe und Freiheit dar. Sie besteht scheinbar nur aus Revas Diner, einigen langen Straßen, viel Dunkelheit und noch mehr Träumen; Gesetze sucht man hingegen vergebens, es gibt nur Stärke und Schwäche.

All diese Erkenntnisse lassen sich dabei viel weniger aus dem Film herauslesen als viel mehr herausfühlen. Der renommierte Produktionsdesigner John Vallone sorgt nämlich mit seiner Kreationen dafür, dass der Zuschauer diese Welt schon nach weniger Minuten als Realität akzeptiert. Die perfekten Designs erfuhren in den Universal-Studios eine wundervolle Umsetzung. Die zahllosen Sets (alle versammelt unter einer riesigen Plane, die auch am helllichten Tag die nötigen Nachtaufnahmen ermöglichte) tragen in ihrer Detailverliebtheit maßgeblich zum Funktionieren des Films bei. Hills grandios getimte Inszenierung tut ein Übriges dazu, dass der Streifen noch heute häufig als Design-Blaupause zahlreicher MTV-Videoclips rezipiert wird. Und tatsächlich ist es neben der grandiosen Optik die Musik, welche dem Film seine ganz eigene Qualität verleiht.

Tom: Wie findest du den mein neues Auto?
Reva: Sieht gut aus! Verkauf es und kauf mir ein neues Fenster!

Ry Cooder komponierte den Soundtrack, der die Geschehnisse mehr als nur trefflich unterlegt. In enger Zusammenarbeit mit Hill schufen die beiden so Sounds, die sich dem Rhythmus der Bilder perfekt anpassen. Optik und Ton werden eins, ein rauschhaftes Vergnügen entsteht. Dazu komponierten Jimmy Iovine und Jim Steinman einige Rockhymnen, die der fiktiven Band Ellen Aim an the Attackers in den Mund gelegt werden. Songs wie Nowhere Fast und Tonight Is What It Means To Be Young sorgen für Gänsehaut, die Arbeit Steinmans für Rocker Meat Loaf wird hier mehr als deutlich. Und auch hier sorgt der Stil des Films wieder für eine immense Intensivierung der Musik, bieten sich doch zweimal Präsentationen der Songs im klassischen Konzertstil dar.

Bezüglich der Besetzung fällt zunächst auf, dass Hill erneut auf die Zusammenarbeit mit renommierten Darstellern verzichtet (was wohl zum Teil auch der Tatsache geschuldet ist, dass die gerade einmal 14 Millionen US-Dollar an Budget überwiegend in Optik und Sound des Films flossen). Mit Michael Paré, den Hill in EDDIE AND THE CRUISERS (1983) wahrnahm, besetzt ein relativer Neuling die Hauptrolle des hintergrundlosen Rächers Tom Cody. Als Western-Stereotyp reitet dieser (natürlich auf einem Motorrad) in die Stadt ein und nimmt es sogleich mit den örtlichen Unholden auf. Deborah Van Valkenburgh, die bereits 1979 in DIE WARRIORS mit von der Partie war, gibt Toms redliche Schwester Reva, Amy Madigan übernimmt die Rolle des bärbeißigen Sidekicks McCoy. Ursprünglich war diese Rolle als männlicher Hispanier konzipiert, aber Madigan riss die Figur mit einem engagierten Vorsprechen an sich. In der ansonsten streng auf männliches Getue ausgelegten Welt des Streifens stellt ihre Rolle der emanzipierten, selbstbewussten Frau eine wohltuende Abwechslung dar.

Tom: Soll ich dir mal was sagen? Du stehst nur unter Tierschutz, weil ich mich nicht an Kröten vergreife.

Sehr viel gewöhnlicher kommt hingegen die 18-jährige Diane Lane daher, die hier als Rockstar Ellen Aim den Antrieb des Hauptcharakters darstellt. Die bereits mit beträchtlicher Erfahrung ausgestattete Lane äußerte wohl großen Unmut darüber, die von ihr performten Songs nicht auch selber singen zu dürfen, aber ihrer schauspielerischen Leistung tat das keinen Abbruch. Denn auch wenn ihre Rolle recht flach geschrieben ist, so übermittelt sich ihre Emotionen doch ohne Frage höchst gekonnt an das Publikum. Rick Moranis, der im gleichen Jahr mit GHOSTBUSTERS – DIE GEISTERJÄGER (1984) seinen großen Durchbruch feierte, gibt als Billy Fish eine ungewohnt ernste Rolle, die jedoch trotzdem genügend Raum für Späße und Albernheiten lässt, und Willem Dafoe rundet den Cast als niederträchtiger Widersacher Raven ordentlich ab. In einer Nebenrolle kann man übrigens den späteren Hollywoodstar Bill Paxton als Barkeeper sehen, der von McCoy ordentlichen was auf die Nase bekommt.
Leider kam es kurz vor der Veröffentlichung des Streifens zu einem Führungswechsel in den Chefetagen von Universal. Die neuen Bosse behandelten die Arbeiten ihrer Vorgänger äußerst stiefmütterlich, sodass STRAßEN IN FLAMMEN nur wenig Werbung und einen sehr reduzierten Kinostart erfuhr. Der Film wurde zum finanziellen Reinfall, erst Jahre später entwickelt sich eine treue Fanbase. Und die hat der Streifen auch zweifelsfrei verdient, handelt es sich doch um einen 80er-Rock-Kracher in Reinkultur.

Musik, Optik, Darsteller; all das wird in diesem Meisterwerk zu einem rauschhaften Vergnügen, welches jegliche Kritik an der flachen Geschichte oder den stereotypen Rollen einfach in einer Welle aus Neonlicht, Gitarrenriffs und Großstadtschluchten hinwegspült. Tonight is what it means to be young!

Advertisements

4 Antworten zu “STRAßEN IN FLAMMEN

  1. Pingback: PHANTOM KOMMANDO | SPLATTERTRASH·

  2. Pingback: GHOSTBUSTERS – DIE GEISTERJÄGER | SPLATTERTRASH·

  3. Pingback: JUDGE DREDD | SPLATTERTRASH·

  4. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (11-07-16)·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s