DESERT FURY – LIEBE GEWINNT

Desert Fury – Liebe gewinnt
Desert Fury | USA | 1947
IMDb, OFDb, Schnittberichte

In dem verschlafenen Wüstennest Cuckawalla führt die rigorose Fritzi Haller (Mary Astor) ein Spielcasino, mittels welchem sie zur bedeutendsten Peron des Städtchens geworden ist. Als Fritzis unangepasste Tochter Paula (Lizabeth Scott), soeben von der nächsten Schule geflogen, mal wieder nach Cuckawalla zurückkehrt, brechen sogleich alte Konflikte wieder auf, die obendrein von der Ankunft des undurchsichtigen Eddie Bendix (John Hodiak) verstärkt werden. Denn Paula verliebt sich Hals über Kopf in den zwielichtigen Spieler, der auch dem jungen Hilfssheriff Tom Hanson (Burt Lancaster) ein Dorn im Auge ist.

Der erfolg- und einflussreiche Produzent Hal B. Wallis hatte mit den Humphrey Bogart-Filmen DIE SPUR DES FALKEN (1941) und CASABLANCA (1942) zwei der unumwundenen Meilensteine der Hollywoodgeschichte auf den Weg gebracht, bevor er sich mit den führenden Köpfen der Studios verkrachte und ab Mitte der 40er Jahre neue Wege beschreiten musste. Er kam bei Paramount Pictures unter und ersann für seine Rückkehr an die Spitze ein Konzept, welches sowohl eine breite Front neuer Gesichter als auch die Verwendung des Technicolor-Verfahrens zur besseren Vermarktung vorsah. Denn damals war es nur besonders vielversprechenden Produktionen vorbehalten, in Farbe gedreht zu werden – und den daraus resultierenden Umkehrschluss machte sich Wallis zu nutze.
Auf dem Regiestuhl durfte Lewis Allen Platz nehmen, der bis dato vor allem durch den stimmigen Gruseler DER UNHEIMLICHE GAST (1944) Bekanntheit erlangt hatte. Das Drehbuch stützte man dann – wie üblich – auf eine Romanvorlage, die in diesem Fall aus der Feder Ramona Stewarts stammt. Unter der Ägide des Hays Code war es dazu freilich nötig, ihr Desert Town betiteltes Werk anzupassen. Der Drehbuchautor Robert Rossen, der später aufgrund seiner emanzipatorischen Ansichten auch unter der Verfolgung McCarthys leiden sollte, entschärfte vor allem jene Stellen, in denen es um Prostitution und Homosexualität ging. Trotzdem enthält das endgültige Skript immer noch einige deutlich Anspielungen und Kommentare – und genau diese sind die großen Stärken des Films.

Eddie: Auf die gute, alte Zeit!
Fritzi: Was war an der gut?

Denn letztlich lebt dieses Melodram von den gekonnt gezeichneten Beziehungen zwischen den facettenreichen und ambivalenten Figuren. Die begnadete Mary Astor, die in DIE SPUR DES FALKEN die prototypische femme fatale gab, zeigt als selbstbewusste Fritzi, wie viele Aspekte eine solche Rolle abdecken kann: sie ist tüchtige Geschäftsfrau, verletzliches Wesen und strenge Mutter gleichermaßen. Lizabeth Scott, eine von Wallis jüngsten Entdeckungen, gibt ihre wunderbare Tochter Paula, die auf großartige Weise zwischen Kindlichkeit (inklusive Stubenarrest) und dem Erreichen voller Weiblichkeit pendelt. Allein zwischen diesen beiden Figuren spielen sich gleich mehrere tolle Dialoge ab, die weiten Raum für Interpretation und Spekulation bieten.

