SIEBEN GOLDENE MÄNNER

Sieben goldene Männer
Sette uomini d’oro | Italien | 1965
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der nur Professor genannte Albert (Philippe Leroy) und seine Geliebte Giorgia (Rossana Podestà) richten sich in einem Genfer Nobelhotel ein, um die gegenüber gelegene Bank Credit Suisse zu beobachten. Dort bricht nämlich gerade eine von Albert befehligte sechsköpfige Spezialtruppe ein, um die Goldreserven der Bank an sich zu bringen. Und obwohl das Vorhaben trotz einiger unerwarteter Widrigkeiten gelingt, steht den Neureichen nach der erfolgreichen Flucht schnell Ärger ins Haus.

Nach einem knappen Jahrzehnt als Schauspieler wechselte Marco Vicario Anfang der 60er Jahre hinter die Kamera und lieferte mit DIE NACKTEN STUNDEN (1964), in dem seine Ehefrau Rossana Podestà bereits die Hauptrolle gab, und dem zusammen mit Antonio Margheriti gedrehten MONDO INFERNO – ALLE SÜNDEN DIESER WERLT (1964) gleich mal zwei einschlägige Werke ab. Trotzdem war der Produzent Ugo Tucci, der einige Zeit später auch die Leone-Kracher SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD (1968) und TODESMELODIE (1971) sowie Fulcis Klassiker WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES (1979) mitverwirklichen sollte, der Meinung, dass Vicario der Richtige für das Vorhaben sei, mit einer Mischung aus Heist-Movie und Agentenfilm an der grassierenden Eurospy-Welle zu partizipieren. Noelle Gillmor und Spanier Mariano Ozores unterstützten Vicario bei der Erstellung des Drehbuchs, welches sich zwar freimütig an Klassikern wie Jules Dassins RIFIFI (1955) oder seiner jüngst veröffentlichten Neuauflage TOPKAPI (1964) orientiert, dank Vicarios grandioser Inszenierung aber ganz eigene Qualitäten entwickelt.

Albert: Und doch kann man niemals alles voraussehen. Eine winzige Kleinigkeit, lässt den besten Plan zum Teufel gehen.
Giorgia: Aber wenn du selbst der Teufel bist …

Denn Vicario schmeißt seine Zuschauer gänzlich unvermittelt in eine Handlung, die zwar recht schnell zu begreifen ist, deshalb allerdings auch überhaupt nicht erklärt wird. So muss der Zuschauer den zunächst fast dialogfreien Ereignissen sehr genau folgen, um sich einen Reim auf das Geschehen machen zu können. Es entsteht neben der Spannung auch ein großer Anreiz, den Ereignissen genaustmöglich zu folgen. Dass der Coup dann zwei Drittel der Filmlaufzeit in Anspruch nimmt, verdeutlicht, welch zentrale Bedeutung die Umsetzung des Einbruchs im Film hat. Nahezu alle Charaktere werden durch diesen Einbruch charakterisiert, allen voran natürlich Philippe Leroy, dem hier als britisch-akribischem Albert die Hauptrolle zufällt.

Seit Jacques Beckers DAS LOCH (1960) etabliert, zeigt Leroy hier eine glanzvolle Darbietung, indem er stets Herr der Lage ist. Charmant und pedantisch zugleich ist er der Kopf der Films, welcher sich die Eigenschaften dieser Figur gleich selbst zu eigen macht. Vicarios Gattin Rossana Podestà darf als femme fatale brillieren, wenn sie allein durch ihren Blick und ihren Gang für knisternde Stimmung sorgt. Dass sie darüber hinaus auch in teilweise auffällig lasziven Kostümen auftritt, überhöht diesen Eindruck schon fast. Neben diesen beiden konnten Tucci und Vicario dann eine große Bandbreite an renommierten italienischen Mimen für die Truppe von Einbrechern besetzen.

