VIVA CANGACEIRO

Viva Cangaceiro
O Cangaceiro | Italien/Spanien | 1970
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Espedito (Tomas Milian) ist ein brasilianischer Cangaceiro, ein armer Entrechteter, der sein Heil im Banditentum sucht. Nachdem sein Dorf von Regierungstruppen niedergebrannt wurde, mausert er sich schnell zum Anführer einer beachtlichen Truppe von Gesetzlosen, sodass er zum Dorn im Auge des Gouverneurs Branco (Eduardo Fajardo) wird. Dieser schickt Espedito, der zudem davon überzeugt ist, „der Erlöser“ zu sein, den gewieften Niederländer Vincenzo Helfen (Ugo Pagliai) auf den Hals, der Branco dabei helfen soll, sich des Banditenhäuptlings zu entledigen, um das Land seiner Rohstoffe zu berauben.

Regista Giovanni Fago hatte nach seinen beiden Italowestern DJANGO DER BASTARD (1967) und DJANGO – MELODIE IN BLEI (1969) die Idee, sich der seit einigen Jahren grassierenden Welle an Revolutionswestern anzuschließen. Doch anstatt dafür wie so viele seiner Genrekollegen in die (natürlich auch zumeist im spanischen Almeria verorteten) Weiten Mexikos zu entfliehen, entschied sich Fago dafür, eine deutlich weiter südlich gelegene Gegend, die Atlantikküste Brasiliens, zum Schauplatz eines Films zu machen, der zwar durchaus Aspekte des (Revolutions-)Italowesterns aufweist, darüber hinaus aber auch einige höchst eigensinnige Wege beschreitet. Am Drehbuch waren dabei neben Fago als Ideengeber vor allem Bernardino Zapponi, der neben dem grade vollendeten FELLINIS SATYRICON (1969) demnächst auch FELLINIS ROMA (1972) und Dario Argentos ROSSO – DIE FARBE DES TODES (1975) schreiben sollte, sowie José Luis Jerez Aloza, Rafael Romero Marchent und Antonio Troiso beteiligt.

Eremit Giuliano: Ich kämpfe mit dem Kreuz und der Machete!

Das Ergebnis der Arbeit dieser Herren stellt sich dann also durchaus eigensinnige Mixtur heraus, deren Grundlage wie erwähnt der Revolutionswestern ist. Die Regierung wird hier durch den fiesen Branco in all ihrer Habgier und Menschenverachtung verkörpert, sie scheut weder Heimtücke noch Massenmord. Dem gegenüber steht ein – trotz einer auffällig ausgeprägten Eigensinnigkeit – heilloser Optimist, der neben dem eigenen Glück auch das Fortune für seiner Mitmenschen zu erringen sucht. Espedito tritt dabei trotz seines skurrilen „Erlöser“-Hintergrundes nicht als reinrassiger Retter auf, sondern schwankt ständig zwischen unbedachtem Eigennutz und spontaner Selbstlosigkeit. Diese Konzeption der Hauptfigur ist es dann auch, die dem Film eine ordentliche Portion Komödie beimischt, denn Espedito ist nie um dumme Sprüche und wenig galante Flapsigkeit verlegen. Einer der Höhepunkte des Films ist so sicherlich die Szenerie während des Banketts, welches der Banditenhäuptling und sein Gefolge souverän zu vermasseln wissen. Und zu guter Letzt erhält der Film aufgrund seiner deutlich politischen Anklänge auch noch einige gesellschaftskritische Töne, die aufgrund ihrer Darbietung allerdings eher die Groteske bedienen – zu selbiger ist übrigens auch Espeditos größte Seelenpein, der Verlust seiner Kuh, zu zählen.

Fago besetzt seinen ambivalenten Hauptcharakter dann mit dem Kubaner Tomas Milian, der bereits einige Erfahrung in Rollen sammeln konnte, die derart an der Naht zwischen Ernst und Klamauk angesiedelt sind. Als Espedito überzeugt Milian vorbehaltlos, weil es ihm über weite Strecken gelingt, den sturen Eigensinn, die naive Gedankenlosigkeit und die trotzdem durchaus geschickten Winkelzüge dieser Rolle trefflich miteinander zu verbinden. Daneben gibt Ugo Pagliai einen tollen Kolonialisten Helfen, der hier fein gewandet und belesen daherkommt. Er erinnert so stark an John Steiners Darbietung in Giulio Petronis TEPEPA (1969), sorgt jedoch mit einem überzeugenden Twist für hinreichende Eigenständigkeit. Als Antagonist darf wieder einmal Spanier Eduardo Fajardo glänzen, dem die Rolle des menschenverachtenden Gouverneurs Branco glatt auf den Leib geschneidert zu sein scheint. Howard Ross und Leo Anchóriz runden einen abseits der drei Hauptdarsteller eher blassen Cast ab.

Vincenzo: Ist das deine Tochter?
Typ: Ja, sie ist meine Tochter – und die Kleine da ist unser Kind.

Trotz der augenscheinlich geringen Mittel der Produktion (selbst zentrale Schlachten wirken meist überaus beengt und reduziert) gelingt es Fago zusammen mit Kameramann Alejandro Ulloa, der unter anderem Sergio Corbuccis Italowestern-Klassiker MERCENARIO – DER GEFÜRCHTETE (1968) und LASST UNS TÖTEN, COMPANEROS (1970) fotografierte, die Umgebung – gedreht wurde tatsächlich in Brasilien – gelungen einzufangen. Sümpfe und Wälder, Weiden und Felder bieten eine nette Abwechslung im häufigen Einerlei der günstigen Italowestern. Auch die Taktung der erwähnt unterschiedlichen Ingredienzien gelingt Fago recht gut, sodass der Film stets den richtigen Ton trifft. So entsteht letztendlich eine tolle Mischung aus Groteske, Komödie und Revolutionswestern, die von Riz Ortolanis schmissiger Musik, die natürlich immer wieder auf lateinamerikanische Elemente zurückgreift, trefflich untermalt wird.

Giovanni Fagos Ausflug ins Brasilien des frühen 20. Jahrhunderts entpuppt sich als höchst unterhaltsame Mischung aus Revolutionswestern, Komödie und einem Schuss Groteske. Tomas Milian brilliert als mal selbstloser, mal eigensinniger Banditenhäuptling, Eduardo Fajardo als finsterer Gouverneur und Ugo Pagliai als gewiefter Geschäftsmann mit Herz. Schmissig inszeniert und augenzwinkernd dargeboten beweist Fago somit, dass er keineswegs der bloße Handwerker war, als den ihn sein Portfolio oftmals auszuweisen scheint.

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