DAS PHANTOM DER OPER

Das Phantom der Oper
Il fantasma dell’opera | Italien/Ungarn | 1998
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Unter der Pariser Oper spukt ein mysteriöses Phantom (Julian Sands), welches sich jedoch nie zu erkennen gibt. Nur die begnadete – allerdings nur die zweite Besetzung gebende – Christine Daaé (Asia Argento) kann das Wesen mit ihrer lieblichen Stimme hervorlocken. Und während der Baron Raoul De Chagny (Andrea Di Stefano) um Christines Herz buhlt, verliert diese sich immer tiefer in den Katakomben unter dem Opernhaus – und in den Fängen des Phantoms.

Nach eigenem Bekunden war Dario Argento immer schon ein großer Fan des Phantoms der Oper. Der erste Horrorfilm, den er je sah, sei Claude Rains 1943 entstandene Verfilmung PHANTOM DER OPER (1943) gewesen und es sei die Stummverfilmung DAS PHANTOM DER OPER (1925) mit Lon Chaney in der Hauptrolle gewesen, die ihm bis heute als die gelungenste Adaption des 1910 veröffentlichten Romans des französischen Schriftstellers Gaston Leroux scheine; von diesem Eindruck nachhaltig geprägt, war es Argento seit langer Zeit ein Anliegen, sich diesem Sujet einmal filmisch zu widmen. Nach einer unübersehbaren Annährung in Form von TERROR IN DER OPER (1987) fiel ihm kurz nach der Fertigstellung von AURA – TRAUMA (1993) Leroux‘ Roman mal wieder in die Hände und es reifte der Entschluss, der Filmwelt eine weitere Adaption desselben zu schenken, nachdem zuletzt Robert Englund in Dwight H. Littles Variante DAS PHANTOM DER OPER (1989) das Phantom verkörpert hatte.
Doch wo das ewige Pizzaface die Rolle nach Leroux‘ Konzeption in schlimmer Verunstaltung darbot, wollte Argento neue Wege beschreiten. Zusammen mit dem Drehbuchautoren Gérard Brach, der schon in frühen Jahren Welterfolge wie EKEL (1965) oder TANZ DER VAMPIRE (1967) für Roman Polanskis geschrieben hatte, reiste er dann zum Drehort ins Budapester Opernhauser (das Pariser stand nicht zu Verfügung) und schrieb dort ein Skript, welches sich um ein Phantom dreht, welches äußerlich mitnichten entstellt ist. Stattdessen darf der Brite Julian Sands sein makelloses Gesicht in die Kamera halten und Hässlichkeit und Deformation in seinem Inneren bewahren. Und auch abseits dieser Entscheidung behalten sich die Herren Autoren einige Freiheiten vor, was sich nicht zuletzt in der allenthalben präsenten Ratten-Thematik äußert. So gibt István Bubik den skurrilen Rattenfänger Ignace, der im Verlaufe des Films auch schon mal mit einem Steampunk-Rattenfängerfahrzeug durch die Katakomben braust. Aber auch der Hintergrund des Phantoms als von Ratten aufgezogenes Wesen, welches sich selbst als Ratte begreift und folglich auch mit den Tierchen beizuschlafen pflegt, belegt den Innovationswillen der Schreiberlinge.

Phantom: Ich bin kein Phantom, ich bin eine Ratte.
Typ: Oh, das tut mir leid, ich liebe Tiere!

Als Christine besetzte Argento zum dritten Mal nach AURA – TRAUMA und THE STENDHAL SYNDROME (1996) seine Tochter Asia Argento. Diese bietet eine ihrem Wesen entsprechend enthemmte Darstellung, die immer wieder zwischen stimmig und überzeichnet schwankt. Während ihr einige eindringliche Szenen gen Ende durchaus gut gelingen, wirken vor allem die Dialogsequenzen und allem voran die nachsynchronisierten Gesangseinlagen überwiegend misslungen; für die Einstellungen, in denen sich Christine dem Phantom hingibt, wurde übrigens ein Körperdouble verwendet. Andrea Di Stefano bleibt als Baron weitestgehend blass, dafür kann Nadia Rinaldi als Diva Carlotta immerhin einige Lacher einheimsen.

Allen diesen Figuren gemein ist jedoch, dass Argento sie sehr einsilbig ausformuliert. Die Rollen sind ebenso schnell wie klar verteilt, Entwicklungen und Variationen bleiben aus. Ohnehin scheint es ihm ein Anliegen zu sein, den Zuschauer zügig vor klare Tatsachen zu stellen, um sich dann ganz der Form des Films zu widmen. Eigentlich ist man als Betrachter nach nur 15 Minuten vollends über die Geschehnisse im Bilde. Ab da bietet der Streifen eine zwar nicht sehr innovative aber überwiegend stimmige Inszenierung auf, die seine teils akrobatisch anmutenden inhaltlichen Sprünge geschickt vergessen macht. Er kümmert sich kaum darum, eine Dramaturgie zu installieren, der Zuschauer weiß schließlich, was an der weltbekannten Geschichte das Dramatische ist. Diese Herangehensweise sorgt dafür, dass Freunde eines schlüssigen und stringenten Spannungsbogens vor den Kopf gestoßen werden.

Christine: Ich hasse dich!
Phantom: Ja, aber Hass und Liebe sind ein und dasselbe.

Optisch gibt es einige prächtige Kulissen und Ausstattungen zu sehen und auch des Phantoms unterirdischer Unterschlupf weiß in seiner Simplizität zu gefallen. Die geschätzten zehn Millionen US-Dollar an Budget merkt man dem Film also durchaus an und einige Groschen davon investierte der Maestro auch wieder in ein paar Liter Kunstblut und etwas Latex. So begegnen dem Zuschauer eine Handvoll blutiger Explizitäten, was den grundsätzlichen Duktus des Films, der ständig zwischen Horror, Romanze und Komödie schwankt, trefflich unterstützt. Und auch Komponist Ennio Morricone, der zu Beginn von Argentos Karriere bereits dessen TIER-TRILOGIE vertonte, liefert in seinem etwas untypischen Soundtrack eine dazu passend große Bandbreite an Klängen und Stilen.
Bezüglich seiner Rezeption kämpft der Film seit seiner Veröffentlichung mit zahllosen Vorwürfen und Anfeindungen. Wie viele spätere Werke Argentos fußen diese meist auf der übergroßen Erwartungshaltung, die seine großartigen Frühwerke erzeugt haben. Doch mit etwas Abstand lässt sich DAS PHANTOM DER OPER dann doch als recht unterhaltsame Variante der Vorlage goutieren. Natürlich kann es der Film nicht mit Argentos Klassikern aus den Genres Giallo und Horror aufnehmen, aber mit seinen teils skurrilen Ideen und seiner schönen Ausstattung bietet er sich doch zumindest eine eigenständige Interpretation von Leroux‘ großem Schauerroman an – und das gilt es zumindest anzuerkennen.

Schön ausgestattet und mit einigen netten – bisweilen auch skurrilen – Ideen versehen, bietet Argento hier solide Gruselunterhaltung auf Basis der weltbekannten Vorlage. Und wenn man sich bei der Betrachtung von der großen Historie des Maestros freimacht, dann vermag der Streifen sogar recht solide zu unterhalten.

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