Albert: Ich habe dich vorhin beobachtet, wie du zur Bank gegangen bist. Es hat mir einen höllischen Spaß gemacht, zu wissen, dass du unter dem Pelz fast nackt warst. Fast nackt. Und nur ich habe das gewusst.

Gastone Moschin, ab 1972 eher als Ugo Piazza aus Fernando Di Leos MILANO KALIBER 9 (1972) bekannt, als deutscher Adolph (der Gag freilich fehlt in der deutschen Fassung, Gastone heißt hier Arthur) und Gabriele Tinti als Aldo stechen sicherlich heraus. Aber auch Maurice Poli und oder Dario De Grassi sind Genrefreunden sicherlich ein Begriff. Darüber hinaus gibt Giampiero Albertini einen wundervoll verträumten Portugiesen Augusto, der den Zuschauer fast schon an die Hand zu nehmen scheint.

Im Verlaufe des wundervoll fotografierten Einbruchs, Kameramann Ennio Guarnieri fängt die prunkvolle Ausstattung des Credit Suisse ebenso gekonnt ein wie die engen Gänge der darunterliegenden Katakomben, wird der Zuschauer dann erstaunlich unauffällig dazu instandgesetzt, diese sieben A auseinanderzuhalten – um dann der sich anschließenden Hatz durch Italien folgenden zu können. Die findet ebenfalls in einem atemberaubenden Tempo statt, Vicario ist sich des Funktionierens seines Konzepts augenscheinlich sicher. Die allenthalben vorhandene komische Stimmung des Films findet dann in dem vordergründig etwas flachen Finale einen wundervollen Höhepunkt. Was zunächst nämlich etwas inspirationslos wirken mag, entpuppt sich schnell als vollendete Charakterisierung von Albert und seiner Truppe: nicht der Gewinn ist es, der die Herrschaften antreibt (also weint man ihm auch kaum eine Träne nach), sondern der Einbruch, die Performanz als solche.

Albert: Es ist leider bei den großen Unternehmen so: Je genialer sie ersonnen sind, umso dümmer ist der Zufall der sie zu Fall bringt.

Neben den erwähnt tollen Kulissen gibt es dem Zeitgeist entsprechend auch zahlreiche Gimmicks und Spielerein zu sehen. Der Bruch wird mittels eines riesigen Betonbohrers durchgeführt, während piepsende und blickende Ortungsgerätschaften den Weg weisen. Albert sitzt vor einem riesigen Koffer-Schaltzentrum und unter Tage werden die Goldbarren mittels einer geschickt konstruierten Förderbandanlage umgehend in einen leeren Tanklaster verfrachtet. Zusammen mit den tollen Kostümen (bezüglich derer Zurschaustellung sich natürlich ein weiteres Mal Frau Podestà hervortut) und Armando Trovajolis ebenso tollen wie augenzwinkernden Soundtrack gibt es so auch an der Form des Films kaum etwas auszusetzen.
Letztlich liefert Vicario also im dritten Versuch einen echten Knaller ab, der Heist-Movie, Agentenfilm und Komödie nahezu perfekt miteinander verquickt. Und so dient die Vorschau am Ende des Films, welche den nächste Coup der Bande zeigt, sowohl als erneute Bestätigung des Umstands, dass der Weg das Ziel (oder der Koffer die Reise) ist, aber gleichzeitig auch als Orakel: denn ein Jahr später sollte Vicario die gleiche Besetzung in DAS SUPERDING DER 7 GOLDENEN MÄNNER (1966) gleich nochmal auf einen Beutezug führen.

Marco Vicarios dritte Regiearbeit stellt sich als beinahe perfektes Heist-Movie mit Anleihen beim Agentenfilm heraus. Wundervoll inszeniert, begnadet besetzt und stets mit einem zwinkernden Auge bewaffnet, liefert der obendrein toll ausgestattete und vertonte Streifen wundervolle Unterhaltung. Und dass der Einbruch an sich letztlich wichtiger ist als die Kohle, macht ihn zu guter Letzt noch sehr sympathisch.

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2 Antworten zu “SIEBEN GOLDENE MÄNNER

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