Letztere wird zusätzlich von John Hodiak beflügelt, der hier als Eddie Bendix ebenfalls zu punkten vermag. Über dieser Rolle liegt ständig ein dunkler Schatten, eine unklare Vergangenheit. Er ist aggressiv und hilflos zugleich, die Kontrolle über den eigenen Geist scheint ihm teilweise abzugehen. Deshalb wird auch Wendell Corey, auch hier darf sich Wallis als Entdecker bezeichnen, zu einer sehr zentralen Figur. Der spätere Hitchcock-Mime gibt hier nur vordergründig den stillen Begleiter Bendix‘, in Wirklichkeit entpuppt sich sein Johnny Ryan als der tatsächliche Denker hinter dem Geschehen. Ob die überdeutliche Benennung dieses Umstandes im Finale tatsächlich nötig ist, kann dabei durchaus in Frage gestellt werden. Abgerundet wird der Cast durch den – selbstredend auch von Wallis entdeckten – jungen Burt Lancaster, der hier zum ersten Mal in seiner Filmkarriere ein Pferd besteigt, dessen freundlich-naiver Tom Hanson aber ansonsten die flachste Rolle darstellt.

Eddie: Ist schon komisch mit den Frauen. Eigentlich lernt man sie erst kennen, wenn man ihnen bei der Ausarbeit zusieht.

Während die Mutter-Tochter-Beziehung nun eine zwar sehr facettenreiche, aber letztlich doch bekannte Konstruktion darstellt, fällt das Verhältnis von Eddie und Johnny deutlich ungewöhnlicher aus. In zahlreichen Szenen wird hier eine homosexuelle Beziehung angedeutet, sowohl verbal als auch per Aktion. Dass sich das leider auch in zeitgenössischen Klischees wiederspiegelt (Johnny putzt und kocht) muss man an dieser Stelle übersehen, die Grundkonzeption – die Rossens spätere Probleme mit McCarthy bereits erahnen lässt – bleibt eine durchaus fortschrittliche. Denn auch wenn die Zuneigung der beiden Männer immer wieder auf monetäre Zielsetzungen reduziert zu werden scheint, so bleibt sie doch beständig in Wort und Tat erkennbar.

Formal sorgt vor allem die erwähnte Entscheidung, den Film in Technicolor zu produzieren für Aufmerksamkeit. Die Wüste Nevadas in prächtig strahlenden Farben steht dabei in einem auffälligen Kontrast zum düster-melancholischen Inhalt des Films. Tom Hansons Rodeo-Vergangenheit und zahlreiche Totalen des Ödlands wecken Western-Assoziationen, die der modernen Rezeption des Films als Film Noir im Wege zu stehen scheinen.

Pat: Wenn ein Mann mal der Beste war, ist er als Zweiter gar nichts!

Doch tatsächlich ist es ohne weiteres möglich, den Film aufgrund des düsteren Eddie Bendix mit seiner Las Vegas-Vergangenheit, der sittlichen Implikationen des Spielcasinos und der allenthalben präsenten moralischen Untiefen dem schwarzen Genre zuzuordnen. Der starke Kontrast zur äußeren Form erzeugt dabei sowohl einen zusätzlichen Reiz als auch den größten Kritikpunkt: denn Regisseur Lewis Allen gelingt es schlichthinweg nicht, diese Zutaten auf einem ihnen gerecht werdenden Niveau darzubieten. Allzu häufig bleibt seine Inszenierung blass und austauschbar. Das Setting wird so kaum genutzt, es bleibt ein farbiger Hintergrund, der sich inhaltlich kaum auswirkt. Das ist schade, denn wäre hier etwas konsequenter gearbeitet worden, hätte DESERT FURY – LIEBE GEWINNT aufgrund seiner gelungenen Besetzung und seiner außerordentlichen Darstellung der Beziehungen zwischen den Figuren höchste Weihen erreichen können; so bleibt er aber (lediglich) ein gelungener Film Noir, der sein größtes Alleinstellungsmerkmal leider nicht vollends zu nutzen versteht.

Verpackt in das gleißend-farbige Licht der Wüste stellt Lewis Allens Melodram einen Beitrag zum Film Noir dar, der mit der inhaltlichen Konzentration auf seine ambivalenten und facettenreichen Figuren sowie deren Beziehungen zueinander zwar alles richtig macht, seine formalen Besonderheiten dabei jedoch kaum zu nutzen vermag. Und das ist schade, da hier aus einem guten ein wahrlich großartiger Film hätte werden können.

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