DIRTY DANCING

Dirty Dancing
Dirty Dancing | USA | 1987
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die überall nur Baby genannte Frances Houseman (Jennifer Grey) verbringt die Sommerferien 1963 mit ihrer Familie in einem exklusiven Ferienresort in den Catskill Mountains. Von dem spießbürgerlichen Unterhaltungsprogramm gelangweilt, begibt sich Baby dann zu einer geheimen Tanzveranstaltung der Angestellten, wo ihr sogleich Johnny Castle (Patrick Swazye) in Auge fällt, dessen Tanzkünste die aller anderen überragen.

Bereits 1980 hatte die Drehbuchautorin Eleanor Bergstein eine äußerst laszive Tanzszene entworfen, welche sie im Skript zu Claudia Weills Romantik-Komödie IT’S MY TURN – ICH NENN‘ ES LIEBE (1980) unterbrachte. Doch die Produzenten des mit Michael Douglas durchaus prominent besetzten Streifens schnitten diese Sequenz kurzerhand aus dem finalen Film heraus. Erbost und enttäuscht arbeitet Bergstein in den nächsten Jahren weiter daran, ihre Jugenderfahrungen auf die große Leinwand zu bringen. Denn tatsächlich handelt es sich bei der in Übersee häufig Dirty Dancing genannten erotischen Tanzerfahrung um eine wahre Begebenheit. In ihrer Jugend besuchte Bergstein ein versnobtes Ferienresort, tanzte dort eindringlich mit einem Tanzlehrer und wurde von diesem obendrein Baby genannt. In der Mitte des Jahrzehnts traf Gerbstein dann auf Linda Gottlieb, die das Konzept verstand und die dem bis dahin auf Dokumentation spezialisierten Studio Vestron Pictures fünf Millionen US-Dollar an Budget aus den Rippen leierte (aus denen bis Drehende übrigens zwölf Millionen werden sollten). Als Regisseur konnten die beiden Damen schließlich Emile Ardolino gewinnen, der zwar noch nie zuvor einen Spielfilm realisiert hatte, der dafür aber bei der Dokumentation HE MAKES ME FEEL LIKE DANCIN‘ (1983) einiges an Tanzfilm-Erfahrung gesammelt hatte.
Das Ergebnis dieser Kollaboration ist dann ein höchst durchwachsenes, merkt man dem Film doch allzu häufig an, dass er der verklärten Jugenderinnerung einer der Beteiligten entsprungen ist. So schafft es die Story zu keiner Zeit, die Bahnen des haarsträubenden Unfugs zu verlassen und hampelt sich demzufolge von einer Unlogik zur nächsten. Das führt dann dazu, dass kurzerhand Abtreibungen im Ferienhaus stattfinden und die Figuren ihre Meinungen und Moralvorstellungen wechseln wie die Tänzer die Figuren. Was bleibt, ist ein – in den Dialogsequenzen obendrein höchst inspirationslos inszeniertes – Teenie-Gewäsch, welches in seiner eigenen Vorhersehbarkeit ertrinkt.

Baby: Daddy, jemand steckt in der Klemme!
Jake: Noch jemand außer deiner Mutter?

Doch wie man es einem guten Horrorfilm zugestehen sollte, ihn nicht nur nach der Schlüssigkeit seiner Geschichte zu beurteilen, so sollte man auch bei einem Tanzfilm ein durchaus spezifisches Maßband anlegen. Schon vier Jahre zuvor zeigte Adrian Lyne mit FLASHDANCE (1983), dass ein Tanzfilm auch von seinem Stil, seinem Schwung und nicht zuletzt seiner Musik leben kann. Doch wo Lyne alles auf die 80er-Karte setzt – zu damit zumindest Freunde dieser kulturellen Ära trefflich bedient – bleibt Ardolinos respektive Bergsteins Film höchst unentschieden. In den frühen 60er Jahren angesiedelt schafft er zum einen eine unnötig große Distanz zur Zeit seiner Veröffentlichung, zum anderen aber auch eine irritierend Ambivalenz zwischen Bild und Ton. Während Baby und Johnny oftmals zu zeitgenössischen Klängen der 60er Jahre tanzen, trainieren und präsentieren sie ihre Künste stets zu aktuellen Werken der 80er Jahre. Das verhindert, dass der Film zu einer Essenz seines Jahrzehnts wird, es fehlt im schlicht ein eigenes Jahrzehnt.

So sind auch die von Choreograf Kenny Ortega inszenierten Tänze an jene der 60er Jahre angelehnt, was in Verbindung mit dem 80er-Pop wiederum irritierend anmutet. Umgesetzt werden sie von den beiden Hauptmimen allerdings durchweg gekonnt. Patrick Swayze wurde dabei vor allem aufgrund seiner tänzerischen Fähigkeiten (die er sich mitnichten erst für diesen Film aneignete) engagiert. Schon vor seinen Spielfilmerfolgen DIE ROTE FLUT (1984) und FACKELN IM STURM (1985) hatte er als Tänzer in STAYING ALIVE (1983), der Fortsetzung von NUR SAMSTAG NACHT (1977), mitgewirkt. Jennifer Grey, die ebenfalls in DIE ROTE FLUT eine ihrer ersten großen Rollen gab, gelang mit der Rolle der Baby ebenfalls der große Durchbruch, den sie allerdings ein paar Jahre später per Nasen-Operation wieder zunichtemachte – mit ihrer nun an das vermeintliche Schönheitsideal angepassten Nase fehlte ihr fortan ihr Erkennungsmerkmal, was ihrer Karriere nachhaltigen Schaden zufügte. Mit Jerry Orbach gibt es darüber hinaus einen etablierten Hollywood-Schauspieler zu sehen, während die übrigen Nebenrollen eher blass besetzt sind; was bei der erwähnt schwachen Qualität der Charakterzeichnung aber letztlich auch egal ist.

Johnny: Hey, alter Junge. Wer ist denn die da?
Billy: Sie ist mit mir her gekommen
Baby: Ich hab eine Wassermelone getragen!

Der immense Erfolg, den der Film im Kinojahr 1987 verbuchen konnte, und sein bis heute anhaltender Kultstatus sind also eher auf einige glückliche Fügungen zurückzuführen. Der Film traf, trotz aller Ungereimtheiten, den Nerv der Zeit und konnte so trotz zahlreicher handwerklicher Fehltritte und inhaltlicher Löcher eine riesige Fangemeinde um sich versammeln. Davor gilt es den Hut zu ziehen, auch wenn es allenthalben schwierig scheint, dies nachzuvollziehen. Der unzählige Male (darunter auch mit einem Academy Award) prämierte Soundtrack gehört bis heute zum festen Inventar einer jeden Tanzschule und der Finaltanz steht seinem Pendant in FLASHDANCE an Bekanntheit ebenfalls in nichts nach. Es bliebt also dabei: DIRTY DANCING ist ein Film, der man einfach mögen kann, ohne dies handfest begründen zu können; daran ist nichts auszusetzten. Allerdings ist auch das Gegenteil ohne weiteres möglich.

Ein inhaltlich und handwerklich durchweg belangloses Romantik-Filmchen, welches aus fast unerklärlichen Gründen einen immensen Erfolg verbuchen konnte und heute allenthalben Kultstatus genießt. Das muss einem nicht gefallen (vor allem der skurrile Spagat zwischen den Jahrzehnten ruiniert vieles), das muss man aber zumindest anerkennen.

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Eine Antwort zu “DIRTY DANCING

  1. Pingback: FLASHDANCE | SPLATTERTRASH·

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