LA ORCA – GEFANGEN, GESCHÄNDET, ERNIEDRIGT

La Orca – Gefangen, geschändet, erniedrigt
La Orca | Italien/Spanien | 1976
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Gino (Flavio Bucci) entführt zusammen mit Paolo (Bruno Corazzari) die 16-jährige Alice (Rena Niehaus). In einem abgelegen Hof, wo Michele (Michele Placido) die Truppe vervollständigt, versteckten die Entführer das Mädchen, um fortan deren reiche Eltern zu erpressen. Doch während sich die Erpressung immer mehr als Flop herausstellt, entwickeln sich zwischen Alice und Michele zarte Gefühlsregungen …

Eriprando Visconti, Neffe des großen Neorealisten Luchino Visconti, hatte mit Streifen wie DIE NONNE VON MONZA (1969) oder ALLEIN GEGEN DAS GESETZ (1972) bereits einige ordentliche Streifen abgeliefert, bevor er sich daran begab, mit LA ORCA – GEFANGEN, GESCHÄNDET, ERNIEDRIGT einen Film zu drehen, der vordergründig als spekulatives Machwerk daherkommt (der gänzlich unpassende deutsche Verleihtitel befördert diesen Eindruck auf das deutlichste), in Wirklichkeit aber eine erstaunlich tiefe Auseinandersetzung mit der Wirkung von Menschen in Extremsituationen aufeinander darstellt. Dabei ist die Entführungs-Thematik eine, welche zum Zeitpunkt des Entstehens des Films hochaktuell war. Denn in den bleiernen Jahren der gewaltsam ausgetragenen politischen Konflikte in Italien war diese Art der Straftatbegehung eine übliche; sowohl, um seine politischen Feinde zu bekämpfen als auch um sich in dieser ökonomisch schwierigen Phase über Wasser zu halten.
Das von Visconti zusammen mit Lisa Morpurgo und Roberto Gandus verfasste Drehbuch lässt diese gesellschaftlichen Betrachtungen allerdings zunächst augenscheinlich außen vor (obwohl der sozio-ökonomische Hintergrund der Entführer doch durchweg als Motivation erkennbar ist), und konzentriert sich stattdessen eher auf die Entwicklung der Beziehung zwischen Entführter und Entführendem. Dazu wird der Ort der Handlung stark reduziert, sodass es neben den zwei Räumen des als Unterschlupf dienenden Gehöfts nur eine ebenso überschaubare wie unzusammenhängende Zusammenstellung von außerhalb gelegenen Sets gibt.

Paolo: Wenn ein Man eine Frau wie dich hat und ein kleines Mädchen, wäre es besser, eine Arbeit in der Nähe zu haben.

So bleibt der Fokus jederzeit auf Italiener Michele Placido und der Deutschen Rena Niehaus, die den Film gemeinsam schultern. In Person von Michele und Alice tragen die beiden ein Melodram vor, welches dank beständiger (Weiter-)Entwicklung ständig spannend und unvorhersehbar bleibt. Die anfänglich (ungewollte) Dominanz Micheles wird dabei schnell überwunden und macht einer ausgeglichenen Beziehung Platz, die letztlich deutlich „zugunsten“ Alice‘ kippt. Bis dahin versteht es Visconti ganz vortrefflich, mittels kleiner Details die wachsende Macht Alice‘ zu verdeutlichen. Beginnend mit kleinen Tricks, wie einem vorgetäuschten Anfall, um das Gesicht Micheles zu sehen, entwickelt sich Alice‘ Dominanz schließlich soweit, dass sie es letztlich ist, die ihren Bewacher zum Beischlaf auffordert. In der – von Michele mehrfach verurteilten – Promiskuität der jungen Frau spiegelt sich übrigens auch die bereits erwähnte gesellschaftliche Dimension des Films wieder, die nie vordringlich, jedoch stets vorhanden ist.

Die Umgebung, in der diese Geschehnisse stattfinden, gestaltet sich dann auffällig zurückgenommen. Die beiden sind ständig von einem entsättigten Graubraun umgeben, welches durch die gelungene Beleuchtung und die schönen Entstellungen von Kameramann Blasco Giurato allerdings eine hohe ästhetische Ausgestaltung erfährt. Flexibel bewegt sich die Kamera in immer neue aussagekräftige Positionen und zeigt dabei schön, wie man auch in einer tristen Umgebung intensive Eindrücke erzielen kann. Zusammen mit den reduzierten Kompositionen aus der Feder von Federico Monti Arduini entsteht so eine Atmosphäre, die die Beziehung der beiden Hauptfiguren trefflich umschließt.

Michele: Ich schwöre dir bei meiner Ehre, ja ich schwör’s, dass dir nichts passiert außer du willst es.

Außerhalb dieser Situation bietet sich dagegen ein anderes Bild. In grellen Schnipseln zeichnet Visconti hier einen groben Abriss einer miesen Welt. Bruno Corazzari, einer der erfahrensten Nebendarsteller des italienischen Genrekinos, gibt mit Paolo einen weiteren Entführer, den das harte Leben in die Kriminalität getrieben hat. Grundsätzlich zu Liebe und Mitgefühl befähigt, lässt ihm seine Situation leider keine andere Wahl, als dem Kopf der Truppe, Gino, zu folgen. In dessen Rolle schlüpft Flavio Bucci, der kurz zuvor schon in Aldo Lados NIGHT TRAIN – DER LETZTE ZUG IN DIE NACHT (1975) zu sehen gewesen war. Hier gibt er einen Gewohnheitskriminellen, der jedoch auch nur dem nächstgrößeren Fisch zu Diensten ist. Dass sowohl Paolo als auch Gino im Verlaufe der Entführung geschnappt werden, die genauen Umstände aber stets um Unklaren bleiben, fixiert die Handlung zum einen innerhalb des Hofs, verdeutlicht zum anderen aber auch die Situation, in der sich die Entführer befinden: es weiß eigentlich keiner von ihnen, was wirklich passiert, letztlich hoffen sie alle nur darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird.
Das ist natürlich nicht der Fall und so endet der Film für die Entführer schlecht und für die Beziehung zwischen Alice und Michele gar tödlich. Dabei wird die Entwicklung, die deren Liebschaft im Verlaufe des Films nimmt, konsequent zu Ende geführt, was man Visconti hoch anrechnen muss. Die Verkehrung ist am Ende vollendet, die Polizei erhebt sich gar zum willfährigen Gehilfen. Der in die Kriminalität getriebene Süditaliener scheitert ebenso an der Macht des Staats wie an der (vermeintlichen) gesellschaftlichen Überlegenheit der reichen Norditaliener. In Anbetracht derart großartiger Aussagen, die zudem noch ganz vortrefflich in Bilder übersetzt werden, ist es eine Schande, dass der deutsche Kinotitel diesem Film seinen Tiefsinn und seine Eleganz zu rauben versucht. Denn der stets im Schatten seines Onkels stehende Eriprando Visconti hat hier sicherlich einen seiner gelungensten Filme abgeliefert.

Gefühlvolle und tiefsinnige Studie über eine Entführte und ihren Entführer, die gleichzeitig einen trefflichen Kommentar zur gesellschaftlichen Situation im Italien der 70er Jahre darstellt. Und da das Ganze auch noch gekonnt reduziert dargeboten wird, kann es gar nichts anderes als eine klare Empfehlung geben!